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Batty Weber aus der Sicht der Stadtentwicklung: Batty Weber aus der Sicht der Stadtentwicklung

Batty Weber aus der Sicht der Stadtentwicklung
Batty Weber aus der Sicht der Stadtentwicklung
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  • Project HomeDem Batty Weber säin Abreißkalender (1913-1940)
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Notes

table of contents
  1. Umschlagsbild
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Logos
  5. Batty Weber aus der Sicht der Stadtentwicklung
    1. Batty Weber zwischen Malerei, Fotografie und Literatur
    2. Batty Weber und die Denkmalpflege
    3. Batty Weber und das städtische Grün
    4. Die historische Stadtlandschaft
    5. Von der Kleinstadt auf dem Weg zur Großstadt
    6. Verkehrsentwicklung
    7. Am Stadtrand
    8. Erinnerung im Raum
    9. Fazit: Literatur als bedeutende Geschichtsquelle
    10. Literaturverzeichnis

Batty Weber aus der Sicht der Stadtentwicklung

Robert L. Philippart

In seinen über 7.000 Abreißkalender-Feuilletons beschäftigt sich Batty Weber ungefähr 130-mal eingehend mit der Stadtentwicklung Luxemburgs (vgl. Institut fir lëtzebuergesch Sprooch- a Literaturwëssenschaft 2017). Für die Geschichtsforschung übernimmt der Autor hier die Rolle eines Zeitzeugen. Als Kind pilgerte Batty Weber vom Land mit seinen Eltern zur Oktave (vgl. Meder 1999, 69f.). Als Zwölfjähriger kam er 1872 ins Athenäum und begann in Luxemburg-Stadt nach dem Abitur bis 1882 Studien in Philosophie und Sprachen (vgl. o.A. 1882). Anschließend verfolgte er ein Studium der Philologie an den Universitäten Berlin (1881/82) und Bonn (1882/83), das er jedoch frühzeitig abbrach. 1883 trat er in den Staatsdienst ein, entschied sich aber bald für eine Journalistenlaufbahn in Luxemburg-Stadt (vgl. Marson 2025). Batty Weber erlebte in dieser Zeitspanne bewusst die Umwandlung der Festung Luxemburg in eine offene Stadt. Die Festung Luxemburg wurde aufgrund des Londoner Vertrags 1867 aufgelöst, die Schleifungsarbeiten wurden offiziell 1883 abgeschlossen.

Der Abreißkalender als Hilfsquelle der Geschichtsforschung

Die Feuilletonserie Abreißkalender erscheint in den Jahren 1913 bis 1940. Erinnerungen, die bis in die frühen 1870er Jahre hineinreichen, vermischen sich mit alltäglichen Erlebnissen. Batty Weber nimmt den raschen Wandel der Stadt Luxemburg wahr und kommentiert ihn immer wieder, steht ihm, als liberaler Autor, jedoch generell positiv gegenüber. Er schildert sein Empfinden in Bezug auf den Wandel eines ihm liebgewordenen Ortes. Er beschreibt indirekt den inneren Kampf des Loslassens alter und des Annehmens neuer Verhältnisse bei voller Machtlosigkeit über das Geschehen. Dass er dabei manchmal einen erzieherischen Ton anschlägt, um die Erinnerung an typische Merkmale der Hauptstadt wachzuhalten, hat Anne-Marie Millim ausgiebig geschildert und beschrieben (vgl. Millim 2017). Weber schwankt zwischen persönlicher Verbundenheit und kollektivem Gedächtnis. Als literarische und historische Quellen sind die Texte Webers für die städtische Geschichtsforschung sehr wertvoll.

Webers Veröffentlichungen erfüllen für den Historiker der Stadtgeschichte gänzlich die Rolle einer Hilfsquelle. Rechtliche Quellen beschäftigen sich mit Problemen zwischen Eigentümern und Verwaltungen, traditionelle Bauquellen sind eher technischer Natur, Verkaufsakten sind dem Ort und dem Eigentümer verhaftet, Firmenakten berichten über die Führung eines Unternehmens. Die publizistischen Quellen, welche dreißig Jahre nach Webers Tod erschienen sind – ich denke hier an Evy Friederich, Norbert Entringer, François Mersch oder an die Kataloge der Ausstellungen der Photothèque –, bleiben sehr faktenorientiert oder sind zum Teil oberflächlich (vgl. Mersch 1978a; 1978b; 1978c; 1980; 1981; Friedrich 1983; o.A. 2001). Als Rückschau in vergangene Zeiten, die die Autoren nicht selbst erlebt haben, können sie das Stadtempfinden nicht wiedergeben. Dadurch, dass Weber Zeitzeuge ist, kennt und beschreibt er Zusammenhänge oder menschliche Haltungen, die höchstens am Rande der klassischen Geschichtsquellen auftauchen.

Batty Weber zwischen Malerei, Fotografie und Literatur

Batty Weber ist nicht der einzige Zeitzeuge seiner Epoche. Die Umwandlung der Festungsstadt in eine offene Stadt hat den Architekten Sosthène Weis stark bewegt. Mehrere Tausend Aquarelle hat er von historischen Plätzen und Orten im Großherzogtum angefertigt. Als Staatsarchitekt und später als Architekt im Dienst der Aciéries Réunies de Burbach-Eich-Dudelange (ARBED, Vereinigte Eisenhütten von Burbach-Eich-Düdelingen) hat er beruflich Projekte wie den Abriss der Kathedrale und deren Neubau auf dem Wilhelmsplatz oder den Betonbau des Hotel des Postes verteidigen müssen. Genau wie Weber fühlt er sich zwischen Vergangenheit und Zukunft hin- und hergerissen.

Der Maler Michel Engels wäre ein weiteres Beispiel hierzu. Auch die Fotografie beschäftigt sich mit den Themen der Stadtlandschaft, dem malerischen Altstadtviertel, den Überresten der Festung, der Éimaischen und der Schueberfouer. Charles Bernhoeft oder Charles Brandebourg, Dominique Kuhn sowie Anton Mehlbreuer haben historische Ecken und ehemalige Festungswerke im Bild festgehalten. Der Sparkassenbeamte Bernard Wolff führte damals eine historische Sammlung mit über 500 alten Fotografien, vorwiegend Stadtansichten, die bis 1855 zurückgeht. Er verkaufte sie 1939 und 1942 an die Stadt Luxemburg (vgl. Clesse 1994). Damit ging ein sehnlicher Wunsch Batty Webers in Erfüllung:

„Wenn irgendwo ein Haus abgetragen wird, um einem Neubau Platz zu machen, sollte das städtische Hochbauamt von dem alten Haus eine Photographie aufnehmen lassen. Alle diese Photographien zusammen würden in einem Archiv aufbewahrt und von Zeit zu Zeit, meinetwegen jedes Menschenalter einmal, als Album von Alt-Luxemburg in den Handel gebracht, sodaß die Verwaltung gut und gerne auf ihre Kosten käme und mein Vorschlag die Stadt keinen Centime kosten würde.“ (AK1 15. Mai 1918)

Weber hatte diese Forderung nicht weniger als 38-mal gestellt (vgl. AK 5. März 1929). Die Photothèque der Stadt Luxemburg als eigenes Archiv wurde erst 1984 geschaffen (vgl. o.A. o.J.). Der Wunsch Webers entspricht dem damaligen Zeitgeist. Um 1890 arbeitete Sosthène Weis (vgl. Philippart 2007, 84f.) zusammen mit Hans Grässel (1860-1939), dem „Bauamtmann für Hochbau“ der Stadt München, der zwischen 1890 und 1900 ein fotografisches Inventar von Gebäuden erstellen ließ, die zum Abriss bestimmt waren (vgl. Bauer 1994). Fotografie wurde ebenfalls um die Jahrhundertwende eingesetzt, um Sanierungsmaßnahmen zu rechtfertigen. Die Bilder von „damals“ erinnerten an meist unhygienische Verhältnisse und priesen die Anpassung der Altstädte an die hygienischen „Luft- und Licht“-Verordnungen der neuen Stadtviertel. Auch die Arbeiten von Louis Froissartin in Lyon, Adolphe Terris in Marseille, Alphonse Le Blondelin in Lille, Charles Marville in Paris oder Alphonse Terpereau in Bordeaux bezeugen dieses Vorgehen (vgl. Mondenard 2005, 128-141). Nicht unerwähnt sollten die pittoresken Postkarten bleiben, die Charles Bernhoeft oder Bazar Champagne mit romantischen Stadtansichten Luxemburgs an ausländische Besucher verkauften. Weber geht es nicht allein darum, Vergangenes zu betrauern, sondern auch darum, den Fortschritt zu veranschaulichen. So einfühlsam Sosthène Weis seine Stadtansichten zeichnet und die oben genannten Fotografen das ehemalige Stadtbild auf Glasplatten festhielten, so einfühlsam beschreibt Weber, als Autor, Orte, Viertel und Plätze im Wandel.

Batty Weber und die Denkmalpflege

Anlässlich des Abrisses der Holzbuden am heutigen Standort des Hotels Alfa schreibt Weber: „Was gäben wir drum, wenn wir von dem damaligen Aussehen dieses ganzen [Bahnhofs-; Anm. d. Verf.] Viertels Bilder besäßen, nach denen sich die Jüngern eine Vorstellung davon machen könnten, aus welchem Nichts, kann man wohl sagen, sich dieser betriebsame Stadtteil in relativ kurzer Zeit entwickelt hat.“ (AK 14. Juli 1928) Weber geht es hier darum, ein Vergleichsbild mit früheren Tagen zu schaffen, damit man sich der positiven Entwicklung Luxemburgs bewusstwerden kann.

Abb. 1: Place de la Gare vor dem Bau des Hotels Alfa (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)
Abb. 1: Place de la Gare vor dem Bau des Hotels Alfa (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)

Bedeutend ist bei Batty Weber, dass er bei seiner Sorge um ein historisches Stadtbild nicht von Denkmalschutz spricht, obwohl in den Nachkriegsjahren in interessanten Debatten Luxemburgs erstes Denkmalschutzgesetz ausgearbeitet wurde und 1927 in Kraft getreten ist.2 Weber steht der Sanierung positiv gegenüber, wenn er den neu geschaffenen Platz Clairefontaine beschreibt:

„Viel stärker, überwältigend gar ist der Eindruck, den man empfängt, wenn plötzlich aus einem Stadtbild ein ganzes Häusergewirr verschwunden ist und die Sonne stattdessen einen großen, freien Platz bescheint. Das Gefühl von Befreiung ist so stark, daß man die Arme ausbreiten möchte und atmen, tief und lange atmen, als sei auf einmal frische Luft da, wo früher ein dumpfer Qualm in den Straßen lag“ (AK 30. Dezember 1932).

Diese Haltung versteht sich nicht allein aus dem damals weit verbreiteten Hygienegedanken, sondern auch aus dem damaligen Verständnis dessen, worum es sich bei einem Denkmal handelt (vgl. Knäpper et al. o.D.). Das Denkmalschutzgesetz von 1927 sah wohl den Schutz von privaten historischen Gebäuden vor, doch galt der Schutz bis in die 1970er Jahre praktisch ausschließlich öffentlichen Gebäuden oder Immobilien, die älter als die Französische oder industrielle Revolution waren. An Industriebauten dachte damals kaum jemand (vgl. Philippart und Aschman 2021, 96-108). „[I]n wessen Leben hat dieser Laden nicht eine Rolle von Kindheit auf gespielt?“, fragt sich Batty Weber wehmütig zum Abriss des Hauses in der Rue du Curé (AK 31. Dezember 1925). Zum Café Jentgen schreibt er in gleicher Denkweise: „Im Mittelpunkt der Vorkriegswelt, der gemeingesellschaftlichen, wo man sich zum Früh- und […] Nachtschoppen traf, da stand für mich und steht noch heute das Café Jentgen auf dem Paradeplatz. Ich bin überzeugt, damit Tausenden aus Stadt und Land aus dem Herzen zu sprechen.“ (AK 5. Oktober 1934) Dabei spielt der Autor auf die emotionale Verbundenheit einer kleinen lokalen Gruppe von Kunden an, die vielleicht den Geschäften den Rücken schon längere Zeit gekehrt haben. So berechtigt die Sorge um ein kollektives lokales Gedächtnis sein mag, so berechtigt ist auch die Frage nach dem Rufer in der Wüste. Wie viele betroffene Leser mag Weber damals mit der Luxemburger Zeitung, deren Auflage bei 10.000 Exemplaren für 268.865 Einwohner lag (vgl. Statec 1961, 72), wohl erreicht haben?

Batty Weber schreibt seinen Abreißkalender in der Altersspanne zwischen 53 und 80 Jahren. In diesem Lebensabschnitt nimmt die Wichtigkeit der Erinnerung zu. Erinnern im Alter ist von größerer subjektiver Bedeutsamkeit. Die durch Veränderung wiederauftauchenden Erinnerungen werden im Alter intensiver erlebt, d.h., sie sind mehr auf das Ich fixiert und auch mit viel mehr Gemütsregungen verbunden, schreibt Volker Faust, Facharzt für Neurologie und Gründer der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit (vgl. Faust o.D.). Diese Feststellung spielt sicherlich bei Webers Schreiben mit hinein. Wichtiger ist allerdings, dass Webers Beschreibungen erfolgreicher Luxemburger Unternehmen als identitätsstiftend für die Stadt Luxemburg gelten. Für ihn sind sie ein absoluter Entwicklungsfaktor. Als liberaler Autor weiß er allzu gut, wie wichtig ein positives Wirtschaftsbild für die weitere Standortentwicklung ist. Er ist sich der Stadt als anonymer Masse bewusst, in der Menschen aus allen Himmelsrichtungen und Schichten zusammenströmen, sich an einem gemeinsam besuchten Ort zusammenfinden und eine Gemeinschaft bilden (vgl. Roncayolo 1990, 146). Webers Schilderungen zum Stadtbild und seiner Entwicklung sind positiv, auch wenn ihm manches punktuell missfällt. Seine Grundhaltung beruht auf der Einstellung des Wohlwollens, vivat, crescat, floreat für die Heimat. Diese Heimatverbundenheit des Autors erklärt, dass er zusammen mit Sosthène Weis und zahlreichen „Vertretern sämtlicher Volkskreise“ den gemeinsamen Brief vom 1. August 1940 an den Führer unterschrieb. Darin baten sie ihn,

„daß bei dem bevorstehenden Wiederaufbau Europas auch für Luxemburg eine Lösung gefunden wird, die auf Recht und Gerechtigkeit beruhend, dem heißen Wunsch des Luxemburger Volkes entspricht und den Fortbestand seines selbständigen Daseins unter dem Zepter seiner angestammten Dynastie während einer langen und glücklichen Friedensperiode gewährleistet.“ (O.A. 1945)

Leider erlebte er die Befreiung Luxemburgs und die Freude darüber nicht mehr. Batty Weber verstarb am 1. Dezember 1940 zu Beginn des großen Elends (vgl. Meder 1999, 15).

Batty Weber und das städtische Grün

Abb.2: Boulevard F.D. Roosevelt (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)
Abb.2: Boulevard F.D. Roosevelt (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)

Auch wenn Weber bedauert, dass „die alten Eckhäuser, die wie Kegel eines früheren, überwundenen Kulturniveaus im Straßenbild standen“, verschwunden sind, ohne im Bild festgehalten worden zu sein, ist ihm die Anwesenheit der Natur deutlich wichtiger (AK 5. März 1929). Seine Sprache wird forscher und beißender. Um diese Haltung zu verstehen, müssen wir etwas in der Stadtgeschichte zurückblättern. Der 1873 von Staat und Gemeinde verabschiedete „Vergrößerungsplan“ der Stadt Luxemburg verwandelte die ehemals mit hohen Festungswerken übersäte und durch tiefe Gräben zerklüftete Festungsstadt in eine grüne Stadt, die wie ein Blumenknopf aus ihrem Blättergewand emporblühen sollte. Der französische Landschaftsingenieur Edouard André, der in Luxemburg hochgeschätzt ist, hat in Luxemburg ein hierarchisches „Grünkonzept“ entwickelt: Der äußerste Rand der Festungsanlagen wurde in waldähnliche Parkanlagen umgewandelt, die Straßen, die in Richtung der großen internationalen Verbindungswege angelegt wurden, wurden als Alleen gestaltet. Der Schatten der Bäume sollte die Lebensqualität der Einwohner und der passierenden Pferde verbessern. Gleichzeitig zeichnen die geradlinig gepflanzten Bäume die Sichtachsen der damals noch unbebauten Straßenzüge. Vor- und Rücksprünge in den Fassadenfronten wurden mit Sträuchern maskiert, so dass sie nicht als Abort dienen konnten. Öffentliche Plätze wurden geschaffen und begrünt; die Parkanlagen umgaben den Westen der Stadt, schlossen das Petrusstal mit ein und reichten bis hinüber zu Rham, Olizy und Drei Eicheln (vgl. Luja 1951). Vorgärten zierten Wohnstraßen und Boulevards. Die Bastione Beck, Jost und Berlaimont wurden zu Aussichtsterrassen umgestaltet (vgl. Philippart 2006, 445-493). Die Natur sollte mit all ihrer Pracht und ihrem Reichtum Einzug in das Straßenbild erhalten: Ahorn entlang der Avenue de la Porte Neuve, Linden entlang der Avenue de l’Arsenal (heute Emile Reuter), Kastanienbäume entlang der Avenue Marie-Thérèse und Monterey usw. (vgl. André 1879, 321-365). Weber fühlte sich diesem Konzept, das er in den 1870er Jahren entstehen sah, sehr verbunden.

Er freute sich 1915 über die Bepflanzung der Freiheitsavenue mit Krimlinden, zumal bereits 1901 die Allee am Prinzenring verschwunden war und die Inbetriebnahme der Eisenbahn Charly sowie der elektrischen Straßenbahn das Fällen von Bäumen entlang des Boulevards Royal und der Avenue de l’Arsenal (heute Emile Reuter) bedeutet hatte: „Es ist ein Staat, wie sie dastehen, stramm ausgerichtet, die Stützpfähle auf’s Tüpfelchen in einer Höhe, zu ihren Füßen ein braunes viereckiges Kissen gelockerten Erdreichs. Man hat Freude daran. Und wenn sie einmal ihre ersten Blätter tragen, den ersten Schatten geben…“ (AK 7. März 1915) Doch wusste er wohl, dass Bäume im öffentlichen Raum nicht jedem Anrainer gefallen.

Die 1874 gepflanzten Krimlinden in der Avenue de l’Arsenal waren schon immer ein Stein des Anstoßes. Bei ihrer Pflanzung wurde nicht darauf geachtet, ob sie die Ein- und Ausfahrt zu den Häusern versperrten oder zu nahe an die Hausfassaden reichten (vgl. Depray und Philippart 2017, 101-123). Weber erinnert sich, dass die Händler sich darüber beschwerten, die Bäume würden „ihre Läden und Zimmer […] verdunkeln“ (AK 7. März 1915). Mehrere Bäume werden daraufhin entfernt, was Weber als „Massenmord“ bezeichnet (ebd.). Sicherlich weiß er, dass die Bäume im oberen Teil der Avenue de l’Arsenal 1903 aus brandschutztechnischen Gründen für die Passage der dampfspeienden Vizinalbahn Charly entfernt worden waren (vgl. Federmeyer 1991, 299). Der Ruf danach, die Zahl der Bäume in der Stadt weiter zu verringern, ebbt jedoch nicht ab, so dass Weber dazu nochmals das Wort ergreift, um die Bäume im öffentlichen Raum zu verteidigen. Er bedauert den Schnitt der Kastanienbäume entlang der Avenues Marie-Thérèse und Monterey und erinnert an die alten Bäume der Allee Scheffer oder am Paradeplatz. Er nennt die neuen Bäume, die die alten ersetzten, schlicht und einfach „Struwelpeter“ (AK 7. März 1915). Auch wenn er einsieht, dass Heuwagen in den Straßen schlecht durchkommen oder Geäst bis an die Wohnungen, später bis in die Dachrinne wachsen, bedauert er den Angriff auf die Bäume mehrmals. Für ihn ist es sein „Allee-Steckenpferd“ geworden (AK 17. Dezember 1915). Seiner Ansicht nach schufen die Alleebäume einen „aufgespannten Riesen-Laubschirm, wie ein hoch schwebendes Dach, und die Wipfel wachsen sich von beiden Seiten zu und wölben sich unerreichbar, gotisch, majestätisch empor“ (ebd.).

Ästhetisch mag er vielleicht Recht haben, aber eine Stadt ist ein funktionaler Raum zum Austausch von Menschenmassen. Die Stadt ist ein lebendiges kollektives Gebilde, das sich immer neu und gemeinsam erfinden und anpassen muss. Beim Abholzen der Kastanienbäume entlang der Avenue Marie-Thérèse zieht Weber 1923 die Angelegenheit ins Lächerliche. Der Place de Bruxelles, um den es eigentlich geht, ist ein verkehrsreicher Ort, an dem 1951 sogar Luxemburgs erste Verkehrsampel errichtet worden war (vgl. Horper 2021, 30). Der Platz liegt an der Kreuzung des Boulevards Royal und der Pont Adolphe. Als die Bäume gepflanzt wurden, war dies noch eine entlegene Ecke der Oberstadt, da die Brücke zum Bahnhof noch nicht dort geplant gewesen war.3 Hinzu kommt, dass die Gaststätte Pôle Nord eine der schönsten Stadtansichten auf die Pont Adolphe und das Plateau Bourbon bietet. Die wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Herausforderungen sind demnach groß. Auch die weiteren Anrainer wollten diese Aussicht genießen. „Gar nichts sehe ich, ich guck mir die Augen aus, der dumme Kastanienbaum zieht einen Vorhang vor das ganze Theater. […] Es ist dunkel im Zimmer, wie in einer Grabkapelle“ beschreibt Weber am 8. Mai 1923 mit Ironie die Haltung der Bewohner des Viertels, die das Fällen der Bäume befürworten (AK 8. Mai 1923). Spöttisch fügt er hinzu:

„Kaum waren die Kastanienbäume weg, da kam die Hitzewelle. Einen Tag lang ging es, den zweiten war es schon nicht mehr zum Aushalten, weiß nicht, wie ich mich vor der Sonne schützen soll. Sie dringt durch die dicksten Jalousieläden, durchheizt die Wohnung, wie einen Backofen […]! [W]enn nur der Staub [der vorbeifahrenden Autos; Anm. d. Verf.] nicht wäre.“ (ebd.)

Doch die Bewohner der Alleen sollten Recht behalten. 1925 wurde ein Programm zum Schnitt und zur Neugestaltung des Straßenraumes durchgeführt, denn die Bäume verdunkelten die Zimmer, Äste klemmten in der Dachrinne, bei Feuersbrunst wären Löscharbeiten schwierig geworden, die Straßenbahn nach Merl (1925/26) musste ihren Weg durch die Avenue Monterey schaffen (vgl. o.A. 1925).

Abb. 3: Paradeplatz mit Hauptwache und Kastanienbäumen (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)
Abb. 3: Paradeplatz mit Hauptwache und Kastanienbäumen (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)

Am 2. Juli 1939 spricht Batty Weber über die „schändlich gemordeten Kastanienbäume am Paradeplatz“ (AK 2. Juli 1939), nennt es eine „Verstümmlung“ des Platzes (AK 8. Juni 1938). Ihm scheint „der ganze Paradeplatz seinen Charakter als Mittelpunkt“ zu verlieren, um als Parkplatz zu dienen (AK 16. Februar 1939): „Die Frage, ob der Paradeplatz kahl gelegt werden soll, hätte öffentlich gestellt und durch Referendum gelöst werden müssen.“ (ebd.) Er fügt hinzu, „[d]aß nun die alten Bäume auf dem Paradeplatz krank gewesen wären und deshalb hätten gefällt werden müssen, [sei] eine stereotype Entschuldigung, mit der solche Morde erklärt werden.“ (ebd.)

Es stimmt, dass die Luxemburger Presse seit 1865 immer wieder von den schattenspendenden und beeindruckenden „alten, schönen Kastanienbäume[n]“ ([L.F.] 1938) berichtete, besonders wenn sie ein Orkan schwer zugerichtet hatte (vgl. o.A. 1905). Als Stenograph in der Abgeordnetenkammer (1885-1928; vgl. Meder 1999, 10) und Journalist müsste Batty Weber gewusst haben, dass im öffentlichen Gemeinderat vom 26. Oktober 1936 bereits die Ansicht vertreten wurde, die alten Kastanienbäume durch Akazien zu ersetzen (vgl. o.A. 1936a, 2). 1937 stürzte ein kranker Baum um und sieben weitere wurden als krank befunden (vgl. o.A. 1937). Am 14. Februar 1939 berichtete das Luxemburger Wort, dass mit dem Fällen der Bäume begonnen worden sei und dass die Arbeiten im Rahmen der „Instandsetzung und Modernisierung des Platzes“ durchgeführt würden (o.A. 1939). Webers Aufschrei erfolgte zwei Tage später. War ihm der Baumbestand doch nicht so wichtig, dass er sich nicht vorher kundtat über Entscheidungen, die in öffentlichen Sitzungen getroffen worden waren und über die die Presse berichtet hatte? Ihm hätte zugestanden, eine Petition an den Schöffenrat einzureichen. Hatten ihn keine Leserzuschriften im Voraus erreicht?

1923 freut sich Weber an der Anlage der Raquette am Bahnhofsplatz. Damals wurde zur besseren Abwicklung des Trambahnverkehrs am Bahnhof ein doppelter Gleisring geschaffen. In der Mitte der Schleife wurde ein Square angelegt (vgl. Mayer et al. 2021, 63-165). „Inmitten der Schleife, die seit einiger Zeit auf dem Bahnhofplatz die Wagen der Elektrischen fahren, ist ein reizendes Blumenbeet hergerichtet. Es ist eine Augenweide inmitten der Unruhe und nicht immer erfreulichen Buntheit des Treibens, das sich dort entfaltet“, schreibt Weber voller Begeisterung (AK 28. Dezember 1923). Doch dann bemängelt er, dass es vor Ort an einer Trambahnwartehalle fehlt (vgl. ebd.). Weber wundert sich, dass Luxemburg international als Rosenland bekannt ist, „nur daß sich die Rosen verschämt in den Limpertsberg zurückziehen“ (AK 19. September 1922), und bedauert, keine Rosen in den Stadtparks zu finden. Weber fordert, dass gehandelt werden muss: „Herr Bürgermeister, tun Sie etwas für unser Rosenrenommee, geben Sie jedem unserer Rosenzüchter auf, für einen Teil seiner Gemeindeauflagen einen Teil des Stadtparkes mit Rosen zu bepflanzen. Wir wollen in Rosen schwimmen!“ (AK 13. Februar 1920)

Es soll jedoch bis 1936 dauern, bis der freie Platz gegenüber der ARBED als „Rousegärtchen“ gestaltet werden wird (o.A. 1936c). Die Entscheidung kam jedoch zu spät, denn die umliegenden Häuser waren bereits gebaut. Ihre Höhe war für die Bebauung einer Seitenstraße bestimmt, nicht um einen großen Platz zu rahmen. Der Maßstab zwischen Platz und Randbebauung bleibt bis heute fraglich.

Die historische Stadtlandschaft

Batty Weber ist sehr sensibel für das eigene Luxemburger Landschaftsbild. Sein Gespür macht aus ihm einen Vordenker der UNESCO-Konvention (1972) und des europäischen Landschaftsübereinkommens (2000).4 Seine Beschreibungen überschneiden sich mit den Kriterien der historischen städtischen Landschaft, wie sie erst 2011 klar von UNESCO-Seite her formuliert werden (o.A. 2013). Als Luxemburg Altstadt und Festung zum Weltkulturerbe erhoben wird, erfolgt diese Anerkennung aufgrund des Kriteriums IV der Welterbekonvention: „(iv) offrir un exemple éminent d’un type de construction ou d’ensemble architectural ou technologique ou de paysage illustrant une ou des périodes significative(s) de l’histoire humaine“.5 Weber erkennt den outstanding universal value der Luxemburger Stadtlandschaft mit ihrer historischen Innenstadt und den Festungsanlagen.6

Édouard André hatte den Ausblick vom Brüsseler Platz nach Plateau Bourbon als „la plus belle scène d’Europe“ bezeichnet (Philippart 2006, 520). Auch Weber kann sich dem anschließen, wenn er über die Adolphe-Brücke schreibt:

„Wie ein Windspiel über den Graben, saust die Brücke in einem einzigen, eleganten Bogen über das Tal. Sie ist schön, kokett und verlogen wie ein junges, sündiges Weib. […] Die anmutigste Stelle des Tales hat sie zu ihrem Standort gewählt, wo sie sich je nach Laune mit schönen Bauten, alten Bäumen, kunstvollen Anlagen und schlanken Türmen drapieren kann. Ihre graziöse Leichtigkeit erheitert das Tal.“ (AK 20. Dezember 1930)

Für Weber ist diese Raumgestaltung von großer Bedeutung: Die Brücke verbindet nicht nur die Oberstadt mit dem aufstrebenden Bahnhofsviertel, sondern sie lässt das Tal auch als einen die Stadtviertel verbindenden Park erscheinen.

Abb. 4: Corniche (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)
Abb. 4: Corniche (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)

Bei seiner Beschreibung der Corniche kann man sämtliche späteren internationalen Kriterien nachlesen: Er spricht von Topographie und Natur sowie Lebensräumen und Menschen, die seit immer hier gelebt haben. Er veranschaulicht die Kriterien Authentizität und Integrität, wie sie später von der UNESCO festgehalten werden:

„Ist es dann aber einmal so, daß diese Eindrücke Zeit haben, sozusagen durch ihre Individualität und durch ihre Beziehungen zu einander auf den Beschauer zu wirken, dann wird er sich der Besonderheit und Seltenheit des Schauspiels bewusst.

Gleich rechts von ihm [dem Besucher; Anm. d. Verf.] ragt über das Häusergewirr von Stadtgrund der Kasernenbau, gleichsam in einer Doppelstrophe, mit harmonischer Efeubegleitung – und darunter […] das weitläufige Dachlabyrinth des Landgefängnisses. […]

Unten auf dem Talgrund drängt sich Leben an Leben, auf knapp bemessenem Spielraum, oft in der Unsicherheit von Arbeitsgelegenheit und Verdienst, Menschen, die ihre Zeit zwischen Morgen und Abend messen.

Und aus diesem lärmvollen Durcheinander siehst du die helle Landstraße bergauf sich schlängeln, in das Grün der Straßenbäume hinein, der Weite entgegen, dem andern, freigebiger gemessenen Lebensraum, in dem die Arbeit noch meist von der Sonne beschienen wird, wo die Menschen noch eins sind mit der Scholle, die ihr Dasein gewährleistet: Auch ein Gegensatz, wie er vom städtischen Boden aus selten so deutlich zu erfassen ist.

Und um sich herum ist das Werken der Geschichte in wunderbare Anschaulichkeit zusammengefasst.“ (AK 25. Juli 1937)

Erst 2011 hat das Welterbekomitee die Bedeutung der historischen Stadtlandschaft offiziell anerkannt. Sie umgreift Topographie, Natur, Geschichte, Tradition, Klima, Ursprünglichkeit, Mensch und Leute. In der obigen Beschreibung erkennt man, dass Weber sich der Wichtigkeit des Zusammenspiels all dieser Elemente weit im Voraus bewusst war. 1923, nach seinem Spaziergang durch das obere Petrusstal, schreibt Weber euphorisch: „Es gibt keine Stadt, die dem Spaziergänger in ihrer nächsten Umgebung so pittoreske Abwechslung bietet, wie Luxemburg. Du kannst stundenlang an ihrer Peripherie dahinschlendern und fällst aus einer Überraschung in die andere.“ (AK 30. Juni 1923) Doch bei dieser Begeisterung soll es bei ihm nicht bleiben. Bereits 1927 weist er darauf hin, dass im Ausland Kunden beworben werden, um touristische Panoramas zu genießen, in Luxemburg jedoch gerade an diesen Stellen sich Schulen, Kasernen, Verwaltungsgebäude, Gesellschaftssitze, „Gebäude, die mit Tourismus nicht das Mindeste zu schaffen haben“, niedergelassen haben (AK 28. Juli 1927). Auch an Kaffeehäusern im Park fehlt es laut Weber gänzlich. Die Luxemburger Hotels „verlieren sich im Häuser-Anonymat der Innenstadt“, bedauert er (ebd.). Ihm scheint, dass „die einzigartige landschaftliche Schönheit“, „das Grundkapital unseres Fremdenverkehrsbetriebes […], […] überall […] durch öffentliche Gebäude beschlagnahmt“ ist (AK 24. April 1929). Seinen Beobachtungen zufolge können die Besucher nur die Stadtlandschaft durchqueren, ohne dabei dort verweilen zu können. Der Erlebnischarakter der Stadt scheint ihm zu gering. Ihm fehlen „komfortab[le] Etagenwohnungen“ und „Geschäftsräum[e]“ sowie Hotels, „daß der wirtschaftliche Pulsschlag auch bis in diese heute verlorene Stadtecke dränge“ (ebd.).

Zu Webers Lebzeiten entwickelt sich die Stadt Luxemburg besonders über ihre neuen Viertel. Diese entsprechen den modernsten Ansprüchen von Raum, Funktion und Hygiene. Die Anpassung der Altstadt an die Standards der neuen Stadt erfolgt in den 1930er Jahren durch die Verbreiterung von Straßenzügen und den Abriss ganzer Viertel. Die Wohnungssanierung erfolgt erst in den 1970er Jahren.7 Erst 1937 werden, zur großen Begeisterung Webers, die Parkanlagen vor dem Fort Thüngen neu angelegt und Zufahrtswege für Touristenbusse und eine neue Schenkstätte errichtet (vgl. [S.I.T.E.] 1937). Wiederum bedauert Weber, dass keine Panoramaplätze auf Stadtseite für touristische Zwecke genutzt werden. Doch beginnt er zu träumen:

„Vielleicht steht über fünfzig, hundert Jahre auf dem Fort Olizy ein Touristenhotel, weil die Hotels in der Stadt die Fremden nicht mehr fassen, vielleicht wird dann in den Drei Eichel-Türmen ein süffiger Moselgrächen verschenkt und den ganzen Sommer über ist auf den Höhen da drüben Hochbetrieb und in den fremden Zeitungen steht zu lesen, wie herrlich von der Fort Thüngen-Terrasse der Blick auf die Stadtsilhouette ist, und es sei, als jauchzten Glückliche von hüben und drüben einander zu.“ (AK 19. März 1937)

Manche Träume werden eben doch Wirklichkeit! Mit Hotels, Museen und Kongresszentrum, öffentlichem Park, Pont des Arts und in naher Zukunft einem Restaurant werden auch hier erneut Webers Visionen umgesetzt – auch wenn der selbst dabei in Vergessenheit geraten war.

Von der Kleinstadt auf dem Weg zur Großstadt

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges beklagt Weber Luxemburgs kleinstädtischen Charakter, doch dann, nach der Fusion mit den Nachbargemeinden, fühlt er sich auf dem Weg zur Großstadt. Als Weber das Gymnasium besucht, zählt die Stadt Luxemburg 28.645 Einwohner (1875). 1935 leben in der Gemeinde Groß-Luxemburg 57.740 Menschen (vgl. Trausch 1994). Das Stadtempfinden hat sich verändert, auch wenn es noch bis 2012 dauert, bis Luxemburg demographisch zur Großstadt wird. Unter Bürgermeister Gaston Diderich (1921-1940) wird das neue Stadtgebiet räumlich erschlossen. Jedes der 24 Stadtviertel soll die gleiche Lebensqualität bieten. Weitere Tramstrecken und Buslinien werden eingerichtet, jedes Viertel soll über eigene Schulinfrastrukturen verfügen. Kanalisation, elektrisches Licht, Wasserversorgung dürfen nicht fehlen. Sportinfrastrukturen, Schlachthaus, die Anlage von städtischen Plätzen, die Sanierung ganzer Viertel, die Schaffung von Wohnsiedlungen, neue Friedhöfe, der Neubau oder die Vergrößerung von Kirchen sowie die Einrichtung einer Gemeindepolizei gehören zum Programm der städtischen Entwicklung. Die Herausforderungen sind groß. Entlegene Dörfer wie Merl, Zessingen oder Gasperich werden mit der Fusion zu Stadtvierteln (vgl. Administration Communale de Luxembourg 1946, 9-15). Ähnlich wie die Schaffung von Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 (vgl. o.A. 2024) gehört die Gemeindefusion Luxemburgs im gleichen Jahr zu einem der bedeutsamsten Ereignisse in der Stadtgeschichte.8 Dadurch ergibt sich ein Stimmungsbild, das Batty Weber ganz sicher nicht unberührt ließ, wusste er doch genau: „Bis wir Hollerich, Eich, Merl und Rollingergrund eingetan haben und die letzte Scheune mit dem letzten Stall auf fünf Kilometer in der Runde verschwunden ist, fließt noch viel Schmutzwasser unter den Alzettebrücken durch.“ (AK 6. November 1927)

Wahrscheinlich bestanden damals auch Befürchtungen in Bezug auf das Wachstum der Stadt und ihrer dadurch bedingten Veränderung, wie das Feuilleton vom 15. November 1919 deutlich macht: „Wir müssen uns […] des alten Standpunkts entwöhnen, daß die Stadt Luxemburg nur von Conrots [Krautmarkt; Anm. d. Verf.] bis zum Hotel Brasseur [Boulevard Royal; Anm. d. Verf.] und vom Konstitutionsplatz bis zur Patreskirche [Rue Beaumont; Anm. d. Verf.] reicht. Wir müssen uns in die Gegenwart hineinleben und mit einem Zentrum von über 50.000 Einwohner rechnen.“ (AK 15. November 1919) Wenn er von „entwöhnen“ spricht, bedeutet dies das Loslassen von der Kleinstadt.

Weber erinnert an den hölzernen Bahnhof, der 1859 errichtet worden ist und erst 1912 aus dem Stadtbild völlig verschwindet (vgl. Reinert 2012). Er weiß auch, dass sowohl der Bahnhof als auch die gegenüberliegenden Gasthäuser Kessel-Clesse und Chalet Dallet (heute Standort des Hotels Alfa) und Becker (heute Standort von The Arc) aus Holz gebaut waren, da zur Festungszeit aus Sicherheitsgründen keine Steinbauten erlaubt waren. Diese Bauten bestehen bis 1930 (vgl. Graaff 2018). Er erwähnt auch den „Birkenbusch“9 an der Bahnhofstraße nahe dem Viadukt, der in den Jahren 1886 bis 1895 bebaut worden ist. Er vergleicht den damaligen „Städtekeim“ am Bahnhof mit einem Bild, das „für den amerikanischen Wild-West klassisch war“ (AK 31. März 1928):

„Und dann glitten sie in ihren Erinnerungen noch viel weiter zurück, bis in die 1870er Jahre, wo nach der Schleifung der Festung die Stadt anfing, sich auszuwachsen. Sie wußten, wie noch die Maria-Theresien-Kaserne da stand, wo heute eine Reihe stattlicher Wohnhäuser zwischen der französischen Gesandtschaft und dem Casino ihre Front dem Petruß-Tal zukehrt; wie damals das Hotel Brosius, heute Pole Nord, zwischen dem Park und dem Grand Hotel Brasseur weit und breit der einzige Privatbau war, dem sich bald darauf das Hans Niederkorn, heute Risch, zugesellte; wie das Konvikt über das Tal wuchs, wo jenseits unter den Pappeln die Trompeter des Freiwilligenkorps sich im Signalblasen übten; wie an der Villa Schaefer, die heute zum Bischofspalast avanciert ist, grade das runde Türmchen sein Schieferdach bekam; wie die ganze Stadt westlich vom Neutor und von der Aldringerstraße und südlich vom Petrußtal noch fast nur aus Baugelände bestand. Dies ganze Werden und Wachsen kam ihnen vor, als hätten sie es einmal in einem Märchenland erlebt.“ (AK 5. März 1937)

Hier verbindet sich das Bewusstsein, ein gewisses Alter erreicht zu haben, denn die Erinnerungen führen fern zurück und sind frisch im Kopf erhalten. Es überwiegt jedoch das Gefühl, dass die Stadt lebt, sich entwickelt, wie ein junger Stamm. Dabei kommen bei Weber Stolz und Freude auf, seine Heimatstadt florieren zu sehen. Seine Begeisterung spiegelt sich ebenfalls in folgendem Zitat. Dabei soll bedacht sein, dass die Bebauung dieses gesamten Areals wischen 1876 und 1890 erfolgte (vgl. Philippart 2014b):

„Im übrigen ist unbestreitbar, daß Luxemburg im Aufstieg begriffen ist. Es wächst wie ein Baum und fast könnte man sein Wachstum nach Jahresringen bestimmen. Seit es den Festungsgürtel ablegen durfte,10 hat sich an seiner Peripherie ein Kreis von Bauten nach dem andern angesetzt. Und heute geht, wie überall, der Zug nach Westen, der Sonne nach, so lange sie scheint.“ (AK 22. Januar 1930)

Die rasche Entwicklung der Stadt Luxemburg hat Weber aber auch von der historisch gewachsenen Stadt etwas entfremdet. Folgende Beschreibung hört man auch heute immer wieder von Einheimischen oder Besuchern:

„Hätte ich um mich herum nicht luxemburgisch reden hören und hätte ich ganz hinten nicht die bekannten Häuser der Altstadt gesehen, ich hätte wahrhaftig gemeint, ich wäre aus dem falschen Zug in einer falschen Stadt ausgestiegen.

[…]

Luxemburg sei jetzt so groß, daß man Tage durch die Lokale gehen könnte, ohne die bekannten Menschen zu treffen, und daß um sechs Uhr in der Großstraße massenhaft hübsche junge Mädchen spazieren gehen, von denen ich nicht eine einzige mit ihrem Vornamen nennen könnte.“ (AK 13. Oktober 1925)

Auffallend in diesem Zitat ist die Wichtigkeit der Luxemburger Sprache und der historischen Stadtlandschaft. Sie sind für Weber identitätsprägend. Weber zeigt sich beeindruckt von der Entwicklung des „großstädtisch angehauchten“ Bahnhofsviertels (ebd.). Er erlebt es als treibende Kraft im städtischen Raum, gegenüber der „stillen Altstadtkultur“ (AK 24. April 1914), doch erkennt er darin das Kleinstädtische: „Die Großstadt kennt die Bahnhofssehnsucht nicht. Diese Sehnsucht wächst im umgekehrten Verhältnis zu dem Tempo, mit dem uns das Leben umtreibt.“ (AK 21. Februar 1914) Mit dieser treffenden Aussage charakterisiert Weber das eigentlich Großstädtische. Die Bahnhofssehnsucht, also das Fernweh, kommt, wenn ein Ort Bedürfnisse nicht stillen kann. Man will hinaus in die weite Welt, heraus aus der kleinbürgerlichen sich selbst überwachenden Spießergesellschaft, wo jeder jeden kennt oder immer wieder in einem neuen Berufs- oder Familienverhältnis oder abwechselnden Abhängigkeiten zueinander steht. Bahnhofssehnsucht verrät den Wunsch nach Freiheit, Anonymität, Abenteuer, Abwechslung.

Die Eröffnung der elektrischen Straßenbahn im Jahre 1908 vermittelt Weber erstmals ein direktes Großstadtgefühl: „Zum ersten Mal wurde die Stadt durchflötet vom Großstadtgeräusch, das die Räder der Elektrischen in den Kurven machen, zum ersten Mal hörte der Siebenschläfer die Klingel der vorbeidröhnenden Wagen in seinen Morgenschlummer tönen.“ (AK 10. Mai 1924) Eine Stadt ist mehr als ein geordneter Raum, man kann ihn hören, riechen, anfassen, sehen. Die Straßenbahnklingel kündigt an, dass sich hier größere Massen von Reisenden bewegen. Die Großstadt ist ein Phänomen der Massen. Die Klingel kündigt an, dass ihnen nichts im Wege stehen darf.

Die Leuchtreklame erscheint in Luxemburg zeitgleich mit den europäischen Großstädten. Weber sehnt sich 1918, nach der Kriegsverdunkelung, danach, dass „hoch oben an den Hausgiebeln und von den Dächern herunter wieder die Blinkfeuer der elektrischen Reklame ihre Lichtschreie schleudern werden“ (AK 14. November 1918). 1921 schreibt er über die Gaststätte Pôle Nord am Brüsseler Platz:

„Am charakteristischsten für die Großstadt ist die Licht-Reklame. Als hier der Pôle Nord anfing, den Kopf der Neuen Brücke und die ganze Umgebung mit elektrischen Lichtfluten zu überschwemmen, schämten sich die Bäume und Sträucher im Petrußtal ihres ländlichen Aussehens, und jedermann sagte, es sei grade, wie in einer großen Stadt.“ (AK 19. Oktober 1921)

Besonders angetan hat Weber die Laufschriftanlage des Restaurants Majestic am Paradeplatz (vgl. ebd.). Die technisch weiterentwickelten farbigen Neonleuchten schaffen völlig neue Möglichkeiten und tauchen die Innenstädte in ein wahres Lichtermeer. Begonnen hat es in Luxemburg kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit der Beleuchtung von Geschäftsfenstern (vgl. o.A. 1912). 1926 wird das siebenstöckige Möbelhaus Bonn mit überlebensgroßen Namensbuchstaben gekrönt. Das 1928 eröffnete, doch etwas außerhalb gelegene Kino Ecran am Place des Martyrs erregt die nächtliche Aufmerksamkeit durch eine stattliche Neonbeleuchtung. Das Hotel Kons und die benachbarte Gaststätte Trois Quart (später Walsheim) am Bahnhofsplatz sowie die Neonleuchten am Hotel Staar vermitteln den Eindruck, die Stadt lebe auch nachts (vgl. Aschman et al. 2013). Das Lichterfeld des Geschäftsbürgertums zeigt dem Städter, welche Adressen und Marken in der Stadt wichtig sind. Sie setzen aber auch den Passanten in wahren Glanz. Der Kunde gehört jetzt zum Straßenspektakel. Den Höhepunkt der Vorkriegsleuchtreklame erreicht Luxemburg mit der „Lichtwoche“ von 1937. Danach kommt der Ruf zur progressiven Verdunklung der Städte (vgl. Philippart 2017).

Abb. 5: Nächtliche Beleuchtung des Kinos „Ecran“ am Place des Martyrs (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)
Abb. 5: Nächtliche Beleuchtung des Kinos „Ecran“ am Place des Martyrs (© Photothèque de la Ville de Luxembourg)

Doch damit nicht genug, für Batty Weber gehört das Lichtermeer zur „Citybildung“ und bezeugt, dass die Großstadt nicht schlafen geht, sie lebt sowohl am Tag als auch nachts. Sie ist ein Ort, wo Tausende Menschen arbeiten, wo es in der Betriebsamkeit keine Pausen gibt. Das grelle, starke Licht deutet auf Dichte, Nähe, Massen von Menschen auf kleinstem Raum, Menschen, die arbeiten nach dem Motto crescat, floreat, vivat! „Die City ist die Fabrik des Kaufmanns, des Bankiers. Dort umsaust und umbraust ihn das tausendfältige Getriebe des Geschäfts, wie mit Rädern und Treibriemen, dort umlauern ihn alle Gefahren des komplizierten Mechanismus der Konjunktur“, beschreibt Weber die Entwicklung, die er ansatzweise beobachtet (AK 9. Dezember 1920). Dabei denkt er

„an den Anblick, den heute das Stadtbild zu verschiedenen Stunden schon bietet und bei dem den Spießern aus unserer Festungszeit der Mund aufstehen geblieben wäre. So z.B. gegen 6 Uhr abends an der Post [Aldringenstraße; Anm. d. Verf.], wo alle Fenster erleuchtet sind und die Banken in vollem Betrieb aus allen Scheiben strahlen. Oder am Geleisdreieck in der Großstraße, wo Victoria-House und Nouveau Paris die beiden andern Ecken über die Achsel ansehen, weil sie sich noch nicht modernisiert haben [Ecke Avenue Porte Neuve/Großstraße; Anm. d. Verf.], oder am Rotenbrunnen-Platz, oder auf dem Knuedler, wo [die Großkaufhäuser; Anm. d. Verf.] Knopf und Galerie de France [Geburtshaus von Edmond de la Fontaine; Anm. d. Verf.] die Umgebung mit Licht übergießen.“ (ebd.)

Ein weiteres urbanes Merkmal ist für Batty Weber die Gaststättenkultur. Sie bietet Abwechslung, Neues, ermöglicht es, neue Menschen kennenzulernen, die nicht unbedingt ansässig sind. Hier werden Ideen geboren und ausgetauscht, Netzwerke aufgebaut, Freizeit genossen und begossen. Hier begegnet man Gleichgesinnten. Freizeit erhielt eine neue Bedeutung, nachdem die Tagesarbeitszeit und die Sonntagsarbeit gesetzlich geregelt wurden:

„Es ist eine neue Stelle, wo man sitzen kann und sich dabei einbilden, man sei in einer fremden Stadt. (Eine fremde Stadt ist für den alten Luxemburger immer Paris, Brüssel oder Trier.)

Als der neue Bahnhof aufging [1912; Anm. d. Verf.], strömte es in Scharen hinaus, setzte sich zwischen die schwere Pracht der Stuckmarmorsäulen und genoß die Fiktion, im Getriebe eines Großstadtlokals zu sitzen.“ (AK 17. Dezember 1915)

Besonders der Bahnhof bedeutet immer ein Tor zu Welt, aber dient auch als Eingangspforte zur Stadt. Die Diskussionen rund um den repräsentativen Charakter des Bahnhofsgebäudes waren von großer Bedeutung (vgl. Reinert 2012). Das Gebäude musste diese Spannung zwischen Inland und Ausland widerspiegeln.

Im Grand Café am Paradeplatz, ein von Charles Mullendorf entworfenes Lokal in Zweistockhöhe (vgl. Philippart 2018, 26f.), „fühlten wir uns alle großstädtisch, gehoben, hineingestellt in einen glatten blanken, glasklaren Streit ums Dasein und um das Stück, das jeder sich von der Freude des Daseins erobert.“ (AK 17. Dezember 1915) Das Restaurant Majestic, das Café du Commerce und das Restaurant Excelsior waren die großen Brau- und Kaffeehäuser am Paradeplatz, nachdem das Café Jentgen dem Palais du Mobilier gewichen war. Jede Gaststätte suchte ihr eigenes Publikum mit eigenem Ambiente:

„Im […] Majestic ist für Luxemburg der Typ Kaffeehaus geschaffen, den die Großstadt schon längst besitzt: Ein gefällig ausgestattetes Lokal mit bequemen Korbsesseln um kleine Marmortische, ein erstklassiges kleines Orchester, das von 4 Uhr bis Mitternacht vorzügliche Musik macht, eine großstädtische Getränkekarte“ (AK 15. Juni 1921).

Weber erinnert sich hier an die früheren Gartenlokale und die Kaffeehäuser mit Vorhängen, die die Kunden vor den Passanten versteckten (vgl. ebd.). Der moderne Erlebnischarakter macht den Städter zum Beobachter des Stadtgeschehens und macht ihn selbst zum Beobachtungsobjekt. Dabei ist der Paradeplatz mit seinem für die Musikvereine 1875 errichteten Musikkiosk für Weber das „Symbol der Kleinstadt“ (AK 3. März 1933). Der Musikkiosk sei, so der Autor, „für den Luxemburger Patrioten der Nabel der Welt“ (AK 6. November 1927). Der Musikkiosk dient als Bühne des einfachen Bürgers, der sich der lokalen Bevölkerung zur Unterhaltung anbietet. Der Paradeplatz ist der Treffpunkt der lokalen Welt (vgl. Philippart 2023b):

„Der Paradeplatz war das Symbol des ruhigen zweckfreien Genießens. Musik, Spazierengehen oder Spazierensitzen, über dem Ganzen der Duft von Absinthe, Benedictine, Chartreuse, Pfefferminz, Grächen und Münchener Bier, und der leichte Rausch, der den Gedanken den Arbeitskoller abnimmt und sie zu lässigem Schwärmen frei macht.“ (AK 26. Juni 1918)

Der Ausdruck dieses Genusses der Freizeit war etwas Neues für den Städter, denn in diesen Monaten war die Arbeitszeit offiziell auf acht Stunden pro Tag festgelegt worden (vgl. o.A. 1918).

Besonders begeistert zeigt sich Batty Weber von der Freiheitsavenue und vor allem vom Geschäftssitz der ARBED, dieser „Kathedrale der Arbeit“ (AK 6. November 1927), die dem neuen Viertel Glanz und Wohlstand verleiht. Die Entscheidung, den Gesellschaftssitz des Stahlkonzerns hier anzusiedeln, erwies sich als richtig, denn der Bau eines Museums an diesem Ort hätte den nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung nicht so stark gefördert (vgl. Philippart 2007). Weber schreibt: „[M]an fühlt, daß von da aus sich Fäden um den Erdball spinnen. Und in der Perspektive des schönsten Straßenzuges der Hauptstadt, an dem sich die Geschäfte pompös und farbig aufreihen, liegt der Bahnhof als Tor in die weite Welt hinaus und aus der weiten Welt herein“ (AK 6. November 1927).

Batty Weber erlebt den Widerspruch zwischen Klein- und Großstadt, wozu er Folgendes notiert: „Es war einmal eine Stadt, die war klein und wäre gerne groß gewesen.“ (AK 24. Dezember 1930) Er spielt dabei klar auf die städtebaulichen Vorschriften und die Umsetzung des Bebauungsplanes Josef Stübbens aus den Jahren 1922/23 an (vgl. Karnau 1996). Hierbei geht es um die Anlage zukünftiger Straßenzüge und Grünplätze sowie die Baudichte. Die Zeilen entstehen während der Planung des Hotels Alfa, einem Gebäude mit sieben Stockwerken („Lefèvrische[r] Riesenbau“11). Bis dato sind nur drei Stockwerke als Bauhöhe erlaubt gewesen. Die Frage der Bauhöhe spaltete damals die Gesellschaft. Im Namen des frei erfundenen Nörglers „Grimmberger“ führt Weber die gegnerischen Argumente an. Die „Hochhäuser“ an den Straßenecken seien „lächerliche und zwecklose, unorganische und unästhetische, kindische Versuche, es der Großstadt nachzumachen.“12 Weber selbst steht der Entwicklung positiv gegenüber und begrüßt die „Großstadtfront, Hotel an Hotel, Luxusgeschäft an Luxusgeschäft“, am Bahnhofsplatz (AK 11. November 1937).

Als Makel des Images einer Großstadt sieht Weber das Fehlen von monumentalen Verwaltungsgebäuden, die die Wirtschaftskraft eines Standortes ausdrücken. Er bedauert im Abreißkalender vom 30. Dezember 1931, dass Luxemburgs Staatsdienste in alten Kasernen und Klosterrefugien untergebracht sind, die der Staat durch die Französische Revolution bzw. den Londoner Vertrag von 1867 „geerbt“ habe (AK 30. Dezember 1931). Dieses Problem stellte sich auch für die Zentralverwaltung selbst, da die unangepassten Gebäude ein Hindernis für den täglichen Arbeitsfluss darstellten. Mehrfach wurde vergebens ein großes Regierungsgebäude geplant (vgl. Philippart 2006, 637-793).

Abb. 6: Place de Paris 1937 (© Proess, Archives Office National du Tourisme)
Abb. 6: Place de Paris 1937 (© Proess, Archives Office National du Tourisme)

Auch mit der Gestaltung öffentlicher Plätze beschäftigt sich Weber. Er charakterisiert die Plätze aufgrund ihrer Funktion als Marktplatz, als „gute Stube“ und als Theatervorplatz. Besonders ist ihm der ungenutzte Platz vor dem Sitz der ARBED ein Dorn im Auge (vgl. AK 1. Februar 1936), aber auch das öffentliche WC am Pariser Platz (vgl. AK 29. Dezember 1935). Er ärgert sich, dass die Bauverwaltung verschiedene Grundstücke in absoluter Zentrumsnähe als zeitweilige Baudeponie nutzt. Doch er weiß auch um die fehlende Bevölkerungsdichte, die die Plätze animieren soll. Er spricht gar von „Unterbevölkerung“ (AK 29. Juli 1932).

Die ehemalige Artilleriekaserne am Piquet, die in die Handwerkerschule umgewandelt worden ist, wird 1913 abgerissen. Danach klafft hier zwanzig Jahre lang ein leerer Platz im Zentrum, um dessen Aufwertung man sich streitet. Die Anbindung der westlichen Viertel der Oberstadt haben durch die direkte Anbindung via Adolphe-Brücke an den Bahnhof an Bedeutung gewonnen.

Der Boulevard Royal war zunächst als Verbindungsstraße zwischen den einzelnen Avenues der Oberstadt angelegt worden. Ursprünglich war es als Wohnviertel gedacht. Der Bau der Adolphe-Brücke machte aus dem Boulevard Royal einen Verbindungsweg zwischen Hauptbahnhof und der Côte d’Eich. Ab 1904 führte die Eisenbahnstrecke Luxemburg-Echternach über die Neue Brücke, wie die Pont Adolphe auch genannt wird, ab 1908 fuhr die elektrische Straßenbahn bis zur Post. Somit war nun der westliche Teil der Oberstadt besser an das Schienen- und Straßennetz angebunden und bot großes Entwicklungspotential. Die geräuschvolle und qualmende Handwerkerschule wurde aus der ehemaligen Artilleriekaserne auf Limpertsberg verlegt, ihr Platz zwischen Grand’Rue und Rue de la Poste konnte als neuer Wohnungs- und Geschäftsblock oder als Kulturzeile entwickelt werden. Die Diskussionen erstreckten sich über zwanzig Jahre (vgl. Philippart 2014a):

„Das großstädtische Gepräge […] könnte noch ganz bedeutend dadurch erhöht werden, daß der Platz der alten Kaserne [der Artilleriekaserne; Anm. d. Verf.] für großzügige moderne Geschäftsbauten mit schönen Etagenwohnungen freigegeben würde. Es kann nicht oft genug wiederholt werden: Wer Handel und Wandel in einer Stadt beleben will, muß dafür sorgen, daß sich die Bevölkerungszahl hebt. Die Bevölkerungszahl Altluxemburgs bleibt notwendig stationär, solange nicht für mehr Wohngelegenheit gesorgt wird. Heute liegt dieser ganze Kasernenplatz brach, statt daß darauf reiche Ernten wachsen könnten. Er braucht nur mit Menschen bepflanzt zu werden.“ (AK 23. April 1920)

Diese Stellungnahme seitens Webers entspricht derjenigen seines Freundes, des Architekten Georges Traus, und greift in die Diskussion hinein. Die Regierung plante 1919 den ehemaligen Platz der Handwerkerschule (vormals Artilleriekaserne) für den Bau einer Nationalbibliothek zu nutzen oder aber als Grünplatz anzulegen. 1924 wird ein Architekturwettbewerb zum Bau einer zukünftigen Handelsbörse ausgeschrieben. 1929 meldet sich Weber erneut in der Angelegenheit zu Wort und wiederholt den Vorschlag Traus’ aus dem Jahr 1920:

„Also, Ihr Aldringerplätzler, geht aufs Ganze! Setzt Euch ein für die Errichtung eines Häuserblocks, der rechts und links von einer schönen, breiten Aldringerstraße und einer ebenso breiten und schönen Beckstraße eingefaßt wäre. Ihr hebt damit den Wert Eurer Häuser und helft den Geschäftsverkehr verdichten durch einen Bevölkerungszuwachs kaufkräftiger Elemente. Altluxemburg muß die Handels-City der Stadt werden“ (AK 3. August 1929).

Der städtische Geschäftsverband befürwortet es, die große Kasernenparzelle in mehrere Grundstücke aufzuteilen und mit Geschäfts- und Ertragshäusern zu bebauen. Dieser Vorschlag wird schließlich ab 1933 umgesetzt (vgl. Philippart 2006, 492).

Sehr interessant ist die Erinnerung an die Pläne, die Architekt Georges Traus 1895 im Rahmen einer geplanten Neugestaltung des Fischmarkts vorgelegt hatte. Nach dem Umbau des großherzoglichen Palais sollte dessen Umfeld in historistischem Sinne aufgewertet werden (vgl. Gaymard 1995). 1915 beschreibt Weber die Pläne, die Georges Traus zwanzig Jahre zuvor vorgelegt hatte, denn der Platz harrte immer noch einer Umgestaltung. Dies geschah erst nach Einführung der Straßenbahn Luxemburg-Neudorf (1923) und der Erweiterung der Rue du Rost (1937):

„Das originelle alte Haus, das im Volksmund […] ‚Gölle Klack‘ hieß, war auf dem Entwurf glücklich ausgestaltet, hinter dem Palais war durch Wegkomponieren des Häuserblocks eine herrliche Schloßfreiheit mit Denkmal angenommen, das historische Eckhaus mit der Säulenaltane kam wundervoll zur Geltung, kurzum, es war ein Platz, wie er von selbst gewachsen wäre“ (AK 27. Februar 1915).

Urbanismus hat hier vor Denkmalbewusstsein absoluten Vorrang. Der Platz sollte zur Veranstaltung von Konzerten dienen.

1933 entsteht im Stadtinnern der Place Clairefontaine. Zweck der Anlage ist eine seit 1906 diskutierte Verbindung des Eicherbergs über den Viadukt zum Bahnhof. Ein Teil des somit geschaffenen Platzes soll für ein modernes Regierungsgebäude genutzt werden. Batty Weber ergreift keine Position in der Angelegenheit, auch wenn er die Argumente der Befürworter und Gegner des Projektes wiedergibt (vgl. AK 23. Oktober 1940). Den Plänen, urbane Plätze in öffentliche Parkplätze umzuwandeln, steht er negativ gegenüber:

„Anstatt das Allgemeininteresse der altstädtischen Bürgerstadt voranzustellen, kommt man einzig und allein Autofahrern entgegen und stellt ihnen den ‚Salon‘ von Luxemburg als Parkplatz zur Verfügung. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn man hört, daß der nach dem geplanten Abbruch des Athenäums (neben der Kathedrale) freiwerdende Platz ebenfalls als Autoparkplatz verwendet werden soll.“ (AK 8. Juni 1938)

Damals galten die Überlegungen der charte d’Athènes als zukunftsweisend.13 Jeder öffentliche Platz wird als Parkraum genutzt werden. Erst 1974 wird Luxemburgs erstes unterirdisches Parkhaus am Place Emile Hamilius errichtet, 1981 die Fußgängerzone zum Teil eingeführt (vgl. Aschman et al. 2013, 55). Um dem steigenden Verkehrsaufkommen entgegenzuwirken, hatte die Regierung 1938 den Plan aufgestellt, den Bahnhofsvorplatz umzugestalten. Dabei sollte die Avenue de la Gare durch die Eingliederung der Vorgärten in den Straßenraum verbreitert werden, über Fußgängertunnel sollten vom Bahnhof her die beiden Avenues erreicht werden. Von diesem anspruchsvollen Verkehrskonzept wurde 1948 schließlich nur der neue Gleisplan für die Straßenbahn ausgeführt (vgl. Mayer et al. 2021, 191). Auch zur Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes macht sich Weber seine Gedanken: „daß dieser Platz daliegt, wie ein schmutziges Hemd in einem Ballsaal, als sei Luxemburg zu dumm, zu arm oder zu faul, für seine Toilette zu sorgen.“ (AK 5. Mai 1935) Das Erscheinungsbild des öffentlichen Raumes ist Batty Weber sehr wichtig, denn es wirkt prägend auf den Besucher und bildet zusammen mit dem Architekturbild das Gesamtbild einer Stadt und ihrer Entwicklung.

Verkehrsentwicklung

Batty Weber kennt die Verkehrsbedürfnisse Luxemburgs, weil er in der Stadt lebt, aber auch durch die Gemeinde- und Kammerberichte, die er nicht ignorieren kann. Schließlich ist er bis 1928 Kammerstenograph. Die Artikel in der Presse kennt er als Publizist nur zu gut.

1919 erkennt er, dass die Hauptstadt sich den Landstraßen entlang entwickelt in Richtung Hesperingen, Walferdingen, Merl und Leudelingen. Diese Entwicklung befremdet ihn nicht, denn er teilt das damalige internationale Streben nach einer hygienischen, gesunden Stadt, der sogenannten Gartenstadt, die auf das Einfamilienhaus im Grünen ausgerichtet war und sich im Freien ausdehnen konnte:

„Wenn dann binnen kurzem der Tram auch nach Walferdingen-Steinsel, Leudelingen, Merl usw. läuft, dann werden sich für Arbeiter- und Beamtenwohnungen weit draußen die schönsten und gesündesten Baugründe erschließen. […] Dann wird in Jahrzehnten die ländliche Einwohnerschaft unserer weiteren Umgebung, ohne von ihrer Scholle und aus ihrem Bauern- oder Gärtnerberuf verdrängt zu werden, mit Elementen aus der Arbeiter- und Beamtenschaft durchsetzt sein, wir sehen nirgends ungesunde Wohnungskonzession entstehen, die sowohl Folge wie Ursache des Proletariats ist, wir werden dem Ideal am nächsten kommen, das in dem Dichterwort schimmert: Raum für alle hat die Erde!“ (AK 9. Oktober 1919)

Weber greift hier, ohne sie konkret zu benennen, auf die sozialen Befürchtungen des Kapitalismus der Jahrhundertwende zurück. Die Bauherren, ob privat oder als Genossenschaft, bauen ihre „Kolonien“ oder Siedlungen in bestimmter Entfernung der Arbeitsorte. Sie bleiben jedoch über die Straßenbahn direkt mit den Arbeitsplätzen erreichbar. Im Vordergrund steht dann eine räumliche Aufteilung der Arbeiterfamilien, damit keine sozialen Herde an einem bestimmten Ort entstehen können. Dem Zusammenrotten wird das Kleinfamilienhaus mit Garten gegenübergestellt. Im Privatbereich sollen Familienwerte gelebt werden, Wirtshäuser als Sozialkneipen haben in diesen Anlagen keinen Platz (vgl. Roncayolo 1989):

„Deshalb sollten für Arbeiteransiedlungen die Stellen so weit wie möglich von der Arbeitsstätte gesucht werden. Das Ideal wäre, wenn die Arbeiterwohnungen mitten in ländliche Besiedlungsgruppen hineinversprengt werden könnten. Denn der unausgesetzte Kontakt der Arbeiter unter sich bildet dieselbe Psychose-Gefahr, wie das ewige Gefesseltsein an die Geräusche und Gerüche und Gesichtseindrücke des Molochs Fabrik.“ (AK 9. Oktober 1919)

Batty Weber bekennt sich hier zur Aufteilung der Stadt in funktionale Zonen (Arbeiten, Wohnen, Freizeit), gewährt dem öffentlichen Verkehr einen wichtigen Platz und schätzt den ländlichen Charakter. Sollte er die 1918 veröffentlichte Studie Tony Garniers zur cité industrielle gekannt haben (vgl. Garnier 1918), oder bekannte er sich eher zum hygienischen Gartenstadtmodell (vgl. Kampfmeyer 1913)? Die Einweihung der Escher Straßenbahn im Mai 1927 hatte Batty Weber dazu veranlasst, sich den Gedanken des Bürgermeisters der Minette-Metropole anzuschließen und eine Straßenbahnverbindung zwischen Luxemburg und Esch ins Auge zu fassen (vgl. o.A. 1927b). Der Sitz der ARBED in der Hauptstadt hatte eine beachtliche Pendleraktivität zwischen den im Süden gelegenen Fabriken und der Entscheidungszentrale in Luxemburg nach sich gezogen. Hierzu schreibt Weber:

„[D]ie Verbindung Luxemburg-Esch [hätte] das voraus, daß sie sich nicht in einseitiger Richtung sackgassenähnlich vollzöge, sondern dem Ausdehnungsbedürfnis der zwei größten Zentren des Landes einen Weg wiese wie zwischen zwei Gefäßen, deren Inhalte zueinander und ins Gleichgewicht streben.

Und für das Wohnungsbedürfnis der nächsten fünfzig Jahre wiese dieser Weg in wirkliche, grüne waldfrische Freiheit. […]

Wenn einmal die Trambahn über die Gaspericher Höhe und durch den Leudelinger Wald oder über Kockelscheuer fährt, dann wird sie hoffentlich an langen Reihen hübscher Villen, großer und kleiner, ganz großer und ganz kleiner vorbeifahren, die im Waldesgrün oder in Fliederbüschen und Kletterrosen versteckt liegen, so weit von der Straße, daß sie der Staub nicht belästigt, und so nahe, daß das Leben aus ihnen einmündet in die Lebenspulse, die dort vorbeischlagen.“ (AK 1. Juni 1927)

Die Ansiedlung der Geschäftszentrale der ARBED in der Freiheitsavenue hatte dazu beigetragen, das Land in zwei Zonen aufzuteilen, von denen die Städter behaupteten, sie lebten in der „politischen Hauptstadt“, wogegen die Einwohner der „Minette-Metropole“ konterten, die Hauptstadt könne nur dadurch bestehen, dass in der eisenerzreichen Minette-Region der eigentliche wirtschaftliche Reichtum des ganzen Landes erschaffen wurde. Der Bau der Straßenbahn nach Esch entlang einer geplanten urbanen Besiedlung könnte vielleicht die beiden gegeneinander aufgestellten Ansichten miteinander vereinen.

1937 stellt sich Weber Fragen zur Kapazität des Hauptbahnhofs Luxemburg und stellt sich vor, „nach der Seite von Merl [könnte] ein Bahnhof für die ganze westliche Stadthälfte entstehen“ (AK 16. Februar 1937). Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs genießt damals viel Beachtung. 1912 ist bereits an eine Zugverbindung Luxemburg-Nördingen gedacht worden. Ab 1923 fährt die Straßenbahn nach Neudorf, ab 1924 nach Bonneweg, 1926 nach Merl und ab 1930 bis Heisdorf. 1926 werden erste Autobusse auf dem Stadtgebiet eingesetzt, um auch die topographisch schwierigen Viertel zu erreichen (vgl. Hoffmann und Duhr 1993, 222-224). Ab 1882 kann man auf der Teilstrecke Alzingen bis Hauptbahnhof mit der Bahn „Remich-Luxemburg“ zu einem Sondertarif reisen (Federmayer1991, 9). Von 1906 bis 1913 wird ein Lokal- und Vorortverkehr auf der Strecke der Schmalspurbahn Charly zwischen Hauptbahnhof und Dommeldingen via Rollingergrund eingerichtet (vgl. Mayer et al. 2021, 87). Weber weiß aber auch um den Preis dieser Infrastrukturen: „Kilometerweit liegen Trambahngleise, Wasser-, Gas- und elektrische Leitungen in einem Boden, auf dem keine Häuser stehen, der also nicht zur Rentabilität beiträgt.“ (AK 3. August 1929)

Weber ist dem Projekt zum Bau eines Flughafens wohlgesinnt. Seit 1935 sind Grundstücke zur Anlage eines Flughafens auf Findel erstanden worden (vgl. o.A. 1935). 1937 wird der Bau eines Flughafens gesetzlich geregelt (vgl. Administration de la navigation aérienne 2019). Weber unterstreicht in seinem Abreißkalender vom 17. Mai 1936 die Wichtigkeit einer direkten Verkehrsverbindung zwischen der Hauptstadt und dem Flugfeld und ihren direkten Einfluss auf den einheimischen Fremdenverkehr. Er weiß um „den unvergleichlichen Eindruck, mit dem sie den von Fetschenhof her kommenden Beschauer fesselt. Dem wird also bei der Ausgestaltung des Zu- und Abfahrtverkehrs zwischen Stadt und Flughafen Rechnung zu tragen sein.“ (AK 17. Mai 1936) Webers Plädoyer fußt auf der Eröffnung des Luxemburger Golfclubs Grand-Ducal (vgl. o.a. 1936b). Hier treffen sich finanzstarke Investoren aus Luxemburgs Industrie und dem Ausland. Der malerische Charakter des Wirtschaftsstandorts Luxemburg soll besonders für diese Kundschaft hervorgehoben werden.

Weber macht sich ebenfalls Gedanken zum innerstädtischen Verkehr. Am 8. Juni 1921 beruft sich Weber auf einen Vorschlag des liberalen Schöffen Marcel Cahen, die Unterstadt Grund per Aufzug an der Schmëtt mit der Oberstadt zu verbinden. Cahens Idee war im Gemeinderat vom 3. Juni 1921 als Wahlversprechen abgetan worden. Weber macht sich zum Befürworter des Vorschlags und wünscht sich, dass „die öffentliche Meinung […] ihm als etwas Selbstverständlichem zustimmen“ wird (AK 8. Juni 1921). Der Aufzug wird 66 Jahre später Wirklichkeit (vgl. Orlandi 2017). Der Bau einer Bahnhaltestelle am Clausener Viadukt ist in den Jahren von 1858 bis 1921 regelmäßig Thema politischer Diskussionen. Im Hinblick auf die bestehende Einweihung der Neudorfer Straßenbahn greift Weber die Frage erneut auf und betont, dass der Clausener Halt ein idealer Umsteigeplatz für Bahn und Tram gewesen wäre, denn beide hätten die Unterstadt direkt mit dem Hauptbahnhof und der Oberstadt verbunden.14 Auch zu Charly, der Schmalspurbahn, welche Luxemburg mit Echternach verbindet und dabei die Freiheitsstraße, den Boulevard Royal und die Avenue Emile Reuter durchquert, hat Weber seine Meinung: „Es ist ein Skandal, daß dies Ungetüm schrankenlos mitten durch die Stadt sich wälzen darf. Jeder Fremde, der es zum ersten Mal sieht, glaubt, es sei ein Zug wahnsinnig geworden und aus dem Bahnhof ausgebrochen.“ (AK 25. Januar 1918)

Er bemängelt nicht allein den Lokomotivenqualm, sondern sorgt sich um die Sicherheit des Straßenverkehrs, der sich das Straßendeck mit Straßenbahn, Personenzug, Autos und Radlern teilen musste. Doch er ist nicht der Erste, der das Problem erkannt hat. Bereits 1907 wird ein erster Protest gegen die Dampflokomotiven eingereicht. 1911 werden Vorschläge zur Umgehung des Stadtzentrums mit der Schmalspurbahn analysiert. Erst 1928 kann der elektrische Betrieb auf dem Gebiet der Hauptstadt für die Personenzüge der Charly aufgenommen werden. Der Bahnverkehr wird 1954 eingestellt (vgl. Mayer et al. 2021, 86-107). Bei seinen Spaziergängen als älterer Herr konnte sich Weber von der Notwendigkeit der 1936 in Angriff genommenen Neippergbrücke überzeugen: „Dann wird sich zweifellos der Expansionsbetrieb, der sich vom Bahnhof her als dem Verkehrsmittelpunkt der Stadt auswirkt, auch nach der Bonneweger Seite hin betätigen.“ (AK 16. Februar 1937) Die Brücke, von der Weber hier schreibt, muss 1994 dem Bau der Rocade de Bonnevoie weichen (vgl. Aschman et al. 2013, 239).

Am Stadtrand

Batty Weber berichtet in seinen Abreißkalender-Feuilletons auch über seine Spaziergänge an die Peripherie. Hier vermischen sich Jugenderinnerungen rund um den Brasseursweiher, die Merler Wiesen, den Geesseknäppchen und Hollerich mit Staunen über die rasche Urbanisierung, die er dort beobachten kann. Den Terminus der Straßenbahn in Merl macht er sich zum Ausflugsziel. Weber durchstreift gerne die in seiner Nachbarschaft gelegenen westlichen neuen Viertel. Die Umwandlung des ländlichen Raums in moderne, angenehme und gesunde Wohnviertel begeistert ihn, die Umnutzung des Geesseknäppchens in einen kriegerischen Stützpunkt jedoch entsetzt ihn. Luxemburg wird von August 1914 bis November 1918 von deutschen Truppen besetzt, die ihren Vorstoß nach Frankreich über Luxemburg planen (vgl. Trausch 1975, 127): „Noch keine vierundzwanzig Stunden waren die Deutschen in Luxemburg, da hatten sie schon das Geißknäppchen in eine Art Zivilfestung verwandelt: Schützengräben, Drahtverhaue, Artilleriedeckungen … über Nacht hatte der Hügel seine Schlachtrüstung angelegt.“ (AK 2. Mai 1915) Nach dem Ersten Weltkrieg erfährt der Ort einen Wandel: Hier wird bis 1946 die Geburt der Fürstenkinder mit Kanonendonner gefeiert (vgl. AK 11. Januar 1923). Doch 1940 stellt Batty Weber fest, dass „das ‚Geißeknäppchen‘ […] zum Mittelpunkt einer gelbbraunen Schuttablagerungsstätte geworden ist“ (AK 13. April 1940).

1922 führt ihn sein Spaziergang nach Belair. Er zeigt sich begeistert von der Villa Madeleine des Unternehmers Nicolas Leclerc (Villa Kroll, ehemaliges Katasteramt; vgl. Kugener 2011):

„Ein Unternehmer baute über der Merler Straße eine große weiße Doppelvilla, die weit ins Land leuchtete. Aus dem Feldweg, an dem sie lag [heute die Avenue Gaston Diderich, sie wurde 1923 angelegt; Anm. d. Verf.; vgl. Lascombes 1985b, 59], ist allmählich die Bel Air-Straße geworden. […]

[D]ies Terrain, die ganze Bel Air-Straße entlang, ist das idealste, das sich für eine Städteausdehnung denken läßt. Leicht nach Süden abfallend, sehnsüchtig dem Licht entgegen gebreitet, dehnt es sich unbegrenzt nach Sonnenuntergang fort. […]

[E]ine der dringendsten Aufgaben der staatlichen und städtischen Bauverwaltung ist es, dies Gelände so zugänglich zu machen, daß sich die Baulust […] breit und ungehindert darüber ergießen kann.“ (AK 14. Juni 1922)

Wir haben bereits mehrere Male feststellen können, welch große Freude es Batty Weber bereitet, beobachten zu können, wie „seine“ Stadt sich entwickelt und gedeiht. In seinem Hinterkopf sind die Erinnerung an die verlassenen und dunklen Festungswerke und die teils unheimlichen Niederwälzungsarbeiten der Wälle immer noch präsent. Er weiß auch um die aktuelle Wohnungsnot, das Schaffen des Crédit Foncier (1906) und der Société Nationale des Habitations à Bon Marché (SNHBM, 1919). Ihm ist auch bewusst, dass diese Grundstücke seit 1920 dem städtischen Gemeinderat und nicht mehr der Lokalgemeinde Hollerich unterstehen. Sicherlich weiß Weber von dem Vorhaben der Gemeinde Luxemburg, den deutschen Städteplaner Josef Stübben erneut nach Luxemburg zu rufen, um einen zusammenhängenden Bebauungsplan für das neu geschaffene Gemeindegebiet zu erstellen. Die Bebauungspläne der Stadtbezirke Limpertsberg und Bonneweg hat er bereits 1924 vorgelegt. Sicherlich schwebt Weber während seines Ausflugs aufgrund dieses Wissens eine bebaute Landschaft in Belair vor (vgl. Karnau 1996, 401).

Auf seinem Nachhauseweg im Jahre 1927 stört Weber sich an dem „Pflastersteinlager der Bauverwaltung“ „[a]n der Merlerstraße […] neben dem alten Oktroihäuschen“ (heute die Kreuzung des Boulevards Grande-Duchesse Charlotte und der Avenue du X Septembre; AK 6. Oktober 1927). Es erinnert ihn an den Baumaterialienplatz gegenüber der ARBED (später der Place des Martyrs). Er sorgt sich um das Erscheinungsbild der Stadt für anreisende Touristen, und wünscht sich hier „ein paar anmutige Villen“ (ebd.). Weber bemängelt insbesondere, dass es sich um ein industrielles Grundstück inmitten städtischer Bebauung handelt. Erst 1938 verschwindet diese Nutzung des Grundstücks als die Rôtisserie Ardennaise und die Pharmacie de Belair hier entstehen (vgl. o.A. 1938a; 1938b).

Limpertsberg sieht Weber im Jahre 1922 als ein fast ausgewachsenes städtisches Viertel, das jedoch von allen Seiten her topographisch abgeschnitten ist:

„Für Limpertsberg wäre also ein Zentrum zu schaffen, das ein Verkehrsband zwischen draußen und der eigentlichen Stadt schüfe. Die Schulen sind in dieser Richtung schon etwas, aber zu wenig. In dem Verkehr, den sie herstellen, pulsiert zu wenig die Ader des Wirtschaftslebens. Die Mustermesse könnte der Anstoß zu einer dauernden Einrichtung werden.“ (AK 14. November 1924)

Weber scheint mitdenken zu wollen. Er verfolgt die zaghafte Urbanisierung des Limpertsbergs in den 1870er Jahren entlang der Avenue Pasteur, der Avenue du Bois und der Avenue de la Faïencerie, wo Gartenrestaurants und Einfamilienhäuser sich niederließen, bevor die städtische Wasserleitung bis dorthin reichte. 1902 legt der deutsche Baumeister und Autor des Handbuchs Der Städtebau, Josef Stübben, für die Gemeinde ein Projekt zur Bebauung des Limpertsbergs vor (vgl. Stübben 1902). Dieser Vorschlag wird nur zaghaft und teilweise umgesetzt, obwohl die Stadt Luxemburg daraufhin ein großes Areal ersteht, um ein Zentrum für dieses Viertel anzulegen. Dazu gehört die Anlage der Zentrumsavenue Victor Hugo, der Bau der Grundschule und der Handels- und Industrieschule, der Josef-Kirche und eines Areals zum Bau eines städtischen Krankenhauses. Die Straßenbahn mit ihren Hallen und Werkstätten wird 1908 vom Bahnhof nach Limpertsberg verlegt. Ein Wohnviertel für Beamte soll auf dem Limpertsberg entstehen (vgl. Philippart 2006, 404-413). 1904 wird gegenüber der Grundschule die Ausstellung für Handwerk und Kleingewerbe organisiert. 1922, wird die Foire Commerciale auf dem Vorplatz der Handels- und Industrieschule sowie dem freien Platz gegenüber organisiert (vgl. Ottele o.D.). Erst 1935 und 1939 werden die Ausstellungshallen an der Rue Ermesinde errichtet (vgl. Administration Communale de Luxembourg 1946).

Erinnerung im Raum

Je älter Batty Weber wird, desto mehr scheinen in ihm die Erinnerungen an die Jugend wach zu werden. So erinnert er sich daran, dass der heutige Platz Winston Churchill in seiner Mitte von einer Straße durchquert war, die zum Boulevard Grand-Duchesse Charlotte führte. Diese Beschreibung stimmt mit den Urbanismusplänen der Stadt Luxemburg von 1868 und 1878 überein. Verschwunden ist die Anlage im Jahre 1888.15 Weber weist bei demselben Spaziergang, im Jahre 1937, auf das Fußballfeld des Sporting hin, das sich an der Rue Jean-Pierre Brasseur befindet.16 Er berichtet auch von einem „freien Rasenplatz, auf dem noch knorrige alte Apfelbäume hinter einer Reihe schlanker Fichten“ standen: „Hier ging es quer über den Rasen, dann den Abhang vor der Schankbude hinunter, da waren Bretterbänke, auf die man sich setzte, um die Schlittschuhe anzuschnallen.“ (AK 5. März 1937) Die ersten Schlittschuhe waren 1883 in Luxemburg verkauft worden. Sie hatten zum Zusammenschluss der Eisläufer in einigen Eisclubs geführt (vgl. Philippart 2024b, 13).

Weber erinnert sich auch an die Karpfen, die im Brasseursweiher17 schwammen, an die „buschige Weide“, „über das Wasser hing, die Quelle, die da leise bis an die Oberfläche sprudelte“ (AK 5. März 1937). Das gesamte Areal, das Batty Weber beschreibt, gehört Jean-Pierre Brasseur, dem Inhaber des Hotels Brasseur (Rue Aldringen/Grand’Rue/Boulevard Royal). Der Unternehmer hatte dieses Areal zur Weide des für den Hotelbetrieb nötigen Viehbestands gekauft, und er betreibt den erwähnten Weiher. Brasseur ist damals bekannt, dass am Place de l’Etoile ein neuer Bahnhof entstehen könnte. Das Areal könnte somit auch als späteres Bauland dienen (vgl. Mersch 1971, 48f.). Der Ausflug Webers führt durch die Rue Bertholet, die Rue Ernest Koch, die Rue des Daliahs und die Rue d’Orange. Mit keinem Wort erwähnt er die damals neu errichtete Grundschule, das Franziskanerinnenkloster oder das nahe gelegene und 1932 geschlossene Velodrom, wo sich bis zu 8.000 Menschen treffen konnten (vgl. Bressler und Thill 2011, 211-214). 1938 verschlägt es ihn nochmals nach Belair und er staunt über die Entwicklung dieses Viertels. Erst 1940, bei einem erneuten Besuch der Avenue Gaston Diderich, die zu den „saubersten und stattlichsten und dichtest bebauten der Stadt“ gehört (AK 13. April 1940), erwähnt er die katholische Lehreranstalt Saint-Jean (1936), die Christ-König-Kapelle (1931), aber auch die „Schéiss“, dem Sitz der Société des Arquebusiers, die seit 1904 in Kreuzgründchen ansässig ist (vgl. Ney 1997, 169). Diesem Verein hatte er bereits 1931 ein eigenes Kalenderblatt gewidmet (vgl. AK 16. Juli 1931). Zwischen 1935 und 1937 sind in Belair nicht weniger als zwölf neue Straßen entstanden (vgl. Lascombes 1985a, 126):

„Ob du nun dieses Neumerl mit allem Drum und Dran schon kennst oder nicht, du mußt zugeben, daß keiner sagen darf, er sei schon in Luxemburg gewesen, wenn er nicht wenigstens flüchtig mit all diesen neuen Straßen Bekanntschaft gemacht hat, von der Achilles- und der Herchenstraße und drum herum kreuz und quer, über den Philippe-Platz, von der [Bernard-; Anm. d. Verf.] Haal-Straße die Treppe hinauf nach der Bel-Air-Straße [Avenue Gaston Diderich; Anm. d. Verf.] und über Kreuzgründchen nach dem Stadion und zu dem Aussichts- und Wasserturm an der alten Windmühle.“ (AK 17. März 1938)

Diese Stadttour bietet wahrhaft Neues, wie das 1930 eingeweihte Fußballstadion und den 1935 errichteten Wasserturm an der Route d’Arlon. Kein Wort verliert Weber über die 1933/34 von Architekt Norbert Weydert gebaute Siedlung mit Beamtenhäusern für die S.A. pour la Construction d’habitations à bon marché. Die Rue Bernard Haal, die Rue Lemire und der Nic-Philippe-Platz wurden im Rahmen dieses Projektes angelegt. Die Bebauung entsprach den Angaben des Stübben-Plans (vgl. Philippart 2011, 19). Er verliert ebenfalls kein Wort zur neuen Entbindungsanstalt an der Route d’Arlon, welche zwischen 1933 und 1936 errichtet wurde. Beides sind Sozialprojekte und nicht direkt privatwirtschaftliche Unternehmen, welche vorwiegend sein Interesse wecken. Sie sind Zeugen des international style, zu dem Weber allgemein keine Aussagen macht.

Bei einem weiteren Spaziergang im gleichen Jahr erinnert Weber an den Hollericher Schlackenpavillon, „unter dessen Dach man auch einen heißen Grog trinken konnte. Und früher schon, wohl um 1885 herum, hatte in den Merler Wiesen noch ein größerer und vornehmerer Pavillon gestanden, auf dessen Podium die Militärmusik Konzerte gab. Er war errichtet durch den Luxemburger Eisklub“ (AK 16. Dezember 1937). Die beschriebene Szene situiert Weber in der Vergangenheit, als „die Merler Wiesen noch einem Stückchen Prärie glichen.“ (ebd.) Die nostalgische Erinnerung gilt nur einer Saison, 1885, als sich der Eisklub gegründet hatte. Bereits im folgenden Jahr verlegt der Klub seine Aktivität nach Bettemburg (vgl. o.A. 1885; 1886). Der „Schlackeweiher“ gehörte einst zur 1841 gegründeten Eisenhütte Hollerich, welche 1898 ihren Betrieb eingestellt hatte (vgl. Etringer 1989, 33).

Das nordwestliche Hollerich erfährt ab 1920 einen bedeutenden städtebaulichen Aufschwung, denn die 1912er Blockaden von Grundstücken im Bereich der Bahnstrecke Luxemburg-Hollerich-Nördingen sind aufgehoben worden. Acht Monate nach der Gemeindefusion von Luxemburg und Hollerich treibt es Batty Weber im November 1920 hinaus in den Vorort. Hier spürt er den Druck der sich entwickelnden Stadt:

„Dort, wo die Stadt Luxemburg in das Dorf Hollerich sichtbar übergeht, wo die Kartoffeläcker noch bis vor kurzem dicht an die städtischen Trottoirs heranreichten und sich in den Fenstern der ersten Stadthäuser spiegelten – bis Herr Giorgetti kam und durch die Kartoffelacker eine Straße legte und an die Straße Stadthäuser baute.“ (AK 17. November 1920)

Das neue Viertel an der Avenue Guillaume hat es Batty Weber angetan. Der aus Brissago stammende Bauunternehmer Achille Giorgetti hatte von der großherzoglichen Domainenverwaltung ein großes Areal erstanden, das er ab 1919 (vgl. o.A. 1919, 2) als neues Stadtviertel anlegt.18 Erst 1923, nach der Eingemeindung von 1920, wird Josef Stübben mit einem zusammenhängenden Bebauungsplan für das neue Stadtgebiet beauftragt (vgl. Karnau 1996, 399). Dieses Viertel ist also älter als Stübbens Plan.

In seinem Feuilleton vom 8. Januar 1920 erlaubt sich Weber einen kleinen Seitenhieb auf die 1919 ins Leben gerufene SNHBM:

„Im Oktober [1919; Anm. d. Verf.] sah ich dort ein paar Leute in der Erde herumbuddeln, jetzt, nach drei Monaten, sehe ich sie an drei fertig gebauten Häusern die Dachstühle richten. Amerikanisches Tempo. Aber das ist nur ein leichter Auftakt. Quer durch das Gelände in der Verlängerung der Maria-Theresienavenue legt Herr Giorgetti eine breite Straße, in die wieder andere von rechts und links münden werden. Und diese Straße entlang werden Häuser in die Höhe wachsen und das grüne Land draußen von uns abschließen. […] In einer Aussicht können keine Familien wohnen, wir müssen Häuser bauen, und während um grüne Tische Kommissionen gewichtig und lang beraten, geht Herr Giorgetti hin und baut über Nacht Häuser.“ (AK 8. Januar 1920)

Erst 1920 kann die Gesellschaft ihre ersten Grundstücke erwerben. 1921 kann mit der allmählichen Bebauung begonnen werden. 1928 wird ein Architekturwettbewerb für bessere Planungen ausgeschrieben. Die Struktur der Gesellschaft vereinigt die Luxemburger Regierung, die Sozialversicherungen, die Stadt Luxemburg, die Gemeinden Hollerich, Esch-sur-Alzette, Differdingen und Dudelange sowie die Gesellschaften ARBED und Paul Würth. Innerhalb von zehn Jahren hat die SNHBM rund 400 Häuser im Großherzogtum errichtet (vgl. Lorang 2019, 11, 20, 38).

Die Bebauung am Stadtrand stimmt Weber, momentan, etwas wehmütig, verdeckt sie doch langsam die so liebgewordenen Panoramablicke aufs Land: „als man von der Stadt hinaus noch gradenwegs in den Himmel zu wandern meinte“ (AK 8. Januar 1920).

Die topographische Lage der Stadt hat ihre Entwicklung entlang der Hochebenen und Zufahrtsstraßen geführt. Das östliche Kirchbergplateau bleibt bis zum Bau der Grand-Duchesse-Charlotte-Brücke von der Stadt abgetrennt und gehört demnach zur Peripherie. Im April 1928 besucht Batty Weber den Park rund um das Fort Thüngen:

„Man muß sich heute schon in einer ganz besonderen Verfassung befinden, um zu einem Ausflug in das geheimnisvolle Dickicht der alten Festungswerke Lust zu verspüren. Ein bißchen unzivilisiert und ein bißchen unsicher sogar sieht für manche das unübersichtliche Gelände aus. Durchzieht es mit malerisch angeordneten Lichtungen, deren Rasenteppich zum Picknick einladet, so wird es für sich werben mit all dem fröhlichen Freiluftleben, das sich bis herüber vor allen Blicken entfalten und zur Nachahmung reizen wird. Dann wird ein Gemeingut der Bevölkerung aus einer Kostbarkeit, die heute fast ungenützt und ganzen Geschlechtern unbekannt daliegt.“ (AK 18. April 1928)

Nach Auflösung der Festung wurden die Militäranlagen auf Ober- und Niedergrünewald und Fort Olisy abgetragen. Im Deutsch-Französischen Krieg wirkten die Überreste noch bedrohlich, und sie mussten weiterhin geschleift werden, um eine militärische Nutzung im Kriegsfalle unmöglich zu machen. 1873 wird das Areal mit Bäumen bepflanzt, die hier großgezogen wurden, um kurz darauf die Alleen im neuen Stadtviertel zu begrünen. Erst 1888 und nach dem Ankauf von Zufahrtsparzellen wurde hier ein Waldpark nach den Plänen von Edouard André angelegt. 1910 waren diese Arbeiten abgeschlossen. Die Anlage verwilderte rasch, was im Zitat von Batty Weber klar hervorkommt (vgl. Philippart 2023a, 143-154). Erst 1937 betraut die Regierung den Ingenieur Henri Luja damit, die gesamte Anlage neu zu gestalten, damit sie zur touristischen Sehenswürdigkeit werden kann (vgl. Philippart o.D.).

Fazit: Literatur als bedeutende Geschichtsquelle

Batty Weber gilt als wichtiger Zeitzeuge der baugeschichtlichen Entwicklung der Stadt Luxemburg. Seine Aussagen gelten als wertvoller Zusatz zu den klassischen Quellen der Forschung. Er ist so präzise wie ein Foto!

Der Autor des Abreißkalenders verrät seinen persönlichen Standpunkt und zeigt, wie die baulichen Veränderungen auf ihn wirken. Grundsätzlich steht er dem Wandel positiv gegenüber, gedanklich schaut er auch voraus und trägt die kühnsten Vorschläge mit, wie z.B. den Bau eines Aufzugs zwischen Grund und Oberstadt oder einer Straßenbahn zwischen Esch und Luxemburg. Ihm sind die Probleme der Unterbevölkerung des städtischen Raumes bewusst. Er teilt die damals vertretene Ansicht, die Stadt in funktionale Zonen (Arbeit, Freizeit, Nahversorgung) aufzuteilen und mithin ein ausgedehntes Straßenbahnnetz zu errichten. Gerne hätte er Luxemburg als Großstadt gesehen, jedes Element – Geräusch der Straßenbahn, Hochbauten oder Leuchtreklamen, moderne Kaffeehäuser – wecken in ihm die Sehnsucht danach.

Er erkennt die historische Stadtlandschaft als eigene Identität und vermisst dabei deren Wertschätzung für den Fremdenverkehr. Er steht dem Kulturerbe positiv gegenüber, pocht dabei aber nur auf dessen Dokumentation und nicht den Erhalt. Er schätzt Grünzonen und bedauert den Verlust von Bäumen im öffentlichen Raum. Er liebt deren kühlen Schatten und Blütenpracht entlang der Straßen oder am Paradeplatz.

Als Rentner zieht es ihn zu Wanderungen in die neuen Viertel, deren Entwicklung er mit größtem Interesse verfolgt. Er freut sich über den raschen Bau von Wohnungen durch die private Hand, spricht aber nicht von den Beamten- und Arbeitersiedlungen, die damals entstehen. Mit fortschreitendem Alter kommen Jugenderinnerungen hoch, die bis in die 1870er Jahre zurückführen. Er sieht alte Festungswerke verschwinden und kann über Jahrzehnte hindurch den Erfolg der Öffnung der Stadt beobachten. Sehr interessant ist es auch, anhand dieser literarischen Quelle etwas über die Probleme der Stadtöffnung und dem emotionellen Umgang in Bezug auf den Wandel des städtischen Raumes in der damaligen Zeit zu erfahren. Man muss feststellen, dass sie bis in die heutige Zeit hinein eigentlich größtenteils gleichgeblieben sind.

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Anmerkungen

  1. 1 Die Sigle AK steht für den Abreißkalender von Batty Weber, hier und nachfolgend zitiert nach Gilles und Millim 2017.
  2. 2 Loi du 12 août 1927 concernant la conservation et la protection des sites et monuments nationaux/Gesetz vom 12. August 1927, über die Erhaltung und den Schutz der nationalen Landschaften und Denkmäler, vgl. o.A. 1927a.
  3. 3 Die ersten Projekte zum Bau eines zweiten Viaduktes sahen den Bau einer Brücke als Verlängerung der Rue Philippe II vor (vgl. Bruns 2016).
  4. 4 Vgl. Convention du Conseil de l’Europe sur le paysage, https://www.coe.int/fr/web/landscape.
  5. 5 Les critères de sélection, https://whc.unesco.org/fr/criteres.
  6. 6 „Outstanding Universal Value means cultural and/or natural significance which is so exceptional as to transcend national boundaries and to be of common importance for present and future generations of all community as a whole. The Committee defines the criteria for the inscription of properties on the World Heritage List.“ WHC 2019, 20.
  7. 7 1932 wurde die Rue du Fossé und 1937 die Rue du Rost verbreitert, 1913 die Artilleriekaserne und 1933 das Ilôt Clairefontaine abgerissen; vgl. Aschman et al. 2013, S. 48-63.
  8. 8 Erinnern wir uns, dass Batty Weber sich hier zum Studium eingeschrieben hatte.
  9. 9 ANLUX H-0379-10 Vente de 1500 m carrés de terrains à gauche de l'avenue de la gare à Luxembourg près du lieu dit «Birkenbusch» pour y construire les écuries et remises du tramway, demandée par Mr. De Ferral, 1874 (Sous-dossier)
  10. 10 Der Londoner Vertrag vom 11. Mai 1867 verlangt offiziell die Schleifung der Festungsanlagen. Dadurch erlebte die Stadt in eine schwere wirtschaftliche Krise (vgl. Koltz 1972, S. 581).
  11. 11 AK 24. Dezember 1930. Es handelt sich hierbei um den Unternehmer Alfred Lefèvre, Eigentümer des Hotels Alfa (vgl. Philippart 2018b).
  12. 12 AK 12. Juni 1936. Hier handelt es sich um „Meta-Brahms“, „A la Bourse“, „Opticien Berg“ und das Pelzgeschäft Jenny in der Großstraße bzw. am Stadtgraben, welche zwischen 1932 und 1934 errichtet worden waren.
  13. 13 Die Charta von Athen wurde auf dem IV. Congrès Internationaux d’Architecture Moderne 1933 in Athen verabschiedet. Hier wurde die in funktionale Zonen unterteilte und autogerechte Stadt als neues urbanes Konzept entwickelt (vgl. Le Corbusier 1957).
  14. 14 Vgl. AK 12. Juni 1923. Die Tramstrecke wird am 16. Juli 1923 eingeweiht.
  15. 15 Archives nationales du Luxembourg, (ANLUX) H., forteresse de Luxembourg, N°368)BIERMANN, J.P., Plan de la ville de Luxembourg en 1878, in Abrégé historique de la ville forteresse de Luxembourg, Luxembourg,, 1890, Ed, Jos. Beffort (annexe); Bibliothèque nationale du Luxembourg, Compte-Rendu des Séances à la Chambre des Députés, séance du 17 janvier 1888, Luxembourg 1888, S. 377
  16. 16 Der städtische Fußballklub Sporting Club Luxembourg wurde 1908 gegründet (vgl. o.A. 2005).
  17. 17 Der Brasseursweiher lag dicht an der heutigen Avenue Gaston Diderich.
  18. 18 Es geht um das Gebiet um die Avenue Guillaume, Rue Adolphe, Rue de Nassau und Rue Albert Ier. Achille Giorgetti (1875-1953) arbeitete mit Louis Rossi zusammen, einem in Lugano gebürtigen Architekten, welcher die wertvollsten Art-déco-Bauten in Luxemburg gezeichnet hat (vgl. Gallo 1992, 500).

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