Liberté de Circulation, toujours
1Da wo ich herkomme, aus Süddeutschland, im Schwäbischen, da wird jemand, den die Kräfte verlassen, der gerade nicht mehr kann, der aus eigener Kraft nicht hochkommt, der überflüssig geworden ist, „ein Pfund Schnitz“ genannt. Es wird meist verächtlich gesagt, wie alles, was nicht gleich als leistungsbereit und arbeitsam erkannt wird.
Prologo
2Hallo, mein Name ist Kasperl. Oder Seppel. Was denkt ihr denn? Pinocchio? Ich wohne bei der Großmutter, die am Samstag immer Sauerkraut und Bratwürstel kocht. Wenn ihr der Zwicker nicht beschlägt, lässt sie auch kein Gesindel in ihr Haus. Und weil sie kalte Füße bekommen hat, wie alle Großmütter dieser Welt, und weil wir beide, der Kasperl und der Seppel und der Pinocchio seit neustem auch immer kalte Füße haben, hat sie sich eine Heizung eigens für den Fußboden einbauen lassen, vom Wachtmeister Dimpfelmoser höchstpersönlich, der ja schon lange hier bei uns im Haus lebt, seit ihn um ein Haar der Schlagfluss getroffen hat. Ja, seine Schreckhaftigkeit hat ihn schwindeln gemacht und nun geht er nur noch mühsam aufrecht. So trifft es sich auch für ihn recht gut, wenn er in Fußbodennähe wohnen kann, wo ihm die Heizschlangen nahe sind. Weil wir halten ja zusammen, wenn wir kalte Füße kriegen. Also nun ist aber Dampf hier drinnen, wenn die Großmutter ihre Bratwürstel brutzeln lässt und das Sauerkraut aus dem Topf herausdampft und obendrein nun die Fußbodenheizung den Kubikmeter Wasser aus dem nagelneuen Estrich herausverdunsten hilft. Und weil wir alle so genussvoll ans Essen dachten und schlussendlich zu Tisch auch ausgiebig aßen, bis die Töpfe leer waren, sammelte sich all der Dampf aufs Dichteste und die Wände setzten Schimmel an. Und nun ist uns das gesamte Haus also, in das sich auch kein Hotzenplotz mehr und kein Gesindel trauten, man höre und staune, vor unseren eigenen Augen verschimmelt. Und da hieß es mutig Essig oder Spiritus ausgießen und hinpinseln an alle Oberflächen, weil ein vernünftiger Mensch ja weiß, dass man nicht mehr lüften kann heutzutage. Auch nicht mehr schräg stellen kann man ein Fenster, denn es zieht alles Mögliche hinein aus dieser ehemaligen Frischluft da draußen, die wir einzuatmen nicht mehr gewohnt waren. Und nun haben wir uns alle drei, der Seppel, also ich, der Kasperl, Pinnochio, der Dimpfelmoser und die Großmutter hier im Haus auf Dauer versammelt und hören die alten Lieder aus der Kaffeemühle. Der Kaffee ist uns natürlich ausgegangen, vielmehr der Großmutter, wir Kinder trinken ja keinen. Aber die Herzensgrube wird es ihr danken, wenn das Schlagen und Hüpfen allmählich zur Ruhe kommt. An Schimmel ist noch keiner gestorben. Und Systemmykosen, an welchen die Leute zu Grunde gehen, werden’s schon nicht sein. Und da wir uns weder von Innen betrachten, noch aus den beschlagenen Scheiben nach Draußen schauen müssen, haben wir inzwischen alle denselben Atem, der nicht tief, aber angenehm kurz zu nennen ist, angesichts der Luft, welche uns überschaubarem Völkchen noch geblieben ist.
Römisch Eins
Römisch Eins Arabisch Eins
3Wie denkt der weiße Mann (Arabisch Eins)
4Wieso hat der jetzt, dieser Ausländer, in der U-Bahn einen Sitzplatz und ich nicht ?... Also, den stoß ich vom Bahnsteig, bei nächster Gelegenheit stoß ich den runter, und er ist wie nie gewesen, falls er nicht gerettet wird.
Römisch Eins Arabisch Zwei
5Wie denkt der weiße Mann (Arabisch Zwei)
6Heute sitzen meine Tränen etwas lockerer im Sattel als für gewöhnlich. Der geringste Anlass und es fließt. Eben habe ich beispielsweise gesehen, wie das Bahnpersonal gemeinsam mit der Bundespolizei jemanden aus dem Zug geworfen hat. Als er aus dem Zug geworfen und die hässliche Sprache der Männer, die für Ordnung sorgten, verklungen war, wurde es wieder still im Abteil. Aus dem Zug geworfen wurde er nicht gerade. Nicht geworfen, keiner flog durch die Luft, niemand ging in die Luft. Er stand dann am Bahnsteig mit dem gesamten Hab und Gut, wie ich vermute, was wahrhaftig nicht viel war. Er schaute kurz in den Himmel – etwa so! –, als zwei Uniformierte, die rasch herantraten, ihn links und rechts unterhakten und ihn fortbrachten, den umgekehrten Weg. Vielleicht hat er, den ich doch nur verschwommen sah, durch das salzige Meer meiner Tränen und die ohnehin verkratzte Scheibe hindurch, am Himmel den Vogelschwarm in den Süden beobachtet, der ihm die Richtung anzeigte.
7Ich habe es bereits gesagt: Der geringste Anlass und ich weine. Wenn man die Strecke fährt, tagein tagaus, muss man gewappnet sein. Ich brauche die Zeit ja, um mich vorzubereiten, auf eine Präsentation oder etwas Ähnliches. Die Fahrt durch den Brennerpass nach Südtirol ist landschaftlich ein Augenschmaus, nicht wahr? Seit Jahrtausenden!
8Auch ich in Arkadien!
9Sicherlich könnte man sich weniger Verkehr wünschen. Sie verstehen, wie ich das meine! Straßenverkehr! Man könnte die Fahrt auch mit Staunen verbringen, selbst bei täglichem Pendeln.
10Einmal eingestiegen und nach Luft im Großraumabteil gesucht, wird relativ schnell klar, dass auch heute morgen wieder kein Idyll vorzufinden ist. Der Zug rollt los und lässt das Einkaufszentrum hinter sich, das auf Höhe des ehemaligen Schlagbaums steht. Outlet steht dort wiederholt, Weiß auf Schwarz. Ich habe das Wort eigentlich nie verstanden. Heute verstehe ich es wörtlich, angesichts des Jägerbataillons, das mit dem Feldstecher über der Bahnstrecke thront. Auslass, Rauswurf. Und dann ist der Sprung über die Klippen der unteren Augenlider so gut wie sicher. Braucht die zitternde Oberfläche des Eigelbs – Sie gestatten mir doch den wackeligen Vergleich? – ... Braucht die zitternde Oberfläche des Eigelbs eine Rasierklinge, um zu platzen, damit die Form des Spiegeleis also seine Form verliert und das goldgelbe Auge über den weißen Grund zerfließen kann – Sie gestatten mir doch Bunuels „Un Chien andalou“ zu zitieren – so sind es in meinem Fall oft die gewöhnlichen Wogen des Alltags, welche mein Augenlicht trüben.
11Das Auge ist noch nicht gerissen.
12Was denkt mein Nachbar, der so blass zur anderen Seite rausschaut?
13Trübt ihm das bengalische Leuchtfeuer der Aktivist*innen, die für Bewegungsfreiheit kämpfen, die Sicht? Die Grenze am Brenner wurde nun vorerst doch nicht geschlossen, aber Österreich wird die Straßen im Ernstfall mit siebenhundertfünfzig Soldaten und vier Panzern blockieren. In der Tagesschau wird berichtet, Spanien könne davon „ein Lied singen.“
Römisch Eins Arabisch Drei
14Mauern werden fallen
Auf Anemonen und Korallen
Mauern werden fallen
Auf Anemomen und Korallen
Auf Anemomen und Korallen
Römisch Eins Arabisch Vier
15White Noise ist eine Methode, Menschen beim Einschlafen zu helfen. White Noise wirkt beruhigend. Diese App können Sie gratis herunterladen. Aber was heißt gratis? Gratis ist nur der Tod. Es heißt, dass die Daten, die sich auf einem Server in den USA befinden, unter dem Atlantik hindurch instantan in dicken Kabeln transferiert werden. Diese Daten müssen auf den riesigen Festplatten in den riesigen Hallen mitten in der Wüste Kaliforniens ordentlich gekühlt werden. Das verbraucht Energie, nicht gleich Atomkraftwerke wie bei den weißen Startbildschirmen von Google, auch keine Staudämme wie beim Horten von Bitcoins, aber immerhin. Sie können dieses Gerät natürlich auch bei Amazon bestellen. Dann werden für die Verpackung wahrscheinlich Zellulosewerke in Chile in Anspruch genommen. Die Chilenen haben über Jahrzehnte, noch unter General Pinochet und der Empfehlung der neoliberalen Chicago Boys um Milton Friedman, den gesamten Küstenstreifen bis hinunter nach Patagonien abgeholzt und schnell nachwachsenden Eukalyptus angebaut, sodass der Wasserspiegel abgesackt ist, sodass die dörflichen Gemeinden auf dem Trockenen liegen, sodass die Landbevölkerung in die Städte wandert oder im Gefängnis landet, sobald sich gegen all das Protest regt, sodass die Land- und Stadtbevölkerung ihre Heimat verlässt, um dort das Glück zu suchen, wo all die Pakete aus Pappe ankommen, sodass wir hier wegen der ganzen Migration ganz unruhig werden und nicht mehr schlafen können und noch mehr Einschlafhilfen bestellen und noch mehr Bäume abholzen lassen usw. Sie kennen das aus afrikanischen Ländern, die, wenn ich mit Dr. Boniface Mabamba sprechen darf, ihre Ressourcen nicht selbst nutzen dürfen, weil die Weltbank seit den 1980er Jahren Strukturanpassungsprogramme empfiehlt, die „natürlich“ der weiße Mann ersonnen hat.
16Wie gesagt, White Noise hilft ihnen einzuschlafen und die Sorgen des Tages, den ganzen Zynismus und auch das Zuviel an Informationen zu vergessen. Im Vergleich: Brown Noise.
17Das gibt es auch. Aber es klingt nicht so rein. Das müssen sie schon zugeben.
Römisch Eins Arabisch Fünf
18Auch ich in Arkadien!
19Hier unten sehen Sie Goethe auf dem Weg nach Italien. Da ist er durchgefahren, mit der Postkutsche, mit zarten siebenunddreißig Jahren. In welchem Jahr? Wer weiß es?
Römisch Eins Arabisch Sechs
20Rechtslibertäre wissen sich selbst zu helfen. Sie brauchen keine Polizei oder ein Militär, um sich zu beschützen, wenn es um die Errichtung des Ethnostate geht. Bereits in den zwanziger Jahren wusste die SA, dass ein verlängerter Arm des Faschismus bereits auf demokratischem Nährboden um sich schlagen muss. Und auch die ehemalige Pegida-Frontfrau und Mitbegründerin der AfD Hamburg Tatjana Festerling weiß das. Dass man nämlich dem Staat unter die Arme greifen muss, wenn er nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden kann. So hat sie sich eine paramilitärische Ersatztruppe zusammengesucht und patrouilliert nun in Bulgarien gemeinsam mit völkischen Nationalisten an der Grenze zur Türkei, um die Grenzen zu schützen. Gemeinsam mit Neonazis, die sie aus ganz Europa rekrutiert hat, bereitet sie sich auf den nächsten Einsatz vor, mit Kabelbindern, um die Wehrlosen zu fesseln und zu Boden zu zwingen, mit Schusswaffen, um sie niederzuschießen. Was tun? Es gilt, die Außengrenzen zur Not mit Waffengewalt zu verteidigen, sagt auch der bulgarische Außenminister Karakatschanow. Festerling, gebürtige Schimanski, lässt sich angesichts der Geflüchteten, die ihre Familien zurücklassen und ohne Hab und Gut um Schutz flehen, nach monate- bis jahrelangen Odysseen, zu Aussagen hinreißen wie: „Es sind eiskalt berechnende Krieger des Islam, die aus verrohten Kulturen kommen und die mit unserer freien, dekadenten Lebensweise nicht das Geringste zu tun haben wollen, sondern sie zutiefst verachten und bekämpfen.“ Sie schlussfolgert das anhand zurückgelassener Kleidungsstücke, Tablettenpackungen, leeren Brause-Dosen sowie Papieren mit arabischen Schriftzeichen. „Vollzug aus dem bulgarischen Unterholz“ sei dahingegen ihre Mission. Sie sagt das stolz im Tarnanzug, umgeben von Männern in Sturmhauben. Im bulgarisch-türkischen Grenzgebiet werde unter schwersten Bedingungen – „sengender Hitze, unbefestigtem Gelände, dschungelähnlichem Wald und Moskitos“, gegen die „Invasorenströme aus der Türkei“ gekämpft. Von Regierungsseite wird das begrüßt. Im Volk genießen die Faschisten, die den Antisemiten und Nazi-Kollaborateur General Lukov verehren, ein hohes Ansehen. Festerling appelliert an alle „Männer Europas, möglichst Veteranen aus Militär und Polizei“, nach Bulgarien zu reisen und sie zu unterstützen, die „Invasoren auf ihrem Raub- und Rape-Feldzug im Namen des Islam“ zu stoppen. Vor einem Jahr hatte Festerling noch auf den Leipziger Straßen verkündet: „Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würde sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen, aus Universitäten und aus den Pressehäusern prügeln.“ An Festerlings Oberarm prangt das Wappen der Heimatarmee bulgarischer, pro-russischer Nationalisten. Die Truppe bekämpft das demokratische politische System in Bulgarien und versucht, nach eigener Aussage, die Welt „aus der Sklaverei durch die zionistische internationale Finanzmafia“ zu befreien.
Römisch Zwei
Römisch Zwei Arabisch Eins
21Ich helfe Anderen, weil ich möchte, dass auch mir in einer vergleichbaren Situation geholfen wird. Und ich helfe im Rahmen meiner Möglichkeiten, damit auch weiterhin auf meine Hilfe gezählt werden kann. Das ist nicht moralisch, sondern pragmatisch.
22Wenn Du Fluchthelfer*in bist, hast Du Anspruch auf ein Europäisches Verdienstkreuz. Deine Fluchthilfetätigkeit ist so ehrenhaft wie die der DDR-Fluchthelfer*innen, die für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz erhielten. Wenn Du also Fluchthilfeaktionen durchgeführt hast, teile uns dies mit und erhalte ein Verdienstkreuz.
23Wenn Du Fluchthilfe leisten möchtest, empfehlen wir Dir, uns per PGP verschlüsselter Mail oder über das encrypt.to-Formular zu kontaktieren. Richte Dir am besten sogar eine extra anonyme Email-Adresse ein, denn auch Metadaten können Dich verraten.
24Dasselbe gilt, wenn Du Fluchthelfer*in werden möchtest und noch Fragen zu einer bevorstehenden Fluchthilfeaktion hast, oder wenn Du erwischt wurdest und Dich an den Rechtshilfefond wenden möchtest.
25Für die Verleihung des Verdienstkreuzes empfehlen wir Dir, einen/eine Stellvertreter*in zu schicken, welche das Verdienstkreuz für Dich entgegen nehmen kann. Damit machst Du es dem Staat möglichst schwer, Dich für Deine Fluchthilfeaktion zu belangen.
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26Während der amerikanischen Sklaverei organisierten Fluchthelfer*innen der Underground Railroad Bewegung ein Netzwerk, das etwa 100.000 Versklavten die Flucht in den freien Norden der USA und nach Kanada ermöglichte. Die Beteiligten organisierten Ausbrüche aus Plantagen, sorgten für Transportmittel und sichere Wege und gewährten den Flüchtlingen Unterschlupf in Schutzhäusern. Unterschiedlichste Charaktere waren hieran beteiligt: Von freien Schwarzen und ehemaligen Sklav*innen, die sicherlich eine Hauptrolle spielten, über politische Anti-Sklaverei-Aktivist*innen und Kongressabgeordnete, bis hin zu Anhängern religiöser Gruppen wie den Quäkern. Eine der bekanntesten und erfolgreichsten Fluchthelfer*innen dieser Organisation war Harriet Tubman. Selbst in die Sklaverei geboren und geflüchtet, reiste sie 13 Mal zurück in die Südstaaten und begleitete persönlich etwa 70 Menschen in die Freiheit.
27„Ich war für acht Jahre Schaffnerin der Underground Railroad und ich kann von mir behaupten, was nur wenige andere Schaffner sagen können – ich habe meinen Zug nie entgleisen lassen und ich habe niemals einen Passagier verloren.“
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28Jürgen macht Elvira einen Heiratsantrag. Weil die beiden echte Tauchfans sind, wollen sie eine Hochzeit unter Wasser. RTL2, Folge 200: „Wasser ist mein Element!“ Gedreht wird auf den Kanarischen Inseln.
29Auf einem großen, flachen Bildschirm liest Jürgen am Flughafen die News: „Audienz für die Staatschefs der EU im Vatikan. Der Papst ermahnt die Politiker: Das erste Element europäischer Lebenskraft ist die Solidarität." Elvira fragt Jürgen, ob sie die Sonnenkrem eingepackt hat.
30Jürgen arbeitet seit 22 Jahren im Verkauf der Firma CV Security Systems in Bietigheim-Bissingen, im Speckgürtel der Landeshauptstadt Stuttgart:
31„Die Bewegungsfreiheit, die Freizügigkeit, die freie Zirkulation von Menschen – das ursprüngliche Kernstück des Schengen-Abkommens“, sagt Jürgen seiner Tochter vor er Abreise, „– muss unter Umständen unterbrochen werden, ob hier oder in afrikanischen Staaten. Da beißt die Maus keinen Faden ab! Derzeit gibt es wenige, die den Überblick behalten. Meine Firma CV Security Systems bietet seit 40 Jahren Top Qualität zu fairen Bedingungen. Und der Nato-Stacheldraht ist derzeit bei uns der Topseller. Wir sind der einzige deutsche Hersteller. Von der Flüchtlingskrise profitieren wir unmittelbar. Das lässt sich also ohne großes Federlesen sagen.“
32Jürgens Tochter Annie aus erster Ehe arbeitet nach ihrem Soziologiestudium beim Kanton Basel. Sie befasst sich mit Relocation. Ihrem Vater erwidert sie wütend:
33„Menschen werden registriert und verpflanzt, ohne Wurzeln schlagen zu dürfen. Die Schweiz z.B. beteiligt sich auch am europäischen Umverteilungsprogramm. Seit März 2016 hat die Schweiz 368 Personen aufgenommen, 340 aus Italien und 28 aus Griechenland. Kannst du nachlesen auf der Website Sozialhilfe des Kantons Basel Stadt: Die Migrationslage in Europa und in der Schweiz ist derzeit beruhigt, (...) unter der Voraussetzung, dass das Abkommen zwischen der Europäischen Union und der Türkei Bestand hält. „Solidarische, europäische Migrationspolitik“, fordert der Papst. „28 aus Griechenland! Und nennt die Schweiz Solidarität! In einer Schweizer Zeitung lese ich, es sei ein humanistischer Akt, die Grenzen zu schließen, weil dann auch keiner mehr ertrinken würde. Es gleiche außerdem einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit, alle Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Damit würde man einen ganzen Staat entvölkern.
34Papa? Bist du noch dran? Ja, ich bin draußen vor der Tür! Nein, ich verliere meine Arbeit nicht! Jetzt hör mal zu! Hallo? Kriegst du noch was mit? Ich höre immerzu von der Wut der Bürger*innen, wir seien doch nicht das Sozialamt der Welt. Aber ich sage dir was, ich bin wütend! Meine Empathie ist die reinste Wut! Ich bin ein Wutmensch, kein Gutmensch! Und mit mir sehr viele, die nicht helfen dürfen. Sollen die weißen Männer, die sich hier einschließen wollen, doch auswandern auf die Kanaren oder nach Südamerika! In Chile gibt es eine hundertfünfzigjährige Tradition deutscher Männergesangsvereine, sollen die sich doch dort alle heiraten! Nein, ich hab nichts gegen Elvira, verdammt! Du kannst heiraten wen du willst!
35Allein in der Türkei leben 3 Millionen Geflüchtete, teilweise ohne jegliche Unterstützung. Eine halbe Million Kinder gehen nicht zur Schule. Frauen verkaufen ihren Körper, Männer ihre Nieren. Und jetzt greift die Türkei die Selbstverwaltungszonen in Nordsyrien an, völkerrechtswidrig, mit deutschen Panzern, verstehst du? Habt ihr die auch gebaut für euren Nato-Partner? Weil der Flüchtlingsdeal mit der Türkei nicht platzen darf, kann das Türkische Militär machen was es will. Und das wird wieder Hunderttausende neue Flüchtlinge schaffen. Und zusammen mit Libyen und anderen Mittelmeeranrainerstaaten warten bereits über 6 Millionen auf die Möglichkeit einer Überfahrt. In Libyen lassen sich Frauen so genannte Drei-Monats-Spritzen setzen, weil Vergewaltigungen längst keine Ausnahmen mehr sind.
3628 aus Griechenland! Verstehst du, was das für eine Zahl ist? Ich war in einer Unterkunft bei Biel, in einer ehemaligen Schule und die Räume sind leer. Es hätten hunderte Geflüchtete Platz, aber die Schweiz nimmt einfach keine mehr auf!
37So und jetzt schönen Urlaub, Papa! Habt es schön! Nimm bitte genügend Sonnenkrem und Stacheldraht mit! Gestern sind in Costa Teguise sieben Geflüchtete ins Wasser gesprungen und ertrunken, aus Angst vor der Polizei. Denk dran, wenn du auf einen Berg kletterst, falls du doch Angst kriegst, beim Tauchen von Zombies angefressen zu werden. Und grüß Elvira von mir!“
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38Wie kriegt man weiße Männer dazu, freiwillig zu schrumpfen? Jacques Lacan sagt, die Angst vor dem Fremden ist die Angst vor der Kastration. Weniger arbeiten, weniger verdienen, weniger wenig Zeit haben, weniger Energie verbrauchen, weniger ausbeuten, weniger zivilisieren, weniger wegschauen, weniger immer dieselben Menschen treffen, weniger anderen misstrauen, weniger konkurrieren, weniger hassen. Wem könnte das gefallen? Wem könnte das nicht gefallen?
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39„Mauern werden fallen, auf Anemonen und Korallen. Mauern werden fallen, auf Anemomen und Korallen. Auf Anemonen und Korallen. Anemomen und Korallen.“
40Innsbruck hatte sich 2024 für den Aufbau eines monumentalen Denkmals beworben, das die Vereinten Nationen ausgeschrieben hatten. Es trug den Titel "Universelle Bewegungsfreiheit", „Freedom of global movement" oder "Liberté de Circulation, universelle“. In der Schlussrunde des Wettbewerbs übriggeblieben waren: San Diego, Kalifornien, Jalta, Krim, Innsbruck, Tirol und Ludwigshafen, Pfalz. Ludwigshafen machte das Rennen. 2026 begannen die Bauarbeiten. Zunächst wurde eine lose Kupferdrahtschlaufe im Umfang von rund 350 km um die historische Kurpfalz gelegt, jenes Gebiet, das nach den Napoleonischen Revolutionskriegen bis zum Wiener Kongress Teil der Französischen Republik geworden war, später zum Königreich Bayern gehörte, nach dem 1. Weltkrieg wieder französisch besetzt war, dann Teil des Deutschen Reichs wurde, nach dem 2. Weltkrieg schließlich zur BRD gehörte, als Teil der Französischen Besatzungszone.
41„Welches Gebiet, wenn nicht die Pfalz“, verkündete der Bürgermeister Ludwigshafens, Dr. Boniface Mabamba bei der Einweihnungsrede 2031 vor den United Nations, "wäre besser geeignet gewesen? Die Pfälzer waren immer schon Weltbürger*innen, citoyennes de tout pays! Nach dem dreißigjährigen Krieg beinahe menschenleer und nur durch mannigfaltige Einwanderung wiederbelebt! Und erinnern wir uns: Nach dem großen Hunger von 1709 hatten die Menschen massenhaft ihre Heimat verlassen, um in der neuen Welt ein besseres Leben zu finden! Und nun, vor einigen Jahren, als die Grenzen zwischen USA und Mexiko, Ungarn und Türkei, den beiden Koreas, Ceuta und Marokko u.a. endlich beseitigt wurden, ging dieses Denkmal der Grenzenlosigkeit in die Konzeptphase. In der Pfalz lassen sich heute noch Grenzsteine des Bayrischen Königreichs nach 1815 finden. Und so verhält es sich nun auch mit den Zäunen, Sicherheitstechnologien und Grenzschutzanlagen zwischen Tschad, Mali, Maurentanien und Niger und vielen Ländern mehr, welche die Grenzstreifen nun wieder als Orte der Begegnung und des Tauschs heimischer Waren nutzen. Und jetzt, zu dieser Stunde, liebe Weltbürger*innen haben wir uns hier versammelt, um das dunkle Menschheitszeitalter der Mauern und Grenzen zu verabschieden und unsere Fühler in ein neues Universum auszustrecken!“ So konnte die versammelte und andernorts staunende Weltbürger*innenschaft nun ein einzigartiges Denkmal das Ihrige heißen. Die ersten 50 Meter wie eine Kupfeldrahtspule, dann zusehends lockerer, ab 10 Kilometern Höhe mehr einer einfachen Helix gleich, hatten sich die kreisförmigen Drahtschlaufen in die Höhe geschwungen, sich immer weiter, wenngleich unmerklich, verjüngend. Die Materialien waren sämtlich recycelter Elektroschrott, zu Kupfer kam noch Aluminium, Zink und Stahl hinzu. 2028 war das Denkmal dann bereits außer Sichtweite geraten. Die Architektin, eine bekennende Liebhaberin des russischen Künstlers Wladimir Tatlin und der Schriften Voltaires, hatte sich beim Bau des Denkmals, dieser wundersamen, schließlich abertausende Kilometer hohen, biegsam-bebenden Kupferspirale, mehrmals auf Voltaires Romanhelden „Mikromegas“ berufen, jenen kosmischen Riesen, der von Planet zu Planet springen konnte.
42„Die Architektur ist angemessen vom Saturn aus zu bestaunen!", rief sie aus. „Sie ragt gleich einer endlosen Kugelschreiberfeder ins Weltall und wird von der kosmischen, elektromagnetischen Strahlung im Gleichgewicht gehalten. So kommunizieren wir mit den anderen Sonnensystemen! So werden auch die entferntesten Kreaturen, von denen wir erst nach der jüngsten Marslandung vernommen haben, verstehen, wie fragil und doch unermesslich gigantisch eine, die Geschichte der Menschheit nun vollendende Idee sich doch manifestieren kann. “
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43Als Haupthandlung der marxistischen Großerzählung wurde früher häufig der Klassenkampf betrachtet, während Rassismus und Sexismus als Nebenhandlungen galten, die sich nach der Revolution erübrigt haben würden. Mao Zedong schrieb: Man wird nicht im Krieg einen Fluss begradigen, sondern jetzt werden die Kräfte ausschließlich gegen den Krieg gebündelt. Man ging davon aus, der Kapitalismus habe diese Nebenschauplätze historisch erst entwickelt. Die Welt der fetischisierten, zirkulierenden Waren, geldheckendes Geld, „die allgemeine Formel des Kapitals, wie es unmittelbar in der Zirkulationssphäre erscheint“: Hier spielte die Musik. Nun hatten Kämpfer*innen gegen alle möglichen Formen von Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung aber Grund genug anzunehmen, dass auch postkapitalistische Gesellschaften weiterhin rassistisch und sexistisch sein könnten, dass es sich also nicht um bloße Erscheinungen einer dem Menschen entfremdeten Ökonomie handelte, sprich dass diese Stümpfe der Hydra nicht gleich mit verödet wären, hätte man das einmal Kapital endgültig besiegt. Es galt darum, an verschiedenen Herrschaftsknoten gleichzeitig zu rütteln, von verschiedenen Seiten. Da inzwischen antirassistische und queerfeministische Forderungen auch von transnationalen Konzernen aufgegriffen wurden, wenngleich in verträglichen Dosen, wurden Aktivist*innen sogenannter linker Identitätspolitik von gestrengen altvorderen Linken zu Kompliz*innen eines neoliberalen Kapitalismus degradiert, wenngleich diese erneute Hierarchisierung nicht lange währte. Kosmopolitische Linksliberale gaben hier das Zünglein an der Waage und wurden von weißen Klassenkämpfern vom alten Schlag, die ins Hintertreffen geraten waren, dazu aufgefordert, dass „kulturelle Theater“ sein zu lassen, sich von der Frömmigkeit abzuwenden und endlich wieder sozialen Fragen zu widmen. Die Kürzel LGBTIQ und POC konnten manch einen Gerechten zur Weißglut bringen, der einfach wieder sprechen wollte wie Erwachsene nun einmal sprechen wollen. Sehr zur Freude der Progressiven, die a) daran erinnerten, dass aller Fortschritt immer schon die Gegenbewegung, den Rollback mit sich brachte und b) bereits im Schoße der alten Gesellschaft die Früchte der neuen entstanden, weshalb eben nicht erst der große Kladderadatsch abzuwarten sei. Den Shitstorms „Zensur“, „Betroffenheitsgedusel“, „Tyrannei der politischen Korrektheit“, „Einschränkung von Kunstfreiheit“ wurde im kulturellen Bereich etwa entgegnet, dass der fortwährend entstehende verschränkte Diskurs der offenen, transkulturellen Einwanderungsgesellschaft niemals zuvor pluraler und politischer war. Anderen gingen zurück auf Los. Bereits Marx hatte versucht, eine solidarische Bande zwischen den Kämpfen der einen und den Kämpfen der andern zu knüpfen. Nach der Abschaffung der Sklaverei hatte er Abraham Lincoln in einem Brief von 1864 folgendes beigepflichtet: „Überall trugen sie (d.h. die Arbeiter Europas) darum geduldig die Leiden, welche die Baumwollkrisis ihnen auferlegte, widersetzten sich voll Begeisterung der Intervention zugunsten der Sklaverei, welche die höheren und »gebildeten« Klassen mit solchem Eifer herbeizuführen suchten, und entrichteten aus den meisten Teilen Europas ihre Blutsteuer für die gute Sache.“ Welche Blutsteuer seien Europäer*innen heute bereit zu entrichten, wurde mehrfach auch von Gegner*innen jedweden Wirtschaftswachstums gefragt. Die weiße Mehrheitsgesellschaft lernte mit Ach und Krach, eine imperiale Lebensweise aufzugeben und fand sich zusehends auf Augenhöhe mit den einstmals Anderen ein.
44Welchen Stellenwert hatten Migration, Flucht und Bewegungsfreiheit in dieser Zeit der allgegenwärtigen Episoden, die sich überlappten, durchkreuzten, berührten? Wie gelang es, die alten Wunden und Verletzungen, die „Kräfte des Todes und der Zerstörung“ – so nannte sie Mabamba –, welche die Herstellung einer menschlichen Gemeinschaft bisher verhindert hatten, zu heilen? Wie gelang es den universell Bewegten endlich doch, als sich der ganze Rauch verzogen hatte, im Offenen zu wohnen?
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45„Daß es so etwas gibt wie ein Recht, Rechte zu haben (und das heißt: in einem Beziehungssystem zu leben, wo man nach seinen Handlungen und Meinungen beurteilt wird), oder ein Recht, einer politisch organisierten Gemeinschaft zuzugehören – das wissen wir erst, seitdem Millionen von Menschen auftauchten, die solche Rechte verloren hatten und sie zufolge der neuen globalen politischen Situation nicht wiedergewinnen konnten. [...] Der Verlust des »Rechts auf Rechte« zieht den Verlust der Relevanz und damit der Realität der Sprache nach sich (und der Mensch ist seit Aristoteles als ein Wesen definiert worden, das über die Macht der Sprache und des Denkens verfügt), und diesem Verlust reiht sich der Verlust aller menschlichen Beziehungen an (und man hat den Menschen, wiederum seit Aristoteles, das »politische Tier« genannt, das heißt ein Wesen, das durch Gemeinschaft definiert ist) – mit anderen Worten: hier treten Verluste ein, die einige der wesentlichsten Eigenschaften menschlichen Lebens betreffen. Es ist richtig, daß dies in gewissem Grade bereits auf Sklaven zutraf, die darum von Aristoteles auch nicht unter die Menschen gerechnet wurden. Doch kann man angesichts der neuesten Erfahrungen behaupten, daß Sklaven eher Glieder der menschlichen Gesellschaft waren als die »displaced persons« eines Internierungslagers oder die Insassen eines Konzentrationslagers. Ihre Arbeit wurde gebraucht, genutzt und ausgebeutet, und dadurch waren sie noch immer in den Rahmen der Menschheit einbezogen. Das Unheil, das eine stets wachsende Anzahl von Menschen hier befällt, ist also nicht das Verlieren spezifischer Rechte, sondern der Verlust einer Gemeinschaft, die gewillt und fähig ist, überhaupt Rechte – welcher Art auch immer – zu garantieren. Es stellte sich heraus, daß der Mensch alle sogenannten Menschenrechte einbüßen kann, ohne seine wesentliche menschliche Qualität, seine Menschenwürde zu verlieren. Einzig der Verlust der politischen Gemeinschaft ist es, der den Menschen aus der Menschheit herausschleudern kann.“
46(Hannah Arendt, „Es gibt nur ein einziges Menschenrecht“, 1949)