Batty Weber und die Sklaverei
Sklavenhandel in Afrika
Afrika und der belgische Kongo sind Themen, die durchaus auch Luxemburg betreffen, wie Batty Weber am 25. Oktober 1924 vermerkt: „Es hat für uns gesteigerte Bedeutung, seit unsern jungen Landsleuten im Kongo eine willkommene Möglichkeit des Fortkommens eröffnet ist.“ (AK1 25. Oktober 1924; vgl. dazu Moes 2012) In diesem Zusammenhang erwähnt Batty Weber auch das Problem, das die arabischen Sklavenhändler darstellen:
„Im allgemeinen aber sind wir gewöhnt, den belgischen Kongo als etwas Fertiges, immer Dagewesenes aufzufassen. Man macht sich indes vom Wert einer Sache erst den richtigen Begriff, wenn man weiß, was sie gekostet hat. Und was die Kongokolonie Belgien an Blut und Heldenmut gekostet hat, lesen wir in einem brennend interessanten Artikel von Léo Lejeune in der Oktobernummer der ‚Illustration‘.
Der Artikel schildert nach einem Interview die Tätigkeit des bekannten Kongomannes Colonel Henry während der Jahre, wo es galt, die junge Kolonie von den arabischen Sklavenhändlern zu säubern und sie gegen englische und deutsche Annexionsgelüste zu schützen, gegen die englische Unverfrorenheit eines Stokes und gegen die Mausergewehre, die ihm die Deutschen lieferten.“ (AK 25. Oktober 1924)
Auch das Thema der Sklaverei und des Sklavenhandels in Afrika ist in der luxemburgischen Presse präsent. So behandelt das Luxemburger Wort das Problem der Weiterexistenz von Sklaverei und Sklavenhandel auch nach ihrer Abschaffung in Großbritannien und den britischen Kolonien. In Afrika sind es neben Forschern vor allem die Missionare, die sich gegen den Sklavenhandel einsetzen. So berichtet das Luxemburger Wort im Jahr 1888 insbesondere vom Wirken des Kardinals Lavigerie (1825-1892) und davon, dass von den Missionen in Afrika Sklaven aufgekauft und freigelassen wurden (vgl. o.A. 1888). In Reden und Briefen ruft der Kardinal zu einem friedlichen Kreuzzug gegen das Unwesen der Sklaverei auf und lanciert mit Unterstützung des Papstes eine neue Antisklavereibewegung. So solle Frankreich von Tunis und Algier aus eingreifen, Belgien vom Kongo. Ziel sei die Kolonisierung und Zivilisierung Afrikas und dazu gehöre auch die Abschaffung der Sklaverei. So heißt es im Luxemburger Wort:
„Dies ist umso wahrer, als gerade jene schwarzen Stämme, welche von den meist türkischen Sclavenhändlern buchstäblich aufgerieben warden, thatsächlich die ruhige und arbeitende Bevölkerung bilden, ohne deren Hülfe eine Colonisirung jener für den Europäer schwer zugänglichen Gegenden nicht möglich ist.“ (ebd.)
Was ist der Hintergrund der gerade skizzierten Diskussionen? Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts Sklavenhandel und Sklaverei in Großbritannien und den britischen Kolonien abgeschafft wurden, hatte dies an der Küste Westafrikas zunächst einen Rückgang der Sklaventransporte zur Folge. Dieser Zustand war jedoch nur von kurzer Dauer. Langfristig hatte die Abolitionismusbewegung für Afrika drei Konsequenzen: Zum Ersten wurde der britische Sklavenhandel schnell von anderen Händlern (Franzosen, Kubanern) übernommen. Schon bald stieg die Zahl der Sklaventransporte wieder an und erreichte das frühere Niveau. Der Sklavenhandel in Ostafrika begann sogar erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu boomen. Zum Zweiten bedeutete die Abschaffung der Sklaverei für Afrika gerade nicht einen Rückgang der Versklavungen und des Handels – vielmehr verlagerte sich der Handel in das Innere Afrikas; Sklaven wurden vermehrt im Land selbst eingesetzt. Zum Dritten förderte das Verbot des Sklavenhandels die Kolonisierung Afrikas. So schrieben sich die Kolonialmächte die Durchsetzung des Verbotes von Sklaverei und Sklavenhandel als zivilisatorische und humanitäre Leistung auf die Fahne, um ihre eigenen vor allem wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen. Forscher, Reisende und Missionare trugen wesentlich dazu bei, bessere Kenntnisse über das Innere Afrikas zu gewinnen. Den Missionaren lag nicht nur die Bekehrung, sondern auch der Schutz der „Eingeborenen“ am Herzen. So verbanden sich missionarischer Eifer mit „abolitionistischer Zivilisierungsmission und britischen Handels- und damit Kolonialinteressen“ (Meissner et al. 2008, 233; vgl. auch Delacampagne 2004, 208-249; Meissner et al. 2008; 219-239). Prominente Vertreter dieser Gruppe waren etwa der Missionar, Entdecker und Abolitionist David Livingstone (1813-1873) sowie Kardinal Lavigerie. Letzterer gehörte zu jener Generation von Geistlichen, die noch unter dem Einfluss der Ideale der Französischen Revolution standen. Als Mitglied einer reformorientierten Gruppe des Pariser Klerus trat er für Freiheit und Fortschritt auch innerhalb der katholischen Kirche ein. Zunächst Bischof von Nancy, war er Professor an der Sorbonne, Auditor der Rota in Rom und wurde 1867 Erzbischof von Algier (Evangelisation Algeriens). Er gründete die „Gesellschaft der Weißen Väter“ zur Missionierung Afrikas, wurde 1882 apostolischer Administrator Tunesiens, Kardinal, Erzbischof von Karthago und Primas von Afrika (vgl. Montclos 1985, 196-207; Kinet 2005; Mulligan 2013). Die Bemühungen Lavigeries mündeten schließlich in die Brüsseler Antisklavereikonferenz (1889/90), von der das Luxemburger Wort ebenfalls berichtet (z.B. am 28. Februar 1890 und am 22. August 1890), ebenso wie von weiteren Fortschritten, so z.B. von der Aufhebung der Sklaverei in Sansibar (9. August 1890) oder vom Verbot des Sklavenhandels im Osmanischen Reich samt den Balkanstaaten, sowie von der Kontrolle der Küsten durch England, Italien und Deutschland. Es machten sich aber auch andere Stimmen bemerkbar – ebenfalls aus kirchlichen Kreisen –, die nicht davon überzeugt waren, dass man die Sklavereifrage mit Gewalt lösen könne. Es seien vielmehr Agrarreformen nötig und man müsse bei der Erziehung der Kinder ansetzen. Die Fokussierung auf Afrika und die Aktivitäten der Missionare und hier besonders der Weißen Väter ist jedoch nicht allein mit der Ausrichtung des Luxemburger Wortes zu erklären, vielmehr hatten die Weißen Väter und die Pères du Sacré-Coeur auch Niederlassungen in Luxemburg. Ihnen sowie dem Luxemburger Wort ist es zu verdanken, dass die Ereignisse in Afrika der Luxemburger Öffentlichkeit sehr präsent waren.
Sklaverei als Metapher
Die Sklaverei durchzieht auch als narratives Element die antike Literatur. Sie wurde eingesetzt, um eine Erzählung zu strukturieren (vgl. z.B. Binsfeld 2024), und diente zur Bezeichnung von asymmetrischen politischen und sozialen Beziehungen, wie der Beziehung zwischen Vater und Sohn, Herrscher und Beherrschtem, Körper und Seele:
„But for the most part, the metaphor of slavery tended to be invoked on occasions when relations between the free had in some way gone wrong, or deviated from their proper state. For instance, the phenomenon of the uxor dotata, the wife who holds the purse-strings, might disrupt the traditional power of the paterfamilias and the proper hierarchy between the sexes. […] [T]he metaphor of slavery plays an important role in the discourse of the ethical life and the self, and particularly in Seneca. He elaborates on Cicero’s statement that the body should be ruled by the mind as a slave is by his master: the body, says Seneca, is a chain restraining the liberty of the mind, and therefore the mind needs to be freed from slavery to the body.“ (Bagordo und Fitzgerald 2017, 1934f.; vgl. Seneca, epist. 65,21).
Man findet Sklaverei als politische Metapher für den Tyrannen (vgl. Binsfeld 2021) oder auch als literarisches Motiv, um etwa den Sklaven der Liebe zu beschreiben (wie z.B. in Properz, elegiae 3,11; s. dazu unten). Schließlich wurden Sklavereimetaphern auch in der christlichen Sprache des Neuen Testamentes benutzt, wenn von Sklaven bzw. Dienern Christi (vgl. de Wet 2018) die Rede ist.
Batty Weber verwendet in seinem Abreißkalender bekannte Sklavereibilder, wie z.B. das Bild der Rudersklaven (vgl. AK 12. Dezember 1914; AK 12. Juni 1925). Es ist die Rede von der Sklavenarbeit und dem Sklaven der Arbeit (vgl. AK 25. Februar 1915; AK 31. März 1916), von Sklavennaturen (vgl. AK 24. November 1917; AK 12. Oktober 1920) und Sklavenhaltermentalität (vgl. AK 2. Juli 1918) etc.
Das Spektrum der Metaphern reicht von Sklaven der Mode (vgl. AK 11. November 1916; AK 29. Oktober 1924; AK 30. Oktober 1926; AK 20. Februar 1929; AK 12. März 1929; AK 19. September 1931; AK 13. September 1933; AK 19. Juni 1936) bis hin zu Bildern, die aus dem Umfeld der Antike bzw. der Antikenrezeption durch den Orientalismus stammen und die Grausamkeit der ägyptischen Königin Kleopatra VII. gegen ihre Sklaven oder den Sklavenmarkt thematisieren. Ein besonderes Faible hat Batty Weber für die vom griechischen Biographen Plutarch überlieferte Geschichte, dass Kleopatra Gifte an Gefangenen habe testen lassen. Er greift dieses Bild z.B. am 22. Februar 1918 auf, als ihn der Krieg und die Bedrohung durch Fliegerbomben beschäftigen:
„Wie lange noch? Wie lange wird es dauern, bis sie ihre Bomben wahl- und ziellos fallen lassen, irgendwohin ins Land, durch die Wolkenhülle hindurch? Bis sie dem Tod die Augen verbinden und ihn loslassen, wie einen bissigen Hund, der beißen mag, wer ihm vor die Zähne kommt? Es soll nicht heißen, daß dieser Krieg irgend einen Wahnwitz unvollbracht gelassen hätte.“ (AK 22. Februar 1918)
Der blaue Himmel, „der uns sonst den Frohsinn in die Seelen strahlte“, ist ihm unheimlich, er fühlt sich unter dem grau verhangenen Himmel sicher „wie die Küchlein unter den Fittichen der Henne“ (ebd.). Der wolkenlose blaue Himmel steht für ihn für die grausame Bedrohung – eine Bedrohung, die so grausam und willkürlich ist wie der Blick der ägyptischen Königin Kleopatra: „Er steht über uns, wie der Blick einer herzlosen Frau, die sich an fremden Martern ergötzt. Wie der Blick Kleopatras, die an ihren Sklaven Versuche mit Giften machte. Wie der Blick aus dem großen, dunkeln Orientalinnenauge der schönen Salome, da ihr zu Liebe der Täufer enthauptet wurde.“ (ebd.)
Die lebensspendende Melancholie des grauen und die lebensfeindliche Grausamkeit des blauen Himmels ist ein Thema, das Weber auch am 16. Juni 1921 aufgreift. Wieder regt ihn dieses Gefühl zu einem Vergleich mit der ägyptischen Königin an:
„Der graue Himmel mag bedrückend sein, er ist nie grausam, wenn er auch noch so lange dauert. Aber der blaue Himmel kann grausam werden. Von der Grausamkeit der schönen egyptischen Königin, die an ihren Sklaven Schlangengifte probierte. In der heiteren Beharrlichkeit, mit der sich die blaue Leere über uns spannt, liegt das Unheimliche orientalischer, asiatischer Grausamkeit, das Unheimliche der Schönheit, die grausam wird.“ (AK 16. Juni 1921)
Die Wetterlage, genauer die ungewohnt lange Sonnenperiode, bereitet Batty Weber auch am 9. Dezember 1921 Sorge. Die Welt gerät aus den Fugen, das Wetter schlägt Kapriolen, und so kann er auch jetzt nicht von seinem Bild der grausamen, katzenhaften Pharaonin lassen:
„Aber seit Jahr und Tag hören die Sonnentage nicht mehr auf. Sie beginnen, uns unheimlich zu werden. Denn sie wollen uns übel. Ich kann den Gedanken an das Bild nicht los werden, auf dem die Katze Cleopatra als sündhaft schönes Weib dargestellt ist, wie sie an Sklaven Versuche mit Giften anstellt. Sie sitzt auf dem Ruhebett und beobachtet die armen Teufel, die sich vor Schmerzen krümmen. Sie ist schön und grausam. Schön wie der Sonnenhimmel, der sich seit undenklichen Zeiten über uns spannt, und grausam wie der Nordost, der uns unerbittlich die Erde und die Schleimhäute austrocknet.“ (AK 9. Dezember 1921)
Die Grausamkeit mancher Frauen beschäftigt ihn auch in einem Gespräch mit einer Freundin über den Charakter ihrer beiden Kinder sowie über die verschiedenen Arten und Gründe des Lügens bei Frauen und Männern. So äußert er die Meinung:
„Diese [Die Frauen; Anm. d. Verf.] gehorchen irgendwelchen Urinstinkten, sagen wir einmal einer Art Grausamkeit, die bekanntlich besonders stark bei Kindern entwickelt ist. Ich denke z.B. an Kleopatra oder an die Marquise de Brinvilliers, die an Sklaven oder Kranken ihre Gifte ausprobierten und interessiert dem Verlauf der Wirkung zusahen, oder an die Gabrielle aus Henry Bernsteins ‚Secret‘, die aus perverser Freude an fremdem Unglück die verlogensten Intrigen spinnt. So gibt es Menschen und zumal Frauen – oder frauenhaft veranlagte Männer, die aus naiver Grausamkeit und Lust am Unheilstiften lügen, positiv lügen, das heißt Unwahrheiten erfinden oder Irrtümer wissentlich und absichtlich sich verbreiten lassen, wie andere Bomben legen oder anonyme Briefe schreiben.“ (AK 9. Februar 1923)
In einem Beitrag vom 7. Januar 1940 sinniert Batty Weber schließlich über den Unterschied zwischen Bosheit und Grobheit:
„Grobheiten sind ganz was anders als Bosheiten. Eine Grobheit ist zum Beispiel, wie wenn einem ein Fußball an den Kopf fliegt, eine Bosheit dagegen, das ist ein Schlangenbiß, ein giftiger Pfeil. Wer Bosheiten sagt, ist ein schlechter Mensch, während ein Grobian ein goldiger Kerl sein kann. Bosheiten ausgeheckt, eigens für ein bestimmtes Opfer zugeschliffen: wer sie abschießt, weiß genau: der wird sich giften, dem geht es an die Nieren, wenn ich von einem Menschen, den er lieb hat, so eine kleine Perfidie hinlege. So ein Giftspritzer ist ein wenig wie die Kleopatra, wenn sie neue Gifte an ihren Sklaven ausprobierte, nein, viel schlimmer, denn die Kleopatra war eine verwöhnte Königin, sie hatte es nicht anders gelernt, ihre Sklaven galten ihr nicht mehr, als Pferde oder Kühe oder Hühner. Aber wir untereinander, wir sind Menschen, und wer seinesgleichen mit Bosheiten vergiftet, der gehört ... na, sagen wir mal gehörig verprügelt. Die Bosheitendrüse kann man ihm ja doch nicht wegsterilisieren.“ (AK 7. Januar 1940)
Die Perversität und Grausamkeit Kleopatras ist auch Thema in seinem Beitrag vom 27. November 1929:
„Der Anblick eines orientalischen Teppichs facht meine Phantasie zu abenteuerlichen Exkursen in die älteste Kultur des Morgenlandes an. Hoheliedstimmung umwebt mich, oder Haremsdüfte schwelen über dem haarigen Farbenspiel am Boden. Da sitzt der Geliebte und sieht den Sklavinnnen [sic] zu, wie sie aus der eigenhändig gefärbten Wolle seiner eigenhändig getöteten Ziegen oder Schafe den bunten Teppich knüpfen, den er den zarten, vielleicht frisch gebadeten Füßchen der Geliebten unterbreiten will, damit sie in der Morgen- bezw. Abendkühle keinen Schnupfen erwische. Oder da sitzt Kleopatra, das perverse Weibsbild, und sieht prüfend zu, wie sich die auf Probe vergifteten Sklaven auf dem Boden wälzen, und gibt Befehl, daß die Teppiche weggezogen werden, auf daß damit nichts passiert.“ (AK 27. November 1929)
Batty Weber greift hier eine Szene auf, die Plutarch in seiner Biographie des Antonius erzählt (vgl. Plutarch, Ant. 71,4-5). Der antike Biograph berichtet, dass Kleopatra tierische und pflanzliche Gifte an zum Tode verurteilten Verbrechern – er spricht hier jedoch nicht explizit von Sklaven – getestet habe, um herauszufinden, welches Gift einen möglichst schmerzlosen Tod verursache. Sie habe sich schließlich für Schlangengift entschieden. Plutarch stellt Kleopatra als machthungrige, gefährliche und skrupellose Herrscherin dar. Er fügt sich damit in die Reihe der Autoren der römischen Kaiserzeit ein, die ein negatives Bild der ägyptischen Königin zeichnen, das vor allem durch die Propaganda des Octavian, des späteren Kaisers Augustus, geprägt ist (vgl. dazu Becher 1966; Wyke 2002, 195-243; Šterbenc Erker 2022). Zielscheibe ist allerdings nicht in erster Linie Kleopatra selbst, sondern Marcus Antonius, mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte, aus der auch zwei Kinder hervorgingen. Octavian, der Gegenspieler des Marcus Antonius, nutzt die in Rom vorhandene Skepsis, die Angst und Befürchtungen zu seinen Gunsten und positioniert sich als Vertreter der alten Werte und Ordnung, der mos maiorum, im Unterschied zu Marcus Antonius, der an die Seite einer grausamen, dekadenten, berechnenden und machtgierigen ägyptischen Königin gestellt wird. Vor allem die sogenannten Landschenkungen an Kleopatra und die gemeinsamen Kinder riefen in den Zeitgenossen Ängste hervor, Antonius verschleudere den Osten des Römischen Reiches an die Ägypterin (vgl. Plutarch, Ant. 36,54f., 50,58f.; Cassius Dio 50,3f., 50,24-28; vgl. dazu Schrapel 1996; Schäfer 2006, 151-161, 188-196). Die Autoren der Zeit des Augustus entwerfen ein Bild der Kleopatra, das von der Auseinandersetzung zwischen Marcus Antonius und Octavian geprägt ist und die ägyptische Königin als Verkörperung von östlichem Luxus und östlicher Dekadenz einem Westen gegenüberstellt, der sich mit den altrömischen Werten von pietas, virtus, clementia und iustitia identifiziert (vgl. Horaz, carm. 1, 37; Vergil, Aen. 8.675-716; Properz, elegiae 3,11). Dieses Bild und der stereotype Ost-West-Diskurs werden von den Autoren des 2. und 3. Jahrhunderts, wie Plutarch und Cassius Dio, aufgegriffen, die den hellenistischen Osten, den Orient, als dekadent, exotisch, aber auch als berechnend und grausam beschreiben (vgl. Plutarch, Ant. 25-27, 53, 59, 71, 83; Cassius Dio 50,5, 51,12). Die Stereotype knüpfen an die seit den Perserkriegen bekannten Topoi über den Gegensatz zwischen dem freiheitsliebenden Westen und dem dekadenten, versklavten Osten an und leben auch in den folgenden Jahrhunderten weiter (vgl. Wyke 2002, 210-216; Said 2009, 9-39; Gruen 2012, 1-52). „Mysteriös, exotisch und sinnlich, herausfordernd und charmant“ (Schäfer 2006, 269) – so tritt uns Kleopatra bereits in William Shakespeares Antony and Cleopatra (1608) entgegen. Kleopatra ist aber auch ein beliebtes Sujet des Orientalismus des 19. Jahrhunderts. Sie wird als Femme fatale, als exotisch, verführerisch und skrupellos dargestellt (vgl. Wyke 2002, 244-276; Schäfer 2006, 268-279). Als ebenso grausame wie faszinierende Königin, die aus Langeweile Gift an Sklaven testet oder das Leben eines jungen Mannes opfert, mit dem sie eine Liebesnacht verbracht hat, erscheint Kleopatra z. B. in Théophile Gautiers Une Nuit de Cléopâtre aus dem Jahr 1838:
„[L]anguissamment couchée sur son lit, elle songeait que le nombre des sens est bien borné, que les plus exquis raffinements laissent bien vite venir le dégoût, et qu’une reine a réellement bien de la peine à occuper sa journée. Essayer des poisons sur des esclaves, faire battre des hommes avec des tigres ou des gladiateurs entre eux, boire des perles fondues, manger une province, tout cela est fade et commun!“ (Gautier 1894, S. 39)
Sehr eindrucksvoll wird die Geschichte von Alexandre Cabanel in Cléopatre essayant des poisons sur des condamnés à mort (1887, Royal Museum of Fine Arts Antwerp) ins Bild gesetzt: Das Gemälde zeigt Kleopatra, die zuschaut, wie Gifte an Gefangenen getestet werden, um deren Wirkung zu studieren. Es betont die exotische, erotische und auch gefährliche Seite der Königin und spiegelt die orientalistischen Vorstellungen der Zeit wider (Abb. 1).
Von der orientalistischen Literatur und Malerei des 19. Jahrhunderts sind möglicherweise auch die Vorstellungen Batty Webers vom Verkauf von Sklaven auf dem Sklavenmarkt geprägt. Am 26. Juni 1914 vergleicht er die Versteigerung von Möbeln mit der Situation auf einem Sklavenmarkt:
„Denke Dir, da liegen auf einem Stapel Deine Lieblingsbücher, Dein Stifter, in dem Du Dich gerne versenktest, wenn Dir um einen stillen Genuß zu tun war, Dein alter Schul-Horaz, in dem Du zuweilen eine Lieblingsode nachlasest, Dein Goethe, Dein Fontane, Dein Gottfried Keller, – all Deine Freunde, mit denen Du in raffiniert und genießerisch eingeteilten Stunden Zwiesprache hieltest – da liegen sie, Makulatur, nicht mehr wert, als ein Jahrgang Gartenlaube. Oder Deine Laute, Dein Klavier, Deine Violine – Wesen mit Seelen, die Deiner Seele vertraut waren, sie stehen und werden betastet, wie Sklaven auf dem Markt, und Du meinst, Dich selbst schänden diese andachtlos tastenden Finger durch körperliche Berührung.“ (AK 26. Juni 1914)
Die Stürme des 3. Januar 1915 und die allgemeine Zeitstimmung fängt Batty Weber mit Lichtmetaphern ein:
„Die kahlen Bäume leuchten mit dem Samt ihrer dünnen Mooshaut grün, gespenstisch in diesem zornigen Licht, das jeden Stamm, jede Hausfront brutal aus dem grauen Ganzen heraushebt, in winterlicher, fröstelnder Nacktheit an die Straße stellt, wie Sklavenhändler ihre lebendige Ware hüllenlos auf dem Markt feil bieten. Wunder von Farben und Plastik, die nur eine Vision sind, die nicht dauern können, weil die Nacktheit nicht auf die Straße gehört.“ (AK 3. Januar 1915)
Über die Schamlosigkeit mancher Marktbesucher beklagt sich ein Bauernmädchen in dem Beitrag vom 9. April 1915:
„Was bildet sich denn so einer ein! Er soll sich doch einmal vorstellen, er selber stünde mit in der Butterreihe, stundenlang, mit dem schweren Korb auf der Hüfte, und wir Mädchen von Bartringen oder Straßen oder Kirchberg gingen hinten und vorne schnuppernd an ihm vorbei, und er hätte das Gefühl, daß wir uns über seine abstehenden Ohren lustig machten‚ oder über seine schiefen Beine, oder über seine zu kurzen oder zu langen Hosen! Sagen Sie diesen Faulenzern, sie sollen sich einen andern Spazierweg aussuchen. Wir gehen nach Luxemburg auf den Butter- und nicht auf den Sklavenmarkt.“ (AK 9. April 1915)2
Diese Beschreibungen erinnern an Genredarstellungen im Werk von Jean-Léon Gérôme (1824-1904) oder Gustave Boulanger (1824-1882; vgl. Deissler 2008; Kepetzis 2017, 1707f.), in denen Exotik und Erotik im Vordergrund stehen. In seinem Werk Vente d’esclaves à Rome (1884, St. Petersburg) stellt Gérôme die Figur einer nackten Sklavin in den Mittelpunkt des Bildes (Abb. 2). Die zentrale Figur wird umringt vom Sklavenhändler, der seine „Ware“ anpreist, und den interessierten Käufern, die sich am Fuß des Podiums drängen. An der Seite warten bereits weitere Sklaven, zum Teil bereits entkleidet, auf ihren Verkauf.
Einen Sklavenverkauf in orientalischem Setting zeigt das Bild Le Marché d’esclaves aus dem Jahr 1866 (Clark Art Institute, Massachusetts, Abb. 3). Hier testet der Käufer die Qualität der Ware – auch in diesem Fall eine
nackte Sklavin –, indem er ihre Zähne betastet. Auch Gustave Boulanger zeigt in seinem Werk Le Marché aux esclaves (original: Un Maquignon d'esclaves à Rome; 1866, Privatsammlung, Abb. 4) eine Verkaufsszene in einem antiken Ambiente. Dargestellt sind auf einem Podium eine Reihe von Sklaven und Sklavinnen unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen Stadien der Entblößung. Der antike Aspekt wird noch durch die Schilder, die tituli, unterstrichen, die manche der Sklaven um den Hals tragen und auf denen körperliche und charakterliche Merkmale verzeichnet sind. Eine Inschrift informiert den Betrachter, dass es sich bei der Person, die breitbeinig am Rand des Podiums sitzt und sich mit den Fingern Essen in den Mund schiebt, um den Sklavenhändler Storax, Storax servorum mango, handelt.
Batty Weber und die Sklaverei
Welche Verbindungen bestehen nun zwischen Batty Weber und der antiken bzw. der modernen Sklaverei? Am Beispiel der Sklaverei zeigt sich, wie sich seine Ausbildung und sein beruflicher Lebensweg in seinem Werk niederschlagen (vgl. Weber 1939; Marson 2025): Seine Kenntnisse der lateinischen Literatur verdankt er seiner Ausbildung am Athenäum und im Konvikt in Luxemburg sowie seinem Studium der Philologie. 1881 beginnt er sein Studium in Berlin und besucht dort auch Seminare in lateinischer Philologie bei Johannes Vahlen. Bereits ein Jahr später wechselt er an die Universität Bonn, bevor er nach Luxemburg zurückkehrt, wo er in den Staatsdienst eintritt. Von1893 bis 1922 ist er Chefedakteur der Luxemburger Zeitung, neben kulturellen Beiträgen verfasst er auch feuilletonistische und politische Artikel. Die Entwicklungen im Kongo, der „unsern jungen Landsleuten im Kongo eine willkommene Möglichkeit des Fortkommens eröffnet“, wird er daher vermutlich ebenso verfolgt haben wie die Kongo-Konferenz in Berlin von 1884/85 oder die Brüsseler Antisklavereikonferenz von 1889/90. Am Ende stellt sich die Frage, weshalb Weber wiederholt auf Darstellungen der grausamen Behandlung von Sklaven durch Kleopatra oder auf Szenen eines Sklavenmarkts zurückgreift. Lässt sich seine Faszination durch das zu seiner Zeit weit verbreitete Interesse am Orient erklären? So verweist er beispielsweise an anderer Stelle auf Gustave Flauberts Roman Salammbô (vgl. AK 31. Dezember 1915), der den Söldneraufstand nach Karthagos Niederlage im Ersten Punischen Krieg thematisiert. Oder ist es das Motiv der Sklaverei, das ihm vor Augen steht? Möglicherweise wecken die zeitgenössischen Debatten um moderne Formen von Sklaverei und Sklavenhandel in den Kolonien in ihm Assoziationen zu antiken Darstellungen, wie er sie aus dem Studium klassischer Autoren kennt. Sind diese Bilder und Metaphern für ihn bloß literarisches Stilmittel – oder verfolgt er mit ihrer wiederholten Verwendung auch eine didaktische oder kritische Absicht? Auch wenn sich an dieser Stelle keine eindeutigen Antworten finden lassen, werfen die Fragen, die sich aus der Analyse ergeben, ein erhellendes Licht auf Webers Leben und Schreiben.
Literaturverzeichnis
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- Binsfeld, Andrea. Dominus and Tyrannos? Narratives of Slavery in the Political Discourse of Late Antiquity. EB-Verlag, 2021.
- Cassius Dio. Römische Geschichte. Übersetzt von Otto Veh. 2., überarbeitete Auflage. Akademie Verlag, 2012.
- Deissler, Johannes. „Realitätsgetreues Abbild oder künstlerische Interpretation eines römischen Sklavenverkaufs? Zu Jean-Léon Gérômes Vente d’esclaves à Rome“ Menschenraub, Menschenhandel und Sklaverei in antiker und moderner Perspektive. Ergebnisse des Mitarbeitertreffens des Akademievorhabens „Forschungen zur antiken Sklaverei“ (Mainz, 10. Oktober 2006), herausgegeben von Heinz Heinen. Steiner, 2008, S. 183-194.
- Delacampagne, Christian. Die Geschichte der Sklaverei. Aus dem Französischen von Ursula Vones-Liebenstein. Artemis und Winkler, 2004.
- De Wet, Chris. De Unbound God. Slavery and the Formation of Early Christian Thought. Routledge, 2018.
- Gautier, Théophile. Une Nuit de Cléopâtre. A. Ferroud, 1894.
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- Gruen, Erich. Rethinking the Other in Antiquity. Princeton University Press, 2012.
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- Kinet, Ruth. „Licht in die Finsternis“. Kolonisation und Mission im Kongo, 1876-1908. Kolonialer Staat und nationale Mission zwischen Kooperation und Konfrontation. Lit, 2005.
- Marson, Pierre. „Batty Weber“. Luxemburger Autorenlexikon, aktualisiert am 7. März 2025, https://www.autorenlexikon.lu/page/author/179/1791/DEU/index.html. Zugriff am 1. Mai 2025.
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- Montclos, Xavier de. „Charles Lavigerie“. Gestalten der Kirchengeschichte. Die neueste Zeit II, herausgegeben von Martin Greschat. Kohlhammer, 1985, S. 196-207.
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- O.A. „Zur Frage der Sklaverein in Afrika“. Luxemburger Wort 41 (19[4]), 12. Juli 1888, S. 2.
- Plutarchus. Grosse Griechen und Römer. Band 5. Teilweise eingeleitet und übersetzt von Konrat Ziegler und Walter Wuhrmann. Artemis, 1954.
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- Said, Edward W. Orientalismus. S. Fischer, 2009.
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- Schrapel, Thomas. Das Reich der Kleopatra: quellenkritische Untersuchungen zu den „Landschenkungen“ Mark Antons. THF, Verlag Trierer Historische Forschungen, 1996.
- Seneca, Lucius Annaeus. Epistulae morales ad Lucilium/Briefe an Lucilius/(Set Seneca, Briefe an Lucilius I+II, Tusculum). Aus dem Lateinischen von Gerhard Fink. De Gruyter, 2022.
- Šterbenc Erker, Darja. „Kleopatra, Imperialismus und Orientalismus: Ungezähmte Orientalin, tapfere Herrscherin oder elegische Herrin?“ Ars & humanitas 16 (1), 2022, S. 131-164.
- Vergil. Aeneis: Lateinisch-Deutsch, herausgegeben und übersetzt von Niklas Holzberg. De Gruyter, 2015.
- Weber, Batty. „Batty Weber erzählt seine Lebensgeschichte“. Luxemburger illustrierte Wochenschrift 47, 19. November 1939, S. 2-5.
- Wyke, Maria. The Roman Mistress: Ancient and Modern Representations. Oxford University Press, 2002.
Anmerkungen
- 1 Die Sigle AK steht für den Abreißkalender von Batty Weber, hier und nachfolgend zitiert nach Gilles und Millim 2017.
- 2 Batty Weber greift auch noch an anderer Stelle das Bild vom Sklavenmarkt auf, so am 16. Dezember 1916: „Wenn du so in Büscheln da stehst zur Augenweide der Passanten, stehst du wie auf einem Sklavinnenmarkt!“ (AK 16. Dezember 1916), und am 10. Mai 1919: „Nur ab und zu haben sie an der Straße entlang ein paar Bäume und Bäumchen stehen lassen, gleichsam als durchsichtigen Schleier für die nackte Walderde, die sie wie eine Sklavin zum Verkauf auf dem Markt an die Straße gestellt haben.“ (AK 10. Mai 1919) Vgl. zum Sklavenhandel AK 21. September 1930.