Wie wird das Asylwesen menschlicher?
Ein Forumtheater-Projekt in Tirol
Prolog
1Im Saal ist es stockfinster. Das Publikum ist vorgewarnt. Gleich wird es in der Dunkelheit auch noch laut. Schreie gellen durch den Raum. In sieben verschiedenen Sprachen. Dazu ertönt aus den Lautsprechern ein anpeitschendes „Go! Go! Faster! Go!“. Einige der Sätze in französischer und englischer Sprache werden auch vom Tiroler Publikum verstanden. „Je sui fatigué!“ „I’m thirsty!“ „I can’t go on anymore!“ Die Stimmen bewegen sich von der Rückwand nach vorne auf die Bühne. Das Licht geht an. Dicht zusammengedrängt stehen dort drei Menschen auf engstem Raum und wanken. Stille. Blicke zu Boden. Blicke in die Ferne. Eine Frage: „What shall we do now?“
Kontext und Perspektivenbildung
2So begannen zwei Forumtheater-Abende im September 2015, die den Abschluss und Höhepunkt eines Power Plays waren, das von David Diamond, künstlerischer Leiter von Theatre for Living 1, in Innsbruck geleitet wurde. Ein Power Play ist ein von David Diamond entwickeltes Format, das eine Gruppe von Menschen, die sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, von Null bis zu einer (oder mehreren) interaktiven Forumtheater-Aufführungen bringt (Diamond 2013, 49–56). Forumtheater beinhaltet eine in theatrale Form gegossene Frage, bei der im Anschluss an das gezeigte Stück mit dem Publikum in einen theatralen, also szenischen, Dialog getreten wird. Im Falle des „Asyl in Tirol“-Forumtheaterprojekts war es die Frage: Wie lässt sich das Asylwesen humaner gestalten? Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Es ist eine aufrichtige Frage, auf die keiner mit einer Patentlösung antworten kann. Diese Theaterform geht auf Augusto Boal (1931-2009)2 zurück, der mit seinem „Theater der Unterdrückten“ viel Bewegung in die Theaterlandschaft3, das politische System4 und die sozialpolitische Aktivist*innenszene gebracht hat.
3Dieser Beitrag verbindet meinen (Armin Staffler) Rückblick auf das Projekt mit den kursiv gesetzten Tagebucheintragungen von David Diamond zwischen 1. und 7. September 2015. Er schildert dadurch sowohl retrospektiv als auch mit Hilfe von während des Projekts verschriftlichten Eindrücken die Entstehungsgeschichte, die Stückentwicklungs- und Probenphase und die Aufführungen des gesamten Projekts. Ich war Teil des Organisationsteams und habe das Projekt begleitet, assistiert und die zweite Aufführung geleitet. David Diamond und ich sind uns erstmals 2003 begegnet als ich an einem zweiwöchigen Training von ihm in Vancouver teilgenommen habe. Bei diesen Trainings gibt er seine Interpretation und Version von gemeinwesenbasiertem Theater weiter, die wesentlich auf dem „Theater der Unterdrückten“ fußt, aber dessen Dichotomie von Unterdrückten und Unterdrückern verlässt, um Konflikte mit einer systemischen Herangehensweise auf theatral-künstlerische Art und Weise zu bearbeiten. Nach wiederholtem beruflichem Austausch übersetzte ich 2012 sein Buch „Theatre for Living. The Art and Science of Community-based Theatre“ ins Deutsche. „Asyl in Tirol“ ist meines Wissens nach bislang das einzige Power Play das David Diamond im deutschsprachigen Raum durchgeführt hat.
4Ich gehe chronologisch vor und beginne mit einer Tagebucheintragung David Diamonds, die anhand eines damals einschneidenden Ereignisses den zeithistorischen Kontext abbildet, in dem das Projekt stattgefunden hat. Danach folgt eine Darstellung der Herangehensweise im Theatre for Living und die Vorgeschichte zum Projekt aus organisatorischer Perspektive. Den Haupteil des Beitrags bilden die Tagebucheintragungen David Diamonds während der Stückerarbeitungs- und Probenphase bis hin zu den beiden Aufführungen. Ich ergänze diese immer wieder um Bezüge zum größeren Ganzen, um der/dem Leser*in eine möglichst übersichtliche Vorstellung des Projekts „Asyl in Tirol“ zu geben.
Theater am Puls der Zeit
5David Diamond nimmt die Ereignisse Ende August 2015 rund um die Schicksale von geflüchteten Menschen folgendermaßen wahr5:
6Die aktuelle Situation im Bereich Flucht und Asyl ist in Österreich wie in vielen Teilen Europas schrecklich. Vor gerade einmal zwei Tagen erstickten 71 Flüchtlinge in einem Lkw.6 Täglich erscheinen Berichte über Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. In Ungarn wird überlegt, einen Zaun zu errichten. Viele Menschen kommen aus Syrien, aber nicht ausschließlich.
7David Diamonds „Theater zum Leben“ (Theatre for Living) basiert auf einer systemischen Weltsicht, die jenseits von binären Denkweisen die Geschichten lebendiger Gemeinwesen auf die Bühne bringt, um nach Wegen und Möglichkeiten zu suchen, wie dieses Wesen aus einer Phase des Ungleichgewichts, einer Störung, wieder in Balance kommen kann. Balance ist dabei immer eine Bewegung und kein Zustand und die Fähigkeit dies zu erreichen ist im jeweiligen Gemeinwesen7 angelegt. Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften agieren wie ein Körper, der über einen Austausch mit der Umwelt am Leben bleibt. Die Aufnahme von Nahrung, Sauerstoff und Erfahrungen mit anschließenden Verdauungs- und Verwertungsprozessen, auf die eine notwendige Ausscheidung oder ein kreativer Ausdruck folgt, ist essenziell. Wir Menschen müssen unsere Erfahrungen verarbeiten und ihnen in Form von Musik, Literatur, bildender oder darstellender Kunst Ausdruck verleihen, um als Gemeinschaft lebendig zu bleiben. Gesellschaften, die das nicht tun, werden krank und sterben schließlich. Das „Theater zum Leben“ bietet also die theatrale Möglichkeit eine kollektive Geschichte zu erzählen und sie interaktiv auf der Bühne gemeinsam mit dem Publikum weiter zu bearbeiten. (vgl. Diamond 2013, 34–35 u. 64–65). Das „Theater zum Leben“ nutzt den symbolischen und Metaphernreichtum ästhetischer Ausdrucksweisen und gibt einem Gemeinwesen, das eine Geschichte zu erzählen hat, einen Facilitator („Ermöglicher/in“) zur Seite, der dabei hilft, die Konflikte, Anliegen, Fragen, die es zu einem Thema gibt, in Theater zu verwandeln. Dazu stellt der Facilitator Techniken zur Verfügung und die Menschen verwandeln Konflikte in eingefrorene Tableaus, Bilder, Vorstellungen. Aus den Haltungen und Beziehungen zueinander entstehen nach und nach Figuren, die emotionale Tiefe bekommen, Subtexte und ausgesprochene Texte entwickeln, einander in kleinen Szenen begegnen bis schlussendlich eine gemeinsame Geschichte erfunden wird, die die Wahrheit über das Gemeinwesen und dessen Konflikte erzählt. Ästhetisch stellt das „Theater zum Leben“ den Anspruch an sich selbst, die beste Kunst unter den Umständen zu machen. Das bedeutet, dass an ein Projekt, das nur eine Woche für Stückentwicklung und Proben für ein oder zwei Aufführungen zur Verfügung hat, andere Maßstäbe angelegt werden müssen als an ein Großprojekt, das über mehrere Wochen oder Monate wachsen kann und anschließend auf Tournee geht. Von der Form her ist es symbolischer Realismus. Alles, was auf der Bühne passiert, ist symbolisch zu verstehen. Dabei agieren allerdings immer menschliche Figuren und keine abstrakten Begriffe. Es tritt demnach nicht „der Kapitalismus“ auf, sondern ein Mensch, etwa ein Manager, der den Kapitalismus befürwortet, dabei aber stets menschlich und damit vielschichtig bleibt. Bühnenbild, Musik, Requisiten sind stets so gewählt, dass sie das Theater als Kunstform unterstützen, aber immer so, dass der Bühnenraum für das Publikum in jeder Hinsicht zugänglich bleibt. Für die Forumphase, den interaktiven Dialogteil des Theaters, kann deswegen auf Lichteffekte oder Soundeinspielungen verzichtet werden. Das Wesen des Theaters liegt in den Figuren und ihren Beziehungen zueinander begründet und nicht in irgendwelchen technischen Effekten. Dramaturgisch ist ein Forumtheaterstück so aufgebaut, dass es am Höhepunkt des Konflikts abbricht. Es gibt keine Auflösung. In vielen kleinen Momenten treffen die Figuren falsche Entscheidungen und so baut sich langsam eine konzentrierte Krise auf, die eine große Gefahr oder eine große Chance bedeuten kann. Das bleibt offen. Das Publikum schaut den Figuren beim Treffen der falschen Entscheidung zu und wie sie dadurch in die Krise geraten. Dann beginnt im Forumtheater nach einer Erklärung der Spielregeln durch eine/n „Joker“8 das Stück von vorn. Die Regeln lauten, formuliert spezifisch in Bezug auf dieses Projekt: „Wenn jemand im Publikum einen Moment erkennt, in dem eine der Figuren anders agieren könnte, um in der Welt dieser Figuren für mehr Menschlichkeit zu sorgen, dann ruft er/sie „Stopp!“. Das Geschehen auf der Bühne wird dann angehalten und der/die Stopp-Rufer*in kommt auf die Bühne, ersetzt diese Figur und spielt seine/ihre Idee. Die anderen Figuren reagieren gemäß ihren Rollen. Ersetzt werden soll dabei stets die Figur, die mit den Schwierigkeiten kämpft und nicht die, die Schwierigkeiten verursacht. Wer das jeweils ist, bleibt dem/der Zuschauer*in überlassen.“ Auf diese Weise wird das Stück von Anfang bis zum Konflikthöhepunkt nach Handlungsalternativen für die Figuren durchsucht, um für mehr Menschlichkeit zu sorgen.
8Ein Jahr bevor die dramatischen Ereignisse im Spätsommer und Herbst 20159 die Zeitungen füllten, hatten Stefan Freytag vom „Haus der Begegnung“10 und ich den Wunsch ein derartiges Theaterprojekt – ein Power Play – zum Thema „Asyl“ zu initiieren. Dabei ging es uns um das Asylwesen als Ganzes, nicht um einzelne Aspekte, weshalb wir Asylwerber*innen, Vertreter*innen des professionellen Helfersystems, Politiker*innen und Vertreter*innen der engagierten Zivilgesellschaft von Beginn an in die Planung und Konzeption miteinbezogen haben.11
9Fast zehn Monate Vorbereitungszeit, ein höchst engagiertes Team, tatkräftige Unterstützung und die Bereitschaft, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen, haben dazu geführt, dass „Asyl in Tirol“ ein vielbeachtetes und beispielgebendes Projekt wurde. Am Anfang stand eine Einladung12, an Asylwerber*innen und Menschen, die im Bereich Asyl und Flucht arbeiten oder sich freiwillig engagieren und an David Diamond, der das Power Play leiten, Regie führen und als Joker fungieren sollte. Gefolgt sind der Einladung 19 Menschen aus Syrien, Kongo, Ghana, Gambia, Somalia, Afghanistan, Kanada, Frankreich, Ägypten und aus Österreich. Diese 19 Menschen – darunter Asylwerber und eine Asylwerberin, eine Heimleiterin, eine Sprachlehrerin, Ehrenamtliche, eine Rechtsberaterin oder eine Begleiterin von minderjährigen Flüchtlingen – trafen einander, um gemeinsam Theater zu machen, Stücke zu entwickeln, aufzuführen und bei den Aufführungen in einen Dialog mit dem Publikum zu treten.
Eine Gemeinschaft und ein Stück entwickelt sich
10Dienstag, 1. September 2015, 1. Tag
Einige von den Geflüchteten haben bereits Asylstatus, aber die meisten warten noch
auf ihre erste Anhörung, manche schon seit fast einem Jahr. Die meisten von ihnen
sind in Heimen untergebracht. Die Geschichten über ihre Flucht sind furchtbar. Viele
haben Angehörige in Gebieten, wo diese nach wie vor unmittelbarer Gewalt und chaotischen
Zuständen ausgesetzt sind.
11Die geflüchteten Menschen sind hier. Auch wenn wir uns vielleicht alle wünschten, die Welt wäre so, dass niemand flüchten muss und Asyl erst gar nicht nötig wäre. So formuliert es David Diamond auch in seinen Tagebucheintragungen. Forumtheater setzt aber dort an, wo die Situation nun einmal so ist, wie sie ist und nicht dort, wo wir wünschten, dass sie wäre. „What shall we do now?“
12Ein Power Play beginnt nach einer ersten Kennenlernphase mit Übungen und Spielen13, die von Beginn an theatrale Arbeit und Recherche sind. Es geht dabei immer um mehrere Ebenen: Die Menschen entdecken ihre Ausdrucksfähigkeit, körperlich, emotional, intellektuell und treten dabei mit den anderen und der jeweiligen Thematik in immer engeren Kontakt. Wahrnehmung und Vertrauen werden geschärft und gestärkt. Nach und nach tauchen Geschichten in Form von Bildern (Tableaus, die einen Augenblick aus einer Geschichte mit Hilfe der anderen Workshopteilnehmer*innen darstellen, wie ein lebendiges Foto oder ein Still aus einem Film) auf, die – und das ist wichtig – nicht verraten werden. Das heißt, dass niemand erzählt oder erklärt, was er/sie mit diesem Bild darstellen will oder wer die Figuren darin sind. Theater ist mehrdeutig und widersprüchlich. Es geht nicht darum, eine Geschichte zu definieren, sie eindeutig zu bestimmen, sondern darum, in einem Bild alle möglichen eigenen und fremden Geschichten zu entdecken. (Diamond 2013, 127–129). Ich nenne diese Bilder gerne „Vorstellung“, weil der Begriff theatraler ist und weniger den Eindruck von einer gemalten oder fotografierten Szenerie erweckt.
13Die Workshopteilnehmer*innen lernen ihre Erfahrungen in ästhetische Theaterszenen zu verwandeln, lernen zu improvisieren und lernen vor allem voneinander und den jeweiligen Nöten, Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten der anderen.
14Es ist eine wundervolle Gruppe von Menschen, und es tauchen bereits die ersten konkreten Themen auf. Die Spiele funktionieren ausgezeichnet. Ein Grund dafür, und ich habe mit einem Teilnehmer darüber gesprochen, ist, dass sie sonst kaum die Möglichkeit haben, zu spielen. Alles ist, aus verständlichen Gründen, immer sehr ernst. Beim Spielen dürfen wir alle Kinder sein. Die Teilnehmer*innen brennen darauf, sich an die Arbeit zu machen. Einige wurden im Laufe der Zeit still und schweigsam. Die Gründe hierfür dürften nachvollziehbar sein.
Vorstellungen geben und bekommen
15Das Theater lebt von Vorstellungen. Das Publikum geht ins Theater, um eine Vorstellung zu bekommen, die Spieler*innen geben eine Vorstellung. Die Vorstellungen davon, worum es auf der Bühne (und im Leben) geht, sind unterschiedlich. Die kürzeste und einfachste Form, eine Vorstellung zu geben, ist die Darstellung eines Bildes, eines Tableaus. Ein Moment aus einer Geschichte wird eingefroren. In diesem lebendigen Bild steckt die gesamte Geschichte, selbst ihre Fortsetzung ist darin bereits enthalten, alles verdichtet sich zu diesem Moment. Die Teilnehmer*innen beginnen erste Vorstellungen von ihren Schwierigkeiten, Herausforderungen, Auseinandersetzung und Kämpfen im und mit dem Asylwesen zu geben. (vgl. Diamond 2013, 120 – 127)
16Das erste Bild zeigte einen Mann „beim Fallen“. Und es zeigte die Reaktionen der Menschen um ihn herum. Er lag am Boden, aber es sah so aus, als wäre er geradewegs im Begriff vom Himmel zu fallen. Eine Person versucht, mit Geld zu helfen, während eine andere versucht, sie davon abzuhalten. Eine dritte Person geht, aus welchen Gründen auch immer, vorbei. Es ist ein einfaches Bild, aber viele der Teilnehmer*innen kennen es sehr gut.
17Das zweite Bild wurde kontroversiell diskutiert, was ich nicht erwartet hätte, was aber gut war. Es zeigte eine überforderte Angestellte im Büro einer NGO, die Asylwerbern hilft. Sie möchte helfen, schafft es aber einfach nicht. Sie bittet die Asylwerber um Geduld. Diese sind es allerdings leid, dass man sie immer wieder bittet, geduldig zu sein. Ihre Lieben sind zu Hause, wo ihnen Bomben auf die Köpfe fallen. Die Kontroverse entspann sich zwischen einigen der Unterstützerinnen der Asylwerber. Deren Situation verschlechtert sich nämlich zusehends. Es wird immer frustrierender. Unter den derzeitigen Umständen wird es immer schwieriger, Verständnis aufzubringen. Ich hörte mich selbst sagen, dass ich mir sicher wäre, alle von uns wünschten, diese schreckliche Situation gäbe es nicht. Aber es gibt sie. Was passiert also, fragte ich, wenn die Menschen in den Institutionen, die versuchen zu helfen, ausbrennen? Nicht, weil ich damit sagen will, dass die Anliegen der Asylwerber nicht behandelt gehörten, natürlich müssen sie bearbeitet werden, aber was passiert, wenn unsere Verbündeten, die auf gesetzlicher Basis versuchen zu helfen, im Burnout landen?
18Ein anstrengender Tag endet üblicherweise mit einem gemeinsamen Spiel, um die „Luft zu reinigen“.
19Sie liebten es, „Fuchs im Bau“ [ein einfaches Fangenspiel, Anm.] zu spielen und dabei kichernd im Raum herumzulaufen wie Kinder. Heute kratzten wir an der Oberfläche, und es liegt noch ein langer Weg vor uns, aber wir haben wie immer die Chance, Stücke zu entwickeln, die das Publikum vor große Herausforderungen stellen wird.
20Wenn sich Theaterarbeit ernsthaft auf das aktuelle Schicksal der Menschen einlässt, von denen es erzählen will, dann endet sie nicht beim Verlassen des Proben- oder Aufführungsraumes. Sie endet nicht einmal, wenn der letzte Vorhang fällt. So schreibt David über den Abend des ersten Tages.
21Nach dem Workshop ging ich mit einigen Teilnehmer*innen auf eine Pro-Asyl-Demonstration. Solche Demonstrationen finden in ganz Österreich statt. An die 20.000 Menschen demonstrierten gestern in Wien. Das ist für Österreich eine ziemliche Menge. Österreicher*innen, so wurde mir erzählt, sind ansonsten sehr regelkonform. Die Demonstration in Innsbruck war natürlich kleiner, vielleicht waren es 1000 Menschen. Für mich war es wichtig, mit einigen aus der Gruppe, dabei zu sein.
22Das ist deshalb wichtig, weil das Theater und die Künstler*innen nicht getrennt von ihrem Umfeld und ihrer Zeit existieren. Das Interesse der Kunst kann in diesem Kontext nur der gesamten Geschichte gelten und nicht nur einzelnen Aspekten. David Diamond zeigt durch sein Dabeisein bei der Demonstration seine Verbundenheit mit den Geschichten und dem Leben der Menschen, mit denen er Theater macht. Alle spüren das. Diese gelebte Verbundenheit ermöglicht es vielleicht erst, offen und ehrlich zu arbeiten, wodurch die Arbeit unweigerlich an Tiefe gewinnt.
Recherchearbeit
23Der zweite Tag begann mit einem Raumlauf, wo es darum geht, die Lücken zu füllen und sich als Gruppe gleichmäßig im Raum zu verteilen. Es folgte ein Klatschspiel und ein Vertrauensspiel. (Diamond 2013, 359–360 u. 374) David Diamond fragt im Anschluss an jedes Spiel, was auf der symbolischen, metaphorischen Ebene für die Teilnehmer*innen im jeweiligen Spiel steckt. (Diamond 2013, 217) Somit ist es nie nur ein Klatschspiel, eine Aufwärmübung oder eine Vertrauensübung, sondern immer zugleich inhaltliche Recherchearbeit. Menschen denken in Bildern und jedes Spiel, jede Übung beinhaltet symbolische Elemente der Geschichten des Gemeinwesens. Diese Symbolik kann auf unmittelbarem Weg zu einer Darstellung auf der Bühne führen, weshalb es Verschwendung wäre, ein Spiel etwa nur als Vertrauensübung oder Auflockerungsübung zu betrachten. Alles ist Theater, von Anfang an. (Diamond 2013, 119) An einem Beispiel vom 2. Tag wird dies deutlich.
24Mittwoch, 2. September 2015, 2. Tag
Es geht vorwärts, langsam, aber es geht vorwärts. „Die Glasflasche“, eine grundlegende
Vertrauensübung, war für viele Teilnehmer*innen sehr herausfordernd. „Vertrauen“ ist
verständlicherweise ein großes Thema. Als wir darüber geredet haben, hat eine der
Frauen, die einzige geflüchtete Frau in der Gruppe, eine gänzlich andere Interpretation
der Übung angeboten als die übrigen Teilnehmer. Sie fühlte sich, als ob sie versuchen
würde, irgendwohin zu gelangen, etwas zu erreichen, aber jedes Mal wurde sie aufgehalten
und wieder zurück auf ihren Ausgangspunkt – in die Mitte des Kreises – gestellt. So
als würde man ihr jedes Mal sagen, sie könne nichts anderes sein als eine Asylwerberin.
Das war ihre Metapher. Das ist sehr wichtig für unsere Stücke und im Hinblick auf
unser Verständnis für die Gesamtproblematik.
25„Die Glasflasche“ ist eine Übung, bei der eine Person in der Mitte eines engen Kreises aus Mitspieler*innen steht und sich mit geschlossenen Augen der Schwerkraft hingibt. Wenn die Person also, die ihren Körper anspannt und steif macht, zur Seite fällt, wird sie von den im Kreis stehenden Personen aufgefangen und wieder ins Lot gebracht. Alle haben nach der oben beschriebenen Interpretation verstanden, wie belastend es für Menschen ist, wenn sie ihrer bisherigen Identität, sei sie privater oder beruflicher Natur, beraubt werden. Das zweite Stück, ohne es an dieser Stelle bereits zu schildern, wird unter anderem genau auf dieses Problem Bezug nehmen.
26Die Arbeit mit Bildern wird fortgesetzt.
27Wir arbeiteten am letzten Bild des gestrigen Tages, das so viele Emotionen auslöste. Es geht um einen Mann, der von einem anderen gehalten wird. Wo befinden sie sich? Auf einem Boot? In einem Container? Auf der Ladefläche eines Lkws? Im Dschungel? Alle sehen die gleiche Situation in anderen Kontexten, aber sie unterscheiden sich darin, was als nächstes passieren wird. Einige wenige sehen, dass der Mann überleben wird. Jedenfalls hat M., er hat das Bild zur Verfügung gestellt, überlebt. Viele sehen allerdings, dass der Mann im Bild verloren ist, und dass der andere Mann, der ihn hält, aber nichts tun kann, um ihm zu helfen, ihn schließlich loslassen und gehen muss. Das entspricht der Realität. Ansonsten wäre er auch verloren. Für einen Menschen auf der Flucht ist der Tod allgegenwärtig.
Kollektive Vorstellungen
28Der Fokus soll von individuellen, tatsächlich erlebten Geschichten auf eine gemeinsame, erfundene und gleichzeitig wahrhaftige Geschichte gelenkt werden. David Diamond legt Wert darauf, dass von der Vorstellung, die eine einzelen Person gibt, zu Vorstellungen übergegangen wird, die von einer Gruppe gegeben werden. Die Gruppe findet sich dabei über eine ästhetische Anziehungskraft und nicht über persönliche Sympathie oder den Zufall. Dazu werden zuerst – in unserem Fall waren es drei – Emotionen aus allen bisher aufgetauchten Vorstellungen in Bezug auf das Asylwesen von jeweils einem/einer Teilnehmer*in verkörpert und die restlichen Gruppenmitglieder lassen sich dann im übertragenen Sinn von dieser Darstellung magnetisch anziehen. Angst, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Überforderung waren sicher dabei, aber welche Emotionen genau verkörpert wurden, wurde auch nie verraten. (Diamond 2013, 154) Dann arbeitet die so entstandene Kleingruppe gleichberechtigt weiter.
29Im ersten „Magnetischen Bild“ versucht eine Frau ihre Freiheit zu erlangen, wird aber von jemandem zurückgehalten. Ich habe ausführlich erklärt, warum ein*e Schauspieler*in [bei dieser Art des Theaters, Anm. AS] keine Dinge oder Ideen spielen kann, sondern nur Menschen. Der Schauspieler kann „Freiheit“ nicht verkörpern, wie auch? Aber er kann einen Menschen spielen, der für einen anderen Menschen Freiheit bedeutet. Etwas Interessantes geschah. Als wir das Bild bearbeiteten zog die Gehaltene, die Figur von der sie gehalten wurde ein Stück weit mit, und gleichzeitig bewegte sich die Figur, die „Freiheit“ verkörperte, ein Stück weit weg. Sie sagte unaufhörlich: „Ich kann dir nicht helfen! Ich kann nichts tun, um dir zu helfen!“ Herzzerreißend und wahr. „Freiheit“ als solches kümmert sich nicht um uns. Wir können Freiheit erlangen oder nicht. Der Freiheit selbst ist das egal.
30Wer ist dieser Mann, der „Freiheit“ verkörpert und der sich fortbewegt, wenn wir näher kommen? Jemand sagte, er wäre ein anderer Flüchtling, der bereits vor 20 Jahren ins Land gekommen war und jetzt dagegen ist, dass weitere Flüchtlinge kommen. Das ähnelt sehr stark der Zuwanderungsproblematik in Kanada, wo ältere, eingebürgerte Immigranten gegen neue Immigration sind. Wer ist so jemand? Er ist jemand, der sagt, dass es nur Platz für „uns“ gibt, aber nur wenn er sich selbst innerhalb dieses „uns“ sieht. Wir sind genau wie er. Er könnte auch ein Richter sein, der glaubt, dass wir in unserem Land das Gesetz gebrochen haben, um Freiheit zu erlangen, aber weil wir das Gesetz gebrochen haben, verdienen wir die Freiheit nicht. Es steckt sehr viel in diesem Bild!
31Beim nächsten Bild wurde es kompliziert. Der Mann im Mittelpunkt, am Boden liegend, ist ein wundervoller Typ, der aber auch harte Zeiten im Workshop durchlebt. Ich denke, er möchte, dass die Arbeit in eine andere Richtung geht. Er wünscht sich Straßentheater, wo die Schauspieler*innen vielleicht mit überdimensionalen Symbolen agieren. Oder es sollte sich vielleicht alles um ihn drehen. Was immer es ist, wir haben zu kämpfen. Für ihn stellt es sich so dar, dass er im Bild schläft. Alle anderen, die im Bild sind, sehen einen kranken Mann, der Hilfe braucht. Auch die anderen Teilnehmer*innen, die jetzt als Zuschauer*innen fungieren, sehen das so. Aber er selbst tut sich schwer damit, die Wahrnehmung der Wirklichkeit der anderen zu akzeptieren. Ich glaube, er ist frustriert, auch in Bezug auf mich. Und dennoch ergaben sich sehr wichtige Erkenntnisse im Lauf der Bildanalyse.
32Es entstand der Eindruck, dass niemand ihn zurücklassen kann. Sie müssen entweder alle zusammen gehen oder es geht keiner. Mir wurde heute auf Grund dieses Bildes etwas klar. Im Zuge der Flucht schreit man sie an: „Go, go, go, faster, go!“ Sie müssen los und zwar sofort! Die Schlepper, die ihre fürchterliche Situation ausnutzen und Profit machen, wollen nicht erwischt werden. Deshalb werden die Flüchtlinge blitzschnell auf viel zu engem Raum, der für viel weniger Menschen vorgesehen ist, zusammengetrieben.
Improvisationen und erste Rohfassungen
33Am dritten Tag ging es zunächst darum, dass die Workshop-Teilnehmer*innen die Fähigkeit des Improvisierens entwickeln und im weiteren Verlauf in neuer Zusammensetzung der Gruppen, Geschichten des Gemeinwesens in Szenen verwandeln.
34Donnerstag, 3. September 2015, 3. Tag
Das war ein langer und reichhaltiger Tag. Die meisten haben in der Übung „Schnelle
Gesten“ [Schrittweise wird darin zuerst auf eine stumme Geste, dann eine Geste, die mit einer
kurzen Phrase unterlegt wird und schließlich auf eine Geste, die mit einem Satz verbunden
ist, reagiert, bis sich daraus eine kurze improvisierte Szene ergibt. Anm. (Diamond
2013, 138–140)] gut reagiert, obwohl ich mir nicht sicher bin, inwieweit sich der Sinn der Übung über
die Übung selbst hinaus erschlossen hat. Ich meine damit, dass die Improvisationen
innerhalb der Übung gut funktioniert haben, aber bei einigen ist diese Fähigkeit zu
improvisieren nicht über den Rest des Tages erhalten geblieben.
35Wir haben das dritte „Magnetische Bild“ bearbeitet. Es beinhaltet eine kraftvolle Geschichte über einen Offiziellen, einen Beamten, der einem Mann aus unerklärlichen Gründen das Bild seiner Familie abnimmt. Das Foto ist alles, was er von seinen Lieben, die er vielleicht nie wieder sehen wird, noch hat. Es ist unmenschlich. Der Mann im Bild am Boden spricht kein Wort, obwohl ich ihn in der Übung immer wieder dazu aufgefordert habe. Was passiert, wenn jemand zuerst die ganze Zeit über redet, aber niemand zuhört? Womöglich hört er auf zu sprechen.
36Ich habe mich dazu entschieden, die Stücke heute, und nicht erst morgen, entwickeln zu lassen. Das ist gut. Es gibt drei Stücke und von zweien existiert nur eine sehr rohe Fassung. Interessanterweise hat die größte Gruppe (Eine Gruppe besteht aus sieben, die beiden anderen aus je drei Personen. Ein Teilnehmer will nicht auftreten, was völlig in Ordnung ist.) mit dem Teilnehmer, bei dem ich mir Schwierigkeiten erwartet habe, das schlüssigste und in sich stimmigste Stück erarbeitet. Die Gruppe von der ich mir das schlüssigste Stück erwartet habe, hat das schwierigste Stück dargeboten. Das Problem ist, dass dieses Stück so zäh, so ungelenk ist, und dass die zwei Männer einfach nicht verständlich reden. Und es gibt keinen Spannungsbogen.
Die Stücke stehen
37Freitag, 4. September 2015, 4. Tag
Wow! Wir haben viel geschafft und sind noch immer am Weg, aber in guter Verfassung.
Ich bin froh, mich entschieden zu haben, einen Tag früher die Stücke entwickelt haben
zu lassen. Wirklich jede und jeder hat hart gearbeitet, und die Gruppe als solches
hat ein anderes Niveau des Zusammengehörigkeitsgefühls erreicht.
38Viele der Geflüchteten lieben es, so zu arbeiten. Ein Grund dafür ist, dass nun klar für sie wird, dass sie einen tiefgehenden und großen Beitrag mit diesen Stücken leisten werden. Das ist etwas, was sie wollen, aber man lässt sie sonst nicht. Weiters bekommen sie die Gelegenheit (Theater) zu spielen. Auch das ist etwas, wozu sie in der Welt da draußen sonst nicht die Gelegenheit bekommen.
39Es gibt zwei Stücke und ein „bewegtes Bild“, ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll. Noch nie habe ich eine Veranstaltung auf diese Weise begonnen. Wenn es funktioniert, kann es sehr kraftvoll sein. Die Organisatoren denken, es ist bereits so weit. Ich denke, es braucht noch etwas. Es handelt sich um die Eröffnung, wie ich sie gestern beschrieben habe. Neu hinzugekommen ist, dass die gesamte Workshopgruppe in der Dunkelheit nach vorne und auf die Bühne gehen wird. Sie werden alle ganz hinten an der Wand stehen und wenn die Lichter angehen, werden drei Schauspieler*innen, alles Geflüchtete, auf engstem Raum beisammenstehen und die Hintenstehenden werden symbolisch bei ihnen sein. Daraus entsteht ein sehr eindrucksvolles Bild.
40Es gibt das kleine Stück, das sehr viel Arbeit braucht. Einer der Schauspieler spricht wirklich nur somali. Wir arbeiten jetzt vollzeit mit einem Übersetzer für ihn und uns. Der andere Schauspieler nuschelt fürchterlich und die Dritte scheint sich verpflichtet zu haben, keine Gefühle zu zeigen. Und trotzdem wollen alle drei dieses Stück unbedingt machen. Also machen wir weiter.
41Und es gibt ja noch das Stück mit sieben Spieler*innen. Es ist eine ausführliche Geschichte. Eine der Spielerinnen musste einen ganzen Tag dem Workshop fernbleiben, weshalb ich auch beschlossen hatte, die Stücke gestern entwickeln zu lassen. Sie ist eine leitende Angestellte im Bereich des Flüchtlingswesens. Ihr wurde angeboten, einen Bericht vorzulegen und zu verlesen, der sich an zahlreiche österreichische Politiker*innen auf verschiedenen Entscheidungsebenen richtet. Natürlich musste sie das wahrnehmen. Das bedeutet aber, dass wir heute ohne sie geprobt haben und sie morgen einbauen müssen. Ich werde also an den Details dieses Stückes morgen arbeiten.
42In der Abschlussrunde drückten viele der Teilnehmer*innen ihre Verwunderung darüber aus, wie eindrucksvoll und kraftvoll die Stücke werden würden. Wir machen hier etwas, was sie sich nicht erwartet hätten. Ich glaube, dass sie nicht erwartet haben, wie tiefgehend die Fragen sein werden, an die wir uns wagen. Sie begreifen inzwischen auch, dass das System hier in Österreich [und auch sonst überall; Anm. AS] gegen das sie ankämpfen wollen, von Menschen gemacht und aufrecht erhalten wird, und nicht durch das System selbst. Verändern wir unser Verhalten, so wird sich das System ändern. Vernachlässigen wir das Verhalten, so sind wir dazu verdammt, das gleiche System immer und immer wieder zu erzeugen. (Diamond 2013, 66–67)
43Um es nochmals zusammenzufassen: Sowohl die Auftaktszene als auch die beiden Forumtheater-Stücke sind während eines einwöchigen Prozesses in täglich acht Stunden Arbeit entstanden. Sie wurden von den Workshopteilnehmer*innen entwickelt, die das Thema „Asyl in Tirol“ leben – als Asylwerber oder als Heimleiterin, Sprachlehrerin, Ehrenamtliche, Rechtsberaterin oder Begleiterin von minderjährigen Flüchtlingen. David Diamond hat den Prozess begleitet und nachdem die Stücke von den Teilnehmer*innen entworfen worden waren, hat er als Regisseur inszeniert und dann als Joker die erste Aufführung geleitet. Niemand hat sich selbst gespielt, die Stücke sind frei erfunden und doch erzählen sie von einer Wirklichkeit, die alle Beteiligten kennen.
44In den beiden Stücken wird deutlich womit Asylwerber*innen (Es sind verhältnismäßig wenige Asylwerberinnen, weil die Fluchtwege zu riskant und gefährlich sind und das Geld oft nur für eine Person reicht und dann wird derjenige geschickt, der die größten Chancen hat durchzukommen.) bei uns besonders zu kämpfen haben: Mit dem Warten auf ein Erstgespräch, auf einen Bescheid, auf Information und auf Zukunft. Sie kämpfen aber auch mit einem von österreichischer Seite erzeugten Konkurrenzkampf. Wer ist der würdigere, der „bessere“ Flüchtling? „In meinem Land herrscht Krieg, in deinem nur eine mörderische Diktatur, in deinem nur eine tödliche Ausweglosigkeit.“ „Ich warte seit fünf Jahren, du erst seit zwei.“ Bei der Aufführung erklärte ein Mann aus dem Publikum, dass er neun (!) Jahre auf seinen Bescheid gewartet hätte.
45Sie kämpfen aber auch mit der Hilflosigkeit ihrer Betreuerinnen und derer, die solidarisch mit ihnen sind, die ihrerseits damit kämpfen, dass sie auf Grund der Rahmenbedingungen ihren eigentlichen Aufgaben nicht nachkommen können. Sie ersticken in Papierkram, können keine verbindlichen Auskünfte erteilen, sind mit ihren zeitlichen und sonstigen Ressourcen am Limit.
46Es gibt aber ein weiteres Konfliktfeld und das spielt sich mit der ansässigen Bevölkerung ab. Es gibt Unverständnis, Missverständnisse, die Angst um Arbeit und „angestammte Plätze“, die Unfähigkeit zur Begegnung und die bittere Erkenntnis, dass selbst ein anerkannter Asylstatus noch kein wirkliches Ankommen in dem Land bedeutet, das zur neuen Heimat werden soll.
Die Theaterstücke
47Die zwei Stücke wurden kollektiv in zwei Gruppen erarbeitet. Jede/r hat sich dabei selbst besetzt, also entschieden, welche Rolle er/sie spielen kann. Dieses „spielen können“ ist hinsichtlich mehrerer Ebenen wichtig: Wenn ich etwa einen Dolmetscher spielen soll, dann muss ich die Sprachen auch wirklich beherrschen, wenn ich eine Heimleiterin spielen will, dann muss ich über die Abläufe in Heimen bescheid wissen. Bei einer konventionellen Aufführung reicht es vielleicht, die Behauptung aufzustellen und so zu tun als ob, aber wenn die Figur, die ich spiele, echte und zugleich improvisierte Dialoge führen muss, dann kann ich mich nicht auf einen auswendig gelernten Text verlassen, sondern muss wissen wovon ich spreche. Eine Figur „spielen zu können“ erfordert aber auch die Fähigkeit, diese emotional und rational aushalten zu können. Bei professionellen Schauspieler*innen wird das vorausgesetzt und sie bekommen dafür auch bezahlt. Bei Laien ist es wichtig, dass diese selbst entscheiden können, wie weit ihre Figur geht, insbesondere wenn sie Figuren spielen, die etwas sagen oder tun, womit sie selbst nicht einverstanden sind. So entschied sich einer der Mitwirkenden einen Rassisten zu spielen, nicht weil jemand anderer ihn für diese Rolle besetzte, sondern weil er diese Rolle spielen wollte, um der gemeinsamen Geschichte eine wichtige Perspektive hinzuzufügen, die er einnehmen konnte.
48Es folgt die Schilderung des 1. Stückes:
49Das längere Stück ist auf einem guten Weg, obwohl wir heute eine Krise innerhalb der Gruppe hatten. Zuerst aber zum Inhalt des Stücks:Die Heimleiterin ist in ihrem Büro bei der Arbeit. Offensichtlich ist sie sehr beschäftigt. Zwei Asylwerber kommen vorbei, und einer klopft an ihre Tür. „Hallo Chef!“, sagt er lächelnd. Sie schaut ihn an und sagt: „Nein, es ist nichts für dich dabei.“ Die beiden Asylwerber gehen weiter und führen zwar ein freundliches Gespräch, wetteifern aber darüber, wer schon länger auf seine Erstanhörung oder auf Nachricht nach der Anhörung wartet. Ein dritter Asylwerber unterbricht sie und fragt, worüber sie sich beschweren, er warte schon viel länger. Der syrische Asylwerber (der, der bei der Chefin geklopft hat) fängt daraufhin an von seiner Familie in Syrien zu erzählen und sagt, dass Bomben auf sie abgeworfen werden, was niemanden kümmern würde. Warten, warten, warten. Das ist alles, was sie machen.
50Die Briefträgerin bringt einen Brief. Sie spricht kurz mit der Heimleiterin und diese ruft den dritten Asylwerber in ihr Büro. Alle kommen mit. Es ist ein Einschreiben vom Amt der Tiroler Landesregierung, dessen Empfang er bestätigen muss. Der Asylwerber fragt die Heimleiterin, ob sie den Brief für ihn öffnen würde. Sie verneint. Wenn es schlechte Nachrichten wären, müsste sie sie ihm überbringen. Er öffnet den Brief und liest ihn. Er starrt darauf. Er zerknüllt ihn und hält ihn sich vors Gesicht.
51Ein anderer Asylwerber fragt, was drinstehe. „Sag’s uns, wir müssen’s wissen!“ „Ich hab ein ‚Ja‘!“, kommt als Antwort. Nach einer sehr langen Zeit des Wartens hält er seinen Asylbescheid in Händen. Seine Freunde freuen sich für ihn, obwohl die Traurigkeit über ihre eigene Situation mitschwingt. Einer von ihnen schlägt vor, feiern zu gehen und der Asylberechtigte stimmt zu, in eine nahegelegene Bar zu gehen.
52Mitten in die Freude hinein platzt die Heimleiterin und sagt, dass der Papierkram erledigt werden müsse. Es geht rein um Formalitäten und für sie dreht sich alles um die Erledigung ihrer Aufgaben. Sie braucht den Bescheid. Er möchte den Brief aber noch behalten. Sie gestattet zehn Minuten. Er setzt sich hin.
53Die beiden anderen Asylwerber fragen, ob für sie auch ein Brief gekommen sei. „Seht ihr hier irgendwo weitere Briefe?“, fragt sie. Beide beginnen nun gleichzeitig auf sie einzureden. Eine NGO-Aktivistin betritt die Szene. Sie untersteht auf gewisse Weise der Heimleiterin. Sie kommt mit einem Aktenordner mit hunderten von Akten, die sie bearbeitet. Sie ist in Eile. Die Heimleiterin versucht, die beiden Asylwerber auf sie umzulenken, was sie versucht zu verhindern. Aber es lässt sich nicht mehr vermeiden. Die Asylwerber haben ernsthafte Anliegen, um die sich niemand kümmert. Die NGO-Aktivistin versucht zu gehen, aber sie lassen sie nicht. Sie bitten sie um eine Minute ihrer Zeit. Sie willigt ein. Der syrische Asylwerber beginnt mit seiner ganzen Geschichte, die er schon so oft erzählt hat und spricht von seiner Familie in Syrien um die er sich große Sorgen macht. Sein Fall muss endlich angehört und behandelt werden. Die NGO-Aktivistin erklärt, auch zum wiederholten Male, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tue. Er wirft ihr vor, dass das eben nicht genug sei. Ihr Frust steigt ins Unermessliche. Wie kann er das sagen? Sie beginnen zu streiten und sie dreht ihm mitten im Satz den Rücken zu und geht. Die beiden Asylwerber sind zutiefst frustriert. Einer von ihnen setzt sich in seinem Frust hin und wartet weiter. „Das ist meine Aufgabe“ meint er, „zu sitzen und zu warten.“ Der andere macht sich auf den Weg zur Bar, um den positiven Asylbescheid des Freundes zu feiern.
54In der Bar sitzt und trinkt ein gebürtiger Österreicher. Der Asylberechtigte kommt mit seinem Bescheid in die Bar, setzt sich an einen Tisch und bestellt ein Bier. Der Österreicher sieht das und geht zu ihm. Demonstrativ stellt er sein Bier auf den Tisch. „Was machst du hier?“, fragt er. „Siehst du nicht, dass andere an diesem Tisch sitzen?“ „Wo sind sie?“, fragt der Asylberechtigte. „Ich sehe niemanden.“ „Nein, natürlich siehst du sie nicht. Sie sind aber da, sie sitzen sogar in dem Stuhl in dem du sitzt. Dieser Tisch ist für echte Österreicher reserviert. Kannst du nicht einmal lesen?“ [Auf dem Tisch steht ein gusseisernes „Stammtisch“-Schild. Anm.]
55Der Asylberechtigte möchte Kontra geben, aber während seiner langen Wartezeit hat er gelernt zu schweigen. Er zieht sich zurück und geht an den Rand. Der Österreicher sitzt jetzt am Tisch als seine Frau hereinkommt. Sie war auf der Suche nach ihm. Sie tauschen ein paar Belanglosigkeiten aus und sie fragt ihn, ob er Arbeit gefunden habe. Er hat keine Arbeit gefunden. Sie muss erkennen, dass er gar nicht gesucht hat. Er war die ganze Zeit hier in der Bar.
56Die NGO-Aktivistin von vorhin kommt herein. Sie kennt die Frau und über sie natürlich auch ihren Mann. Sie begrüßt beide und der Asylberechtigte, der sie ebenfalls kennt, ruft ihren Namen. Sie freut sich, ihn zu sehen und geht zu ihm hinüber. Der Österreicher steht auf und geht zu den beiden. „Kennst du den?“, fragt er sie. „Ja“, meint sie. „Ist er ein Freund?“ Sie antwortet, dass sie mit ihm arbeite. Der Asylberechtigte hört das Gespräch mit an. „Ah, du arbeitest FÜR ihn…“, dreht ihr der Österreicher die Worte im Mund um. „Ja. Was ist dein Problem?“ „Mein Problem ist, dass du eine Schande für Österreich bist!“ Die Situation spitzt sich zu. Die Ehefrau versucht zu beruhigen, aber niemand hört auf sie.
57Der Asylwerber, der vorgeschlagen hatte, feiern zu gehen, kommt nun in die Bar. „Ah, noch so einer!“, meint der Österreicher und wird noch heißblütiger. Der Asylberechtigte, der mit dem Brief, hat genug und erteilt sich selbst nun die Erlaubnis wieder der Mann zu sein, der er in seiner Heimat war. Er stellt sich vor die NGO-Aktivistin und geht mit dem Österreicher auf Konfrontationskurs. Dabei berührt er die Schulter der Aktivistin. Der Österreicher brüllt ihn an, er solle unsere Frauen nicht anfassen. Die beiden Männer stehen einander nun direkt gegenüber. „Was ist dein Problem?“, fragt der Asylberechtigte. „Du! Du bist mein Problem!“ Die Frau des Österreichers schreit ihren Mann an, er solle sich beruhigen. Er schreit zurück, sie solle ihn nicht auch noch provozieren. Alle frieren nun angesichts der scheinbar unvermeidbaren Gewalt alarmbereit ein. (Ende des Stücks)
58Dieses Stück ist außerordentlich stark, weil die Spieler*innen vor allem emotional sehr nah an der Realität des Stücks dran sind. Vielleicht kam es deswegen heute zu einem ordentlichen Krach innerhalb der Gruppe. Ich war nicht dabei als es passierte, aber als ich später davon erfahren habe und mit der Gruppe dann versucht habe, es aufzuarbeiten, kam etwas Interessantes zu Tage. Ein Teilnehmer ist aus Syrien, und deswegen, auch weil Syrien derzeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, wurde sein Fall sehr schnell bearbeitet. Er ist gleichzeitig auch sehr gut darin, seine Anliegen selbst voranzubringen. Hier passiert gerade etwas, das auch andernorts passiert. Es passiert gerade auch im Hinblick auf das Foto eines syrischen Kindes, das tot an einen Strand gespült wurde. Manche Menschen fragen, warum wir so viel Aufsehen um die Syrer machen, aber nicht um die anderen.
59Der syrische Teilnehmer war sehr aufgebracht, weil er dachte, dass diese Menschen die Situation in seinem Land herunterspielten. Es erscheint ihm wie eine Abwertung, so wie eine Währung gegenüber einer anderen abgewertet wird. Was mir dabei auffiel, ist, dass wenn etwas dermaßen im Fokus der Aufmerksamkeit steht, wird es zum Maßstab. Wenn sich die Aufmerksamkeit dann wieder verlagert, so wird das als schmerzvoller Verlust wahrgenommen.
60Die Facebooknutzer*innen, das konnten wir alle mitverfolgen, haben etwas Wesentliches vergessen. Dieses tote syrische Kind am Strand ist in erster Linie ein menschliches Wesen, ein Kind. Sein Herkunftsland, seine Ethnizität, seine Hautfarbe, sein Geschlecht, jedes andere Merkmal, mit dem wir es vielleicht versehen, ist zweit- oder drittrangig. Ich weiß, es klingt abgedroschen, aber es ist unser Kind. Es wird zum Symbol. Was hat es mit uns Menschen auf sich, dass schrecklich Dinge zu einem Wettbewerb zwischen uns werden? Ich kenne das aus meiner eigenen Herkunftsgemeinschaft. Es gibt keine Gräuel, die mit dem Holocaust mithalten können. Bei Unterdrückung, welcher Art auch immer, kann es doch nicht um einen Wettstreit gehen, wer unterdrückter ist. Das ist nur eine von vielen Arten, wie wir Menschen uns voneinander abgrenzen, Mauern zwischen uns errichten und echte gruppenübergreifende Solidarität verhindern.
61Das 2. Stück ist wesentlich kürzer. Es dauert vielleicht drei Minuten, während das erste Stück wahrscheinlich an die zehn Minuten gedauert hat. Es kommen darin auch nur drei Figuren vor und trotzdem ist es ungemein vielschichtig geworden. Das Stück beginnt mit dem Ende einer Deutschstunde in einem Sprachkurs.
62Es beginnt damit, dass die Kursleiterin fragt, ob es irgendwelche Fragen gebe. Zwei Asylwerber im Kurs, einer aus Somalia, einer aus Ghana, verneinen. Der Somali ist noch beim Schreiben. Die Kursleiterin meint: „Gut!“ Sie nimmt ihre Sachen und macht sich auf den Weg. Der Asylwerber 14 aus Ghana folgt ihr und hält sie beim Arm zurück. Sie reagiert darauf unvermittelt, was er bemerkt und sich entschuldigt. Er hat eine Bitte. Es geht darum, dass beide Asylwerber in ihrer Heimat als Ingenieure gearbeitet haben. In Österreich brauchen sie eine Nostrifizierung und dafür brauchen sie wiederum ein gewisses Niveau an Deutschkenntnissen. Deshalb besuchen sie diesen Kurs. Der Mann aus Ghana hätte in zwei Wochen einen Prüfungstermin, weshalb er die Kursleiterin um Hilfe beim Deutschlernen bittet. Diese meint, dass sie ihnen bereits helfe, denn schließlich gebe sie diesen Kurs. Darauf meint er, dass er zusätzliche Hilfe brauche. Die Kursleiterin lehnt das ab. Sie hat noch weitere Kurse und keine Zeit. Der Mann aus Somalia hört das und wittert seinerseits die Chance auf zusätzliche Unterstützung. Er hat große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Er geht zu den anderen beiden hinüber. Der Mann aus Ghana fragt ihn, was er hier wolle. „Ich will auch Hilfe“, sagt er. Jetzt stehen die beiden Asylwerber in direkter Konkurrenz. Es ist völlig auszuschließen, dass beide zusätzliche Unterstützung erhalten. Der Mann aus Ghana wendet sich an die Kursleiterin und bittet sie: „Hilf mir!“ Sie schaut beide an und wird sehr ernst: „Glaubt ihr beide denn wirklich, dass auch nur irgendetwas von dem, was ihr hier tut, dazu führen wird, dass ihr in Österreich als Ingenieure arbeiten könnt?“ Die beiden Männer schauen abwechseln zu ihr und zu einander. Wie können sie wieder das werden, was sie sind?
63Beide Stücke und der szenische Auftakt wurden intensiv geprobt. Der Regiestil von David Diamond ist dabei ein sehr unmittelbarer, da er sich selbst immer wieder in der Szenerie bewegt, mit den Figuren mitgeht und den emotionalen Gehalt der Figuren und ihre Beziehungen untereinander auslotet. Wie sonst in jedem Theater üblich werden einzelne Sequenzen immer wieder wiederholt, gefestigt, es wird am Timing gearbeitet, an Gesten, Blicken, Sätzen – so lange bis der Ablauf „sitzt“.
Aufführungen
64Zwei Aufführungen, eine im „Haus der Begegnung“ (6. September 2015) und eine in der Kulturbackstube „Die Bäckerei“ (7. September 2015), bringen mehr als 400 Menschen dazu, sich nicht nur zu informieren, nicht wieder einmal nur Zuschauer*in, und damit passiv zu sein, sondern sich aktiv am Bühnengeschehen zu beteiligen, um die präsentierte Realität auf der Bühne zu verändern.15 Wie wird aus einem unmenschlichen Neben- oder gar Gegeneinander ein humanes Miteinander? Der systemische Blick des „Theaters zum Leben“ weiß, dass unsere Verhaltensmuster die Strukturen erzeugen, mehr als dies umgekehrt der Fall ist. Wenn sich also unser Verhalten in der Sache ändert, dann werden sich auch die Rahmenbedingungen ändern. Bei zwei Aufführungen war Zeit für circa 20 Änderungsvorschläge, wie wir unser Verhalten als Menschen (egal in welcher Rolle) menschlicher gestalten können.
65Sonntag, 6. September 2015, 6. Tag
Und dann kam es zu den Forumtheater-Aufführungen und vielen neuen Erkenntnissen und
Einsichten. Wir haben viel gelernt. Die Aufführung heute war außergewöhnlich und etwas
ganz Besonderes. Die ersten Leute kamen bereits vor 19:00 Uhr und es strömten immer
mehr Menschen herein. Der Saal füllte sich und es wurden ständig mehr Stühle hereingebracht.
Die Leute saßen ganz hinten auf Tischen, einige mussten stehen. Der Raum war mit 220
Zuschauerinnen und Zuschauern mehr als voll.
66Ich hatte etwas Lampenfieber, aber ich denke, dass niemand etwas bemerkt hat. Ich war mir unsicher, ob das österreichische Publikum, darunter allerdings auch viele Asylwerber, den englischsprachigen Kanadier als Moderator des Abends akzeptieren würden. Zu unrecht. Der Abend fühlte sich für mich wie ein warmes Bad an. Sowohl das Publikum als auch die Spieler*innen aus der Workshopgruppe waren fantastisch.
67Meine Idee mit dem Beginn im Dunkeln und dem „Go, go, go!“ funktionierte ausgezeichnet. Wir schufen dadurch einen gemeinsamen emotionalen Ausgangspunkt für den Rest des Abends.
68Nachdem ich mit allen aus dem Workshop gesprochen hatte, entschied ich, das Publikum beim Forum dazu einzuladen, das Asylwesen menschlicher zu gestalten. Es geschieht sehr viel Positives in dieser Hinsicht in Österreich. Aber ein Teil des Problems ist, dass Österreich im Moment so viele Menschen auf der Flucht aufnimmt, dass das bislang gut funktionierende System nicht mehr funktioniert. Alle sind am Limit. Das System entwickelt sich zu einer Maschinerie und wenn das passiert, werden die Beteiligten entmenschlicht. Also lautet die Einladung, das System wieder menschlicher zu gestalten, wieder mehr Mensch zu sein, den Menschen zu sehen… Das Publikum hat das sehr gut verstanden.
69Mit dem längeren der beiden Stücke hätten wir eine stundenlange Forumphase machen können. Das Publikum ließ sich auf die verschiedenen Formen von Frustration, das ewige Warten und die Erschöpfung bei den im Asylwesen Tätigen, sehr gut ein. Das Wundervolle beim Forumtheater ist, dass wir bei aller Ernsthaftigkeit, die das Thema erfordert, gleichzeitig ausgiebig lachen können, so wie gestern Abend. Ich denke, dass es großteils an der Freude lag, mit der die Geschichten auf eine ehrliche Art und Weise dargeboten wurden. Und es lag an der Atmosphäre, die es erlaubte, unterschiedlicher Meinung zu sein, ohne zu streiten. Es gab ein großes Maß an Wohlwollen.
70Es gab aber auch Gewalt. Menschen mit Fluchterfahrung kamen auf die Bühne, um ihre Idee für mehr Menschlichkeit zu zeigen und wurden dabei wütender als sie geglaubt hatten. Das ist zwei Mal passiert. Wenn so etwas passiert, dann ist das ein großes Geschenk an uns alle. So war es auch diesmal. Denn dadurch öffnete sich eine Tür zu mehr Verständnis dafür, wie tiefgehend das Problem ist. Warum werden Menschen gewalttätig? In diesem Fall nicht, weil sie von sich aus gewaltbereit, sondern weil ihre Frustration keine andere Möglichkeit findet, sich Weg zu bahnen.
71Die Tiroler Landesrätin [vergleichbar mit einer Ministerin in einem deutschen Bundesland, Anm.] für Soziales war im Publikum. Sie trat jedoch nicht öffentlich in Erscheinung. Im Anschluss an die Aufführung kam sie auf mich zu und zeigte sich sehr dankbar. Wir unterhielten uns und sie meinte, dass sie wisse, dass sich etwas ändern müsse, aber angesichts der Umstände [zu dieser Zeit, im September 2015 kamen Menschen auf der Flucht in großer Zahl und kurzer Zeit, und es war nicht absehbar in welche Richtung die Entwicklung weitergehen würde. Anm. AS] wisse sie ehrlich gesagt noch nicht was. Ich fragte, ob sie irgendwelche Erkenntnisse aus der Aufführung gewonnen hätte. Ich habe während der Aufführung öfters die Frage gestellt, welche strukturellen Veränderungen vorgenommen werden müssten, um die Intervention, die gerade auf der Bühne gemacht wurde, zu ermöglichen, damit das Asylwesen menschlicher werden würde. Sie antwortete mit einem „Ja“, es gäbe viele Erkenntnisse. Ich bat sie, sicherzustellen, dass diese Erkenntnisse umgesetzt würden. Ich habe auch in der Abschlussrunde mit der Workshopgruppe darauf hingewiesen und die Organisatoren gebeten, sicherzugehen mit ihr in Kontakt zu bleiben.
72Jetzt, drei Jahre später (November 2018), erinnert sich die inzwischen ehemalige Soziallandesrätin:
„Die Ideen für die Interventionen sind alle gut und richtig gewesen – der Umgang der
Behördenmitarbeiter*innen, die Betreuer*innen, die Deutschkurse, die Sinnlosigkeit
des Herumsitzens und Wartens etc. Wir haben in Tirol sehr viele Maßnahmen zumindest
versucht umzusetzen: Betreuungsschlüssel erhöht, Deutschkurse zusätzlich angeboten,
Personal geschult, Freiwilligenarbeit gefördert, und und und. Das Forumtheater hat
alle diese Maßnahmen bestätigt und die Notwendigkeit sichtbar gemacht. Ich glaube
das wichtigste daran war sicher, die Sensibilisierung aller für das Thema und für
die Umstände zu erhöhen und zu erkennen wie notwendig es immer wieder ist, darüber
aufzuklären, wie das tagtägliche Leben von Asylwerber*innen in Wirklichkeit aussieht.
Das auch zu vermitteln, ist wahrscheinlich meine beste Erkenntnis daraus gewesen.“16
73Für die Schauspieler*innen gab es am Ende der Aufführungen lange anhaltenden Applaus. Er fühlte sich endlos an. Viele von uns auf der Bühne hatten Tränen in den Augen. Der Applaus war vielschichtig. Der Mut, den es brauchte, um sich mit Geschichten über ein System, das derzeit nicht funktioniert, auf der Bühne zu zeigen, während ihre Verfahren noch am Laufen sind, darf nicht unterschätzt werden. Asylwerber*innen sind sehr verwundbar. Sie sind ein großes Risiko eingegangen. Aber ich glaube, so wie viele von ihnen auch, dass wir heute etwas Großes zuwege gebracht haben.
74Am Montag wird die Gruppe bei einer zweiten Aufführung an einem anderen Ort auftreten. Ich werde dabei sein, aber Armin wird jokern. Beides wird einige Veränderung mit sich bringen.
75Montag, 7. September 2015, 7. Tag
Die zweite Aufführung hat woanders stattgefunden. Es war ein deutlich politisch-aktivistischerer,
an jüngerem Publikum orientierter Ort. Das hat dem Ganzen gut getan. Erneut war der
Raum mehr als voll. Zu Beginn handelten viele Interventionen davon, entweder als Asylwerber
zu lernen zu warten ohne sich zu beschweren oder sich als im Asylwesen Beschäftigte*r
zu verausgaben. Armin hat die Situation gut gemeistert indem er darauf hingewiesen
hat. Die Rückmeldungen zum zweiten Abend waren durchwegs positiv.
76Forumtheater lebt von den Interventionen des Publikums. Die Ausgangsfrage, dargeboten in diesem Fall in Form der Auftaktszene und den beiden Stücken, bleibt die gleiche. Sie ist reproduzierbar. Der Dialog mit dem Publikum ist jedoch immer wieder neu, und er lässt sich nicht proben. Die Figuren müssen aus der Rolle heraus authentisch und spontan improvisieren und auf die Veränderung reagieren, die jemand aus dem Publikum durch die Einnahme einer Rolle und Übernahme einer Figur einbringt. Nicht alle wohlmeinenden Ideen führen zu einer Lösung des Problems. Aber immer führt ein verändertes Verhalten zu neuen Einsichten und Erkenntnissen. So ist mir zum Beispiel von der zweiten Aufführung in Erinnerung, dass sich Asylwerber*innen manchmal kleiner machen oder dümmer stellen als sie sind, in der vermeintlichen Hoffnung dadurch zu beschwichtigen oder keine Wut auf sich zu lenken. Diese Strategie führte aber, in unserem Fall in der Begegnung mit dem Einheimischen in der Bar aus dem ersten Stück, dazu, dass die Aggression noch wuchs. Es gab allerdings an beiden Abenden weitaus mehr Strategien, die zu mehr Menschlichkeit führten. Verständnis für die jeweilige Situation des Gegenübers, selbst wenn keine unmittelbare Verbesserung der Umstände erzielt werden konnte, bewirkte eine Veränderung der Atmosphäre, die allen Beteiligten sichtbar gut tat. Ehrlichkeit in Bezug auf die eigene Überforderung mit einer Situation machte den Menschen hinter seiner Funktion sichtbar und half allen, den konkreten Moment besser zu meistern. In Summe war es immer wieder der Blick auf die größeren Zusammenhänge und das Wissen darum, dass unser konkretes Verhalten als Menschen in vielen kleinen Momenten schlussendlich das Leben ausmacht, das wir führen. Es sind unsere Verhaltensmuster, die die Strukturen erzeugen, in denen wir uns bewegen. Die Strukturen dürfen nicht als Ausrede für unsere Verhalten dienen. (Diamond 2013, S. 57; 66-67; 85-88)
Nachwirkungen
77Im Anschluss an diese Aufführung haben wir uns alle noch ein letztes Mal im Kreis zusammengefunden und jede*r konnte das Projekt aus seiner/ihrer Perspektive Revue passieren lassen. Es wurde sehr emotional, denn die gemeinsame Arbeit hat eine tiefe Verbundenheit entstehen lassen. Es wurde geweint und gelacht und alle bedankten sich aus tiefstem Herzen für die gemachten Erfahrungen und den persönlichen Einsatz der jeweils anderen. Vor allem wurde David Diamond bedankt. Er hat das Projekt nicht nur professionell, sondern vor allem menschlich mit viel Herzblut geleitet.
78Die Idee, das Stück noch weitere Male aufzuführen mussten wir aus organisatorischen,
zeitlichen und persönlichen Gründen fallen lassen, aber es sind immerhin noch weitere
interaktive Theaterabende bis in die Mitte des Jahres 2017 hinein zu Stande gekommen,
die auf dieses Projekt zurückzuführen waren. So gab es in St. Gertraudi in der dortigen
Flüchtlingsunterkunft, im „Hotel Toleranz“ in Jenbach und in der Pfarre Saggen (Innsbruck)
jeweils einen „Regenbogen der Wünsche“ mit dem Titel „Wir und die Anderen“. Ein „Regenbogen
der Wünsche“, dieses Theaterformat stammt wie das Forumtheater ebenfalls von Augusto
Boal und wurde ebenso von David Diamond adaptiert, setzt eine Begegnung von zwei Menschen
in Szene, um die in dieser Begegnung latent vorhandenen Wünsche, Hoffnungen, Anliegen,
Ängste und Befürchtungen der Figuren in Charaktere zu verwandeln, die dann ihrerseits
miteinander interagieren. Bei „Wir und die Anderen“ geht es um Momente des „otherns“,
wo also ein Gegenüber zum „Anderen“ gemacht wurde und ihm oder ihr damit die Zugehörigkeit
abgesprochen wird. Diese Art der Ausgrenzung ist gerade für Menschen mit Fluchterfahrung
beinahe alltäglich. Das Theater wurde in diesen Aufführungen zu einem Ort der Begegnung
zwischen den Wünschen und Ängsten von Menschen, die unterschiedliche Geschichten an
einen Ort gebracht haben.
Auch der persönliche Kontakt mit vielen Beteiligten des Projekts hat auf die eine
oder andere Art eine Fortsetzung gefunden. Das Projekt hat das Leben der Menschen
verändert. Oder wie David Diamond am Ende von Forumtheateraufführungen zu sagen pflegt:
Wir beginnen in der Realität. Im Workshop verwandeln wir die Realität in Theater.
Ihr habt heute erlebt wie sich durch eure Interventionen die Realität im Theater verändert
hat. Unsere Hoffnung und Einladung an euch lautet, nehmt alles, was ihr heute gelernt
habt, mit in eure Realität, damit sich auch dort etwas in Richtung mehr Menschlichkeit
verändert!
Literaturverzeichnis:
- Diamond, David: Theater zum Leben. Über die Kunst und die Wissenschaft des Dialogs in Gemeinwesen, Stuttgart, 2013.
- Staffler, Armin: Augusto Boal. Einführung, Ibidem, Essen, 2009.
- Boal, Augusto: Übungen für Schauspieler und Nicht-Schauspieler (übers. v. Till Baumann), Berlin, Suhrkamp, 2013.
- Boal, Augusto: Theater der Unterdrückten. Übungen für Schauspieler und Nicht-Schauspieler, Frankfurt am Main, 1989
- Boal, Augusto: Legislative Theatre. Using Performance to Make Politics, Routledge, London/New York, 1998.
2Diamond, David: Theater zum Leben. Über die Kunst und die Wissenschaft des Dialogs in Gemeinwesen, Stuttgart,2013.
2Staffler, Armin: Augusto Boal. Einführung, Ibidem, Essen, 2009.
2Boal, Augusto: Übungen für Schauspieler und Nicht-Schauspieler (übers. v. Till Baumann), Berlin, Suhrkamp, 2013.
2Boal, Augusto: Legislative Theatre. Using Performance to Make Politics, Routledge, London/New York, 1998.
5Die originalen Tagebucheinträge wurden auf Englisch verfasst. Sie wurden für diesen Artikel von mir (Armin Staffler) übersetzt, gekürzt und leicht adaptiert, sofern dies für die Verständlichkeit im Kontext dieses Beitrags notwendig schien.
6Am 27. August 2015 wurde ein LKW im Burgendland mit mehreren toten geflüchteten Menschen entdeckt. Einen Tag später wurde bekannt, dass 71 Menschen ums Leben kamen. https://burgenland.orf.at/news/stories/2728689/ und https://orf.at/v2/stories/2442794/2442800/
7Der Begriff „Gemeinwesen“ bringt meiner Meinung nach schön zum Ausdruck, dass es sich um ein Wesen, einen lebendigen Organismus handelt. Analog dazu verwende ich den Begriff „Asylwesen“. Es gäbe weitere analoge Begriffe wie etwa das „Schulwesen“.
7Der „Joker“ ist eine Figur, die Augusto Boal nach der Spielkarte benannt hat und die bei Forumtheater-Aufführungen die Rolle des Moderators/der Moderatorin, des Provokateurs, des Spiegels, des Kommentators etc. übernimmt. Häufig hat dieselbe Person den Workshop- und Probenprozess begleitet und Regie geführt.
8Die Zahl der Menschen, die auf ihrer Flucht nach und durch Europa nach Österreich und in der Folge oft auch nach Deutschland kamen, erhöhte sich innerhalb weniger Wochen deutlich. Hunderte und Tausende von Menschen lagerten an der Südgrenze Österreichs und an den Verkehrsknotenpunkten (z.B. Bahnhöfen), spontane Hilfe wurde organisiert und am 5. September 2015 entschied die deutsche Kanzlerin Angela Merkel geflüchtete Menschen ohne Kontrolle nach Deutschland einreisen zu lassen.
8Das „Haus der Begegnung“ ist eine katholische Bildungseinrichtung der Diözese Innsbruck.
https://hdb.dibk.at/Startseite .
Stefan Freytag war zu dieser Zeit dort angestellt und hauptsächlich als Bildungsreferent
für den Bereich „Arbeitswelt“ verantwortlich.
8Veranstalter: spectACT – Verein für politisches und soziales Theater, Haus der Begegnung der Diözese Innsbruck; Mitveranstalter: Plattform Rechtsberatung, Verein Menschen.leben und der UNESCO Chair for Peace Studies Innsbruck; Partnerorganisationen: Ankyra, yo!vita - Rotes Kreuz Landesverband Tirol, InterprAID, Verein Flucht.punkt Tirol, Pax Christi Tirol, Verein Tigra - Tiroler Gesellschaft für rassismuskritische Arbeit, Diakonie Flüchtlingsdienst, Kinderbüro - Lobby für Menschen bis 14;
8Psychosoziale Begleitung: Manuela Schwärzler
8Übersetzer: Ahmed M.
8Workshopleitung, Regie: David Diamond (Theatre for Living, Vancouver)
8Gesamtkoordination und Kontakt mit David Diamond: Armin Staffler (spectACT – Verein für politisches und soziales Theater)
8Planung, Koordination, Vernetzung: Stefan Freytag (Haus der Begegnung)
8Kernteam: Katharina Lang (MCI - Soziale Arbeit), Viktoria Tipotsch und Irene Pilshofer (Plattform Rechtsberatung), Yamen A. (Asylwerber aus Syrien), Alexandra Leitner (Verein Menschen.leben), Khalid A. und Hassan M. (Asylwerber aus Somalia)
8Erweitertes Team: Josefina Echavarría und Adham Hamed (UNESCO Chair for Peace Studies), Julia Kovacs (yo!vita), Katharina Schuirer (Büro der LRin für Soziales);
8Gefördert mit Mitteln des Landes Tirol, Abt. Kultur.
8Gefördert von der Stadt Innsbruck.
8Mit freundlicher Unterstützung des Landes Tirol, Abt. Soziales, LR Dr.in Christine Baur
8Gefördert von der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung
8Mit freundlicher Unterstützung der IVB – Innsbrucker Verkehrsbetriebe
9Dass es sich um eine Einladung handelte, möchte ich extra betonen. Die daraus resultierende Haltung und Atmosphäre aller Beteiligten war ein maßgeblicher Gelingensfaktor für das Projekt.
12Die Übungen sind ausführlich in David Diamonds Buch beschrieben. Diamond, David: Theater zum Leben. Über die Kunst und die Wissenschaft des Dialogs in Gemeinwesen, Stuttgart, 2013.
62Anm.: Ich bleibe hier bewusst bei den Kategorien „Kursleiterin“ oder „Asylwerber“, weil das Stück unter anderem genau das thematisiert. Menschen werden kategorisiert und immer wieder auf eine Funktion oder einen Status reduziert. Davon war nach der Übung „Die Glasflasche“ die Rede und so floss dieser Aspekt in dieses Stück ein.
64„‚Zuschauer‘ - welch eine Beleidigung. Der Zuschauer, das passive Wesen par excellence, ist weniger als ein Mensch. Es tut not, ihn wieder zum Menschen zu machen, ihm seine Handlungsfähigkeit zurückzugeben.“ Boal, Augusto: Theater der Unterdrückten. Übungen für Schauspieler und Nicht-Schauspieler, Frankfurt am Main, 1989, S. 66.
72Dr.in Christine Baur in einem Mail an mich im Oktober 2018; Vielleicht haben dieses Forumtheater-Projekt und die Aufführungen auch dazu beigetragen, dass im Jahr 2016 Forumtheater zum „Legislativen Theater“ wurde, das in Tirol maßgeblich an der Erarbeitung eines neuen Teilhabegesetzes für Menschen mit Behinderung, Lernschwierigkeiten oder psychischen Erkrankungen mitgewirkt hat. Staffler, Armin: https://www.staffler.at/theaterpaedagoge/projekte bzw. https://www.staffler.at/files/Legislatives Theater - Mach mit! Es geht um uns!.pdf (2.12.2018)