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Bildet Banden!: Bildet Banden! Eine syndikalistische Perspektive auf die akademische Celebritykultur

Bildet Banden!
Bildet Banden! Eine syndikalistische Perspektive auf die akademische Celebritykultur
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Notes

table of contents
  1. Book Cover
  2. Title Page
  3. Editorial
  4. Bildet Banden! Eine syndikalistische Perspektive auf die akademische Celebritykultur

Bildet Banden! Eine syndikalistische Perspektive auf die akademische Celebritykultur

c:hum

1Die Ironie der Situation entging uns nicht, als wir im Oktober 2024 an der ULB Darmstadt unseren Vortrag zur „Anarchistischen Wissen(schaft)spraxis“ im Rahmen der Tagung „Reputation ohne Paywall?“ präsentierten,1 denn die Konferenz selbst war ein gutes Tableau derjenigen Mechanismen, die wir zu dekonstruieren suchten: die subtile Choreographie der Panels, die fast unmerkliche Hierarchie zwischen „Impulsvorträgen“ und regulären Beiträgen, die rituelle Inszenierung akademischer Autoritätsproduktion in den Fishbowl-Diskussionen. Besonders faszinierend war für uns die Art, wie selbst die kritische Auseinandersetzung mit Reputationsmechanismen diese gleichzeitig reproduzierte - ein Phänomen, von dem wir selbst uns auch kaum freisprechen können, da unsere Kritik aus einer vergleichsweise privilegierten akademischen Perspektive heraus geäußert wird.

2Die Reproduktion solcher Machtstrukturen der Reputation beschränkt sich keineswegs auf das Format wissenschaftlicher Tagungen. Wie tief die hierarchische Logik in den Strukturen der Wissenschaft verankert ist, zeigt sich exemplarisch am FU-Lexikon der Freien Universität Berlin2. Lanciert im Dezember 2024, liefert es eine geradezu lehrbuchhafte Demonstration der akademischen Reputationslogik. Unter dem Deckmantel eines „umfassenden Who is Who von Hochschulpersönlichkeiten“ reduziert es einerseits die lexikonwerten Personen auf Führungskräfte (Professor:in, Gastdozent:in oder Kanzler:in) und privilegiert andererseits Publikationen als Marker dieses Who-is-Who, während Lehr- und Archivtätigkeiten in eine nebulöse Zukunft3 verschoben werden. Hier spiegelt sich die grundlegende Asymmetrie des akademischen Betriebs wieder: Die vermeintlich objektive Dokumentation wissenschaftlicher Biografien fungiert als Instrument zur Fortschreibung etablierter Machtstrukturen – die Gleichung „wissenschaftliche Relevanz = Publikationsoutput + Statusposition“ wird nicht etwa analysiert, sondern durch die Struktur der Datenbank als selbstverständlich gesetzt.

3In derartigen institutionellen Praktiken, ob Konferenzritual oder Datenbankkuratierung, verdichtet sich für uns die Figur des „akademischen Celebrity-Phantoms“ – jene eigentümliche Fusion von Person, Position und projizierter Autorität, die den wissenschaftlichen Betrieb durchzieht. Es ist mehr als nur eine Metapher: Das Phantom beschreibt genau den Schwebezustand zwischen materieller und symbolischer Existenz, zwischen quantifizierbarer Metrik und imaginierter Strahlkraft, der die akademische Reputationsökonomie kennzeichnet. Dieses Phantom, dem wir in diesem Essay nachspüren und das wir einer Dekonstruktion unterziehen wollen, markiert den Punkt, an dem die neoliberale Transformation der Wissenschaft auf tradierte akademische Hierarchien trifft. In ihm verdichten sich die Widersprüche zwischen der fundamental kollektiven Natur wissenschaftlicher Erkenntnis und ihrer zunehmend individualisierten, kompetitiven Organisation.

Die Academic Celebrity: Anatomie eines Phantoms

4Das akademische Celebrity-Phantom, das wir hier analysieren möchten, spukt in einem Geflecht aus institutionellen Praktiken, symbolischen Zuschreibungen und materiellen Ressourcenflüssen. Unsere Analyse fokussiert dabei – aus unserer eigenen fachlichen Verortung heraus – primär auf die Geisteswissenschaften, wenngleich die grundlegenden Mechanismen der Phantomproduktion vermutlich auf andere Wissenschaftsbereiche übertragbar sind. Die scharfe Trennung und Kategorisierung in Disziplinen erweist sich dabei ohnehin vielleicht als konstitutives Werkzeug auf dem Weg zur akademischen Celebrity: Die Fragmentierung des Wissenschaftsbetriebs leistet der Herausbildung disziplinärer Deutungshoheiten systematisch Vorschub, und schafft so die Voraussetzungen für die Entstehung akademischer Mikro-Celebrities mit klar umrissenen Herrschaftsgebieten.

5Die Genese des Phantoms lässt sich gut anhand einer typischen akademischen Karriere nachzeichnen. Bereits die frühe akademische Sozialisation im Studium etabliert jene Dispositionen, die für die spätere Phantom-Existenz konstitutiv sind: Die strategische Orientierung an akademischen „Strahlfiguren“ – etablierten Professor:innen, die gleichzeitig als Role Models und Gatekeeper fungieren – ist dabei mehr als karrieretaktisches Kalkül; in ihr kommt die grundlegende Logik akademischer Reputationsproduktion zum Tragen, nämlich Verquickung individueller Förderbeziehungen mit der Reproduktion institutioneller Hierarchien. Über studentische Mitarbeiter:innentätigkeiten und strategisch abgestimmte Qualifikationsarbeiten sichern sich künftige „Celebrities“ früh einen Nachrückplatz im System des wissenschaftlichen „Nachwuchs“ – wobei die thematisch-methodische Kongruenz mit dem Profil der Förder:innen und die Fortschreibung etablierter Denklinien wichtiger erscheint als Innovation und Disruption.

6Die Phantom-Werdung intensiviert sich in der Phase nach der Promotion, wo die Prekarisierung des akademischen Mittelbaus eine spezifische Form der Subjektivierung erzwingt: In einem System knapper Ressourcen und eng definierter Erfolgspfade wird das eigene Wissen zum wertvollen Gut. Veröffentlichungen erfolgen erst nach perfekter Kuration, eingebettet in die kryptische Sprache akademischer Distinktion. Das berüchtigte „I have a minor comment“ auf Konferenzen signalisiert dabei jene charakteristische Ambivalenz zwischen inszenierter Bescheidenheit und dem Anspruch auf Deutungshoheit, die das Celebrity-Phantom auszeichnet. Begriffe wie „Inklusion“ oder „Open Science“ verkommen zu modischen Dropwords in Drittmittelanträgen, während „Publish or Perish“ die eigentliche Handlungsmaxime bildet. Für eine anteilige Vollzeitstelle opfert die „Celebrity“ nicht nur ihr Privatleben, schließlich ist Wissenschaft eine „Berufung“, kein ordinärer Beruf – sie internalisiert auch jene Logik individueller Exzellenz, die gewerkschaftliches Engagement als Zeitverschwendung und kollektive Organisierung als Gefährdung der eigenen Karriereoptionen erscheinen lässt.

7Der finale Akt dieser Phantomwerdung vollzieht sich im von professoraler Stimmenmehrheit dominierten Berufungsverfahren: Mit einem Portfolio aus „exzellenter“ Forschung, drittmittelstarkem Profil und imposanter Publikationsliste geht die neue „Celebrity“ aus der „Bestenauslese“ hervor. Die vormalige Adeptin wird nun selbst zur Projektionsfläche akademischer Sehnsüchte, ihr Name zum Signifikanten institutioneller Macht. Die Lehre, für die es bezeichnenderweise keinen Impact Factor gibt, delegiert sie an jenen Nachwuchs, dessen Subjektivierung sie nun selbst überwacht. Das Phantom ist damit vollständig: Es existiert weniger als konkrete Person denn als Kristallisationspunkt jener Praktiken, die wissenschaftliche Arbeit in individuelle Reputation transformieren.

8Die strukturelle Logik dieser Phantom-Produktion lässt sich exemplarisch an zwei paradigmatischen Karrieren der jüngeren Wissenschaftsgeschichte nachzeichnen: Bruno Latours Weg vom kontroversen Science-and-Technology-Studies-Forscher zur globalen Theorieinstanz4 und Donna Haraways Transformation von der feministischen Interventionistin zur diskursiven Randfigur mit Kultstatus5 illustrieren dabei unterschiedliche Modi der akademischen Statusproduktion. Während Latours frühe Laborstudien ihre provokative Kraft durch sukzessive institutionelle Integration in einen distinktiven Markenkern verwandelten – kulminierend in der prestigeträchtigen Position an der Sciences Po Paris –, entwickelte Haraways „Cyborg Manifesto“ seine Wirkung gerade durch die Rezeption in den Marginalzonen des Wissenschaftsbetriebs: in feministischen Kollektiven, Kunstdiskursen und Science-Fiction-Communities. Diese divergenten Muster der Reputationsakkumulation – hier die klassische Konversion symbolischen Kapitals in institutionelle Macht, dort die produktive Peripherisierung theoretischer Intervention – verweisen unter Umständen auch auf die geschlechtsspezifischen Selektionsmechanismen des akademischen Feldes: Während „männlich“ kodierte Formen der Intellektualität (rational, universalistisch, institutionell) den direkten Weg ins Zentrum der Deutungsmacht ebnen, werden „weiblich“ markierte Theorieproduktionen (körperbezogen, partikular, dissident) systematisch an die Ränder des akademischen Establishments gedrängt – wo sie interessanterweise gerade durch ihre Marginalität eine Form des Aufmerksamkeitskapitals generieren.

9Diese divergenten Formen der Phantom-Produktion werden durch eine spezifische materielle Infrastruktur ermöglicht und stabilisiert. Die wissenschaftlichen Großverlage – Elsevier, Springer Nature und ihre oligopolistischen Geschwister – fungieren dabei als zentrale Apparate einer Reputationsökonomie, die wissenschaftliche Arbeit in quantifizierbare Distinktionsmarker übersetzt. In ihren digitalen Festungen implementieren sie jene Metriken und Evaluationsregime, die das diffuse Phantom akademischer Exzellenz in scheinbar objektive Kennzahlen transformieren. Der „homo academicus calculans“ erscheint hier weniger als souveränes Subjekt denn als Effekt einer technisch-institutionellen Maschinerie, die Forschung in Impact-Faktoren, Zitationsindizes und Altmetrics übersetzt. Wer einmal in diese Infrastruktur der Reputationsproduktion eingeschrieben ist, profitiert von einer Art Matthäus-Effekt: Die bloße Präsenz des Namens generiert weitere Sichtbarkeit, während alternative Formen wissenschaftlicher Praxis an den Rändern des Systems verkümmern.

10Die eigentliche Wirkmacht des Celebrity-Phantoms entfaltet sich jedoch erst in der affektiven Ökonomie der Academia: in jener merkwürdigen Mischung aus Ehrfurcht und Ressentiment, mimetischem Begehren und strategischer Unterwerfung, die das Verhältnis zu akademischen „Strahlfiguren“ prägt. Die digitalen Kommunikationsplattformen intensivieren diese libidinöse Dimension wissenschaftlicher Autoritätsproduktion: Auf #eXit und Bluesky 6 mutieren theoretische Fragmente zu Mikro-Ereignissen, deren quasi-religiöse Rezeption die alte Asymmetrie wissenschaftlicher Deutungsmacht in die Hyperbeschleunigung sozialer Medien überführt. Das Phantom gewinnt hier eine eigentümliche Körperlosigkeit, die seine materielle Basis in den Hintergrund treten lässt, und gerade dadurch seine strukturelle Macht verstärkt.

11An dieser Stelle müssen wir innehalten und unsere eigene analytische Praxis kritisch reflektieren: Ausgerechnet in dem Versuch, die Mechanismen der akademischen Celebritisierung zu dekonstruieren, greifen wir auf jene biografischen Erzählmuster zurück, die wir eigentlich problematisieren wollen. Wenn wir „Latour“ und „Haraway“ als Referenzpunkte aufrufen, reproduzieren wir genau jene Personalisierung wissenschaftlicher Arbeit, deren Effekte wir aufzudecken versuchen. Diese Spannung verweist auf ein grundlegenderes Problem: Wie lässt sich über die kollektive Natur wissenschaftlicher Erkenntnis sprechen, ohne in die ausgetretenen Pfade akademischer Heldenerzählungen zurückzufallen? Vielleicht liegt die Antwort darin, diese Narrative anders zu lesen – nicht als Erfolgsgeschichten einzelner Genies, sondern als Symptome kollektiver Wissenspraktiken, die im Phantom der akademischen Celebrity gleichzeitig ihre Verdeckung und ihre Spur finden.

Die Ă–konomie des akademischen Aufmerksamkeitskapitals

12Die digitalen Ökosystemen akademischer und weniger akademischer Kommunikation – von Bluesky bis LinkedIn – führen etwas Elementares vor Augen: Der akademische Aufmerksamkeitsmarkt funktioniert als ein hochkompetitives Feld, in dem wissenschaftliche Reputation nicht mehr nur durch klassische Publikationen, sondern durch eine Verschränkung medialer Sichtbarkeiten generiert wird. Wissenschaftler:innen navigieren heute zwischen traditionellen Publikationsformaten und algorithmisch gesteuerten Aufmerksamkeitsökonomien, wobei jeder Beitrag, jede Intervention, simultan in verschiedenen Bewertungssystemen zirkuliert. Der Zeitschriften-Impactfaktor konvergiert mit Social-Media-Reichweiten, akademische Reputation misst sich an Zitationsindizes und Follower-Zahlen. Diese Verschränkung produziert eine neue akademische Subjektivität – die „always-on“-Akademiker:innen, permanent verbunden, getaktet von Benachrichtigungen und Newsfeeds, getrieben von der Angst, relevante Diskurse zu verpassen oder unsichtbar zu werden. Die psychosozialen Kosten dieser Aufmerksamkeitsökonomie sind erheblich, aber sie erscheinen im System akademischer Reputationsbildung als notwendige Investition in die eigene Marke und Personality.

13Wer die materiellen Grundlagen dieser akademischen Aufmerksamkeitsökonomie unter die Lupe nimmt, stößt unweigerlich auf die technopolitischen Hebel wissenschaftlicher Reputationsbildung: Plattformen wie Academia.edu oder ResearchGate haben sich als Knotenpunkte akademischer Aufmerksamkeitssteuerung etabliert, die durch ihre Metriken, Algorithmen und Benachrichtigungssysteme bestimmte Formen der Wissenschaftskommunikation privilegieren und andere marginalisieren. Wenn uns etwa der Academia.edu-Algorithmus täglich die „Top 3% Papers in Cultural Studies“ ausspielt, vollzieht sich mehr als eine simple Sortierung: Er installiert Wissenshierarchien und formt die Vorstellungshorizonte dessen, was als relevant gilt. Dabei generieren diese digitalen Architekturen der Sichtbarkeit eine eigentümliche Temporalität des Permanentaufmerksamseins: Jede Aktualisierung wird zur potenziellen Kapitalakkumulation, jeder Moment der Nicht-Beachtung zum impliziten Wertverlust. „Reads“ (Academia.edu), „Scores“ (ResearchGate), „Attention“ (Altmetric) oder auch Referenzen und Erwähnungen im Wikiversum konstituieren ein Messsystem, das längst in institutionelle Evaluationsprozesse eingesickert ist und wissenschaftliche Reputation neu kalibriert.

14Die politische Architektur akademischer Aufmerksamkeit lässt sich nirgends besser ablesen als an den Hierarchien der Sichtbarkeiten: Theoretische Texte werden zu medialen Ereignissen, die weit über ihre ursprüngliche Erkenntnisfunktion hinausragen. Betrachten wir etwa die bemerkenswerte Karriere des Textes „The Sublime Object of Ideology“ (Slavoj Žižek, 1989) – ein Text, der Lacansche Psychoanalyse mit popkulturellen Referenzen so virtuos synthetisiert, dass er nicht nur theoretische Grenzen verwischt, sondern ein ganzes Gravitationsfeld akademischer Aufmerksamkeit inklusive Nachahmer generiert. Seine Wirkung entfaltet sich nicht primär durch analytische Tiefe, sondern durch die Brillanz performativer Grenzüberschreitungen: Jede Passage oszilliert zwischen wissenschaftlicher Intervention und medialer Attraktivität. Ähnliche Mechanismen zeigen sich in Großexperimenten wie den Stanford Prison Experiments: Nicht methodische Stringenz, sondern dramaturgische Eindeutigkeit wird hier zum Resonanzverstärker. Die moralische Zuspitzung überlagert die erkenntnistheoretischen Nuancen und verwandelt wissenschaftliche Beobachtung in ein kulturelles Spektakel. In solchen Konstellationen werden wissenschaftliche Texte zu Infrastrukturen der Aufmerksamkeit: Sie produzieren nicht nur Wissen, sondern koordinieren Sichtbarkeitsökonomien, in denen provokante Gesten oder mediale Anschlussfähigkeit zum zentralen Kapital werden.

15Widerstand gegen akademische Aufmerksamkeitsökonomien entfaltet sich in Praktiken der Disruption und Verlangsamung. Sarah Ahmed verkörpert diesen Widerstand als „feminist killjoy“ – eine Figur, die institutionelle Selbstbeschönigungsnarrative systematisch durchkreuzt. Wenn „On Being Included“ (2012) minutiös die Mikroaggressionen und strukturellen Diskriminierungsmechanismen innerhalb akademischer Institutionen seziert, widerstehen der Text und die Autorin nicht nur der Verwertungslogik schneller theoretischer Interventionen, sondern stellen die Selbstbeschreibungspraxen institutioneller Macht bloß. Ähnlich arbeitet „The Mushroom at the End of the World“ (Anna Tsing, 2015) gegen die Beschleunigungsimperative wissenschaftlicher Produktion: Diese ethnografische Forschung zum Matsutake-Pilz demonstriert eine Wissenschaftspraxis der geduldigen Beobachtung und theoretischen Zurückhaltung. Sie unterwandert akademische Sichtbarkeitsregime, indem sie Wissensproduktion als langsamen, relationalen Prozess begreift – jenseits von Metriken und Least-publishable-Unit-Publikationszwängen. Kollektive wie „Precarias a la Deriva“ in Madrid radikalisieren diese Widerstandsstrategien: Sie entwickeln Forschungspraktiken, die nicht auf unmittelbare Verwertbarkeit zielen, sondern Wissenschaft als horizontalen, prozessorientierten Dialog begreifen; ihre Methoden destabilisieren die vertikalen Hierarchien akademischer Wissensproduktion.

16Die zunehmende Plattformisierung wissenschaftlicher Kommunikation droht solche Widerstandsformen weiter zu marginalisieren. Wenn ResearchGate einen methodologischen Kommentar sofort in „Impact Points“ übersetzt, transformiert die Plattform komplexe Reflexionen in algorithmische Datenpunkte. Die epistemische Gewalt liegt dabei nicht nur in der Quantifizierung, sondern auch in der kaum merklichen Formatierung: Längere Argumentationen werden durch die Interfacegestaltung zugunsten kurzer „Highlights“ verdrängt, theoretische Nuancen durch „Engagement Metrics“ vereindeutigt. Plattformen wie Academia.edu mögen einst mit dem Versprechen einer „demokratischen“ Wissenschaftskommunikation angetreten sein, aber sie implementieren ein Regime, das schnelle Interventionen bevorzugt und geduldige Exploration unsichtbar macht. Der Widerstand besteht darin, diese Logiken permanent zu unterbrechen – durch Langsamkeit, Kollektivität und die Verweigerung eindeutiger Zurichtung.

Netzwerk kontra Hierarchie: Syndikate in der Wissenschaft als Idee

17Die Genealogie des akademischen Celebrity-Phantoms und die Analyse der wissenschaftlichen Aufmerksamkeitsökonomie haben die Verflechtung materieller und symbolischer Herrschaftsstrukturen im akademischen Feld offengelegt: Der methodisch eingeübte Habitus des „homo academicus calculans“, die infrastrukturelle Macht der Wissenschaftsverlage und die affektive Ökonomie akademischer Reputation stabilisieren ein System, das individuelle Karrierestrategien belohnt und kollektive Arbeitsformen erschwert. Die systemischen Defizite dieses Arrangements – von der Prekarisierung des sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchses bis zur epistemischen Verarmung durch metrische Evaluationsregime – verweisen auf die Notwendigkeit, wissenschaftliche Produktionsverhältnisse grundlegend anders zu denken. Hier ist ausdrücklich keine oberflächliche Reform innerhalb bestehender Machtstrukturen gemeint, zumal die beschriebenen Pathologien wissenschaftlicher Praxis nicht kontingente Fehlentwicklungen, sondern systematische Effekte einer spezifischen Organisation akademischer Arbeit darstellen. Der durch das Narrativ der „Bestenauslese“ zementierten Logik egoistischer Karriereplanung muss ein kollektivistisches Prinzip entgegengesetzt werden, das die Gemeinnützigkeit von Forschung und das solidarische Prinzip zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wieder zum zentralen Paradigma erhebt. Eine Transformation kann also nicht von einzelnen Akteur:innen ausgehen - dies würde das Narrativ individueller Heroisierung nur reproduzieren. Vielmehr bedarf es einer systematischen Rekonfiguration der Organisationsformen wissenschaftlicher Arbeit selbst. Ein historisch erprobtes Modell für eine solche Transformation findet sich zum Beispiel im Syndikalismus, der nicht nur auf eine Reform bestehender Machtstrukturen zielt, sondern auf deren Überwindung durch kollektive Selbstverwaltung und die konsequente Enthierarchisierung der Produktion.

18Der Syndikalismus entstand Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts als radikale Strömung innerhalb der Arbeiter:innenbewegung und bot von Beginn an eine Alternative zu reformistischen und sozialdemokratischen Gewerkschaftsstrategien. Statt lediglich bessere Bedingungen innerhalb der bestehenden Klassenhierarchie zu erkämpfen, zielten syndikalistische Organisationen wie die Confederación Nacional del Trabajo (CNT) in Spanien oder die Industrial Workers of the World (IWW) in den USA auf eine umfassende Transformation der Produktionsverhältnisse. Wesentlich hierfür war die Idee, dass sich die Arbeiter:innen nicht auf die Gunst politischer Parteien oder staatlicher Institutionen verlassen, sondern ihre Angelegenheiten durch direkte Aktionen (Streiks, Sabotage, kollektive Verweigerung) eigenständig regeln sollten. Das langfristige Ziel war die Übernahme der Produktionsmittel durch föderierte Syndikate, die sich nach Branchen oder Tätigkeitsfeldern zusammenfinden. Diese syndikalistische Föderationslogik hatte den Anspruch, Hierarchien zwischen Arbeit und Kapital – und perspektivisch auch den Staat als übergeordnete Instanz – abzuschaffen.

19Eine der zentralen Ideen des Syndikalismus ist die konsequente Selbstverwaltung. Dieses Prinzip geht davon aus, dass alle Beteiligten ihre Angelegenheiten selbst organisieren und eigenständig über Arbeitsabläufe, Verteilung von Aufgaben und Ziele entscheiden. Statt auf vorgefertigte Autoritätsfiguren zu setzen, gründet sich die Legitimität von Entscheidungen auf den gemeinsamen Aushandlungsprozessen aller involvierten Personen. Dazu gehört, dass Verantwortung – im Sinne eines solidarischen Miteinanders – nicht nach oben delegiert, sondern von der Gruppe gemeinschaftlich getragen wird. Auf diese Weise kann das gesamte Kollektiv an der Gestaltung der Produktions- und Lebensbedingungen teilhaben, was zu einer höheren Identifikation mit den eigenen Tätigkeiten führt. Als zweiter Kernaspekt knüpft daran die Idee der Föderation an: Einzelne selbstverwaltete Einheiten schließen sich zu einem Netzwerk zusammen, um Ressourcen zu teilen, sich überregionale Belange zu erschließen und politische oder organisatorische Fragen auf einer breiteren Ebene zu verhandeln. Diese Föderationsstruktur dient weniger dazu, eine neue Zentrale zu etablieren, sondern ermöglicht es, dass jede Gruppe weitgehend autonom agiert, aber dennoch Teil eines größeren Verbunds ist, in dem man sich wechselseitig unterstützt und Wissen austauscht.

20Ergänzend zu diesen beiden Grundlagen tritt das Bestreben hinzu, Hierarchien aufzubrechen. Die Enthierarchisierung zielt darauf ab, strukturelle Ungleichgewichte zwischen den Mitgliedern eines Kollektivs auszuräumen, sodass etwa Expertisen, Erfahrungen und Fähigkeiten nicht automatisch in feste Rangordnungen münden. Natürlich kann es funktionale Rollen geben, doch entscheidend ist, dass ihnen keine dauerhafte Machtposition zugeschrieben wird. Eine temporäre Aufgabe – beispielsweise die Koordination eines Projekts – geschieht im Einvernehmen aller, wobei jederzeit ein Wechsel oder eine gemeinsame Evaluation möglich ist. Mit diesem Vorgehen soll verhindert werden, dass sich autoritäre Strukturen verfestigen. Untrennbar damit verbunden ist schließlich die Solidarität als vierter Kernaspekt: Anstatt im Wettbewerb zu stehen, betrachten syndikalistische Konzepte den Zusammenhalt und die wechselseitige Unterstützung der Gemeinschaft als wesentliche Triebfedern ihrer Organisationsweise. Solidarität erstreckt sich dabei nicht nur auf die Gruppe selbst, sondern auch auf umliegende Kollektive, die miteinander kooperieren – sei es durch materielle Hilfe, Wissensaustausch oder politische Zusammenarbeit. Auf dieser Grundlage kann ein Umfeld geschaffen werden, in dem – statt individueller Profit- oder Karrierelogik – wechselseitige Verantwortung und Fürsorge zum Motor aller Prozesse werden.7

21Will man die vier Kernaspekte syndikalistischer Organisation – und es gäbe sicherlich noch mehr – auf den Wissenschaftsbetrieb übertragen, so stößt man unmittelbar auf ein Spannungsverhältnis zwischen offizieller Selbstdarstellung und tatsächlichen Machtstrukturen. Akademische Institutionen inszenieren sich gern als Orte kollegialer „Teamarbeit“. Von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bis zu Exzellenzclustern und -Verbünden prägen Stichworte wie „Gruppe“, „universitas“ und „Gemeinschaft“ Selbstbeschreibungen und Förderlogiken. Gleichzeitig zeigt aber schon ein Blick auf die Ressourcenzuteilung, Titelhierarchien und disziplinären Prestigezonen, dass von wechselseitiger Verantwortung und kollektiver Verwaltung keine Rede sein kann. Status, Reputation und Abhängigkeiten von Projektleitenden oder Professor:innen prägen faktisch das Geschehen. Während die Befehlsketten im Hintergrund klar definiert sind, tritt an die Stelle einer Selbstbestimmung oft nur ein symbolischer Verweis auf „Teamgeist“, „Kollaboration“ und „Kooperation“. Föderation im eigentlichen Sinne, also ein Zusammenschluss eigenständiger Einheiten auf Augenhöhe, ist durch die Dominanz weniger Elite-Institutionen oder bekannter „Leuchtturm“-Institute eher eine Illusion. Statt Enthierarchisierung bleibt die Verfestigung bewährter Rangordnungen – ob zwischen „Nachwuchs“ und „Etablierten“ oder zwischen Ivy League und „Provinzhochschulen“. Was im Vokabular der Öffentlichkeitsarbeit als „kollegiale Vernetzung“ auftritt, ist im Alltag vieler Labs und Forschungsgruppen auch nur Konkurrenzkampf um Drittmittel, Publikationspunkte oder den nächsten zweijährigen Vertrag. Einem solidarischen Miteinander, das gerade auch die soziale Sicherheit und Anerkennung aller Mitwirkenden einschließt, stehen damit institutionalisierte Mechanismen entgegen, die letztlich den Einzelnen dazu bringen, sich in den Dienst der eigenen Profilierung zu stellen.

22Die vielfältigen Hindernisse für eine syndikalistische Neugestaltung der Wissenschaft lassen sich grob in drei Dimensionen verorten: der strukturell-materiellen, der institutionell-organisatorischen und der affektiven bzw. habitusspezifischen. Erst in ihrem Zusammenspiel zeigen sie, wie tief verwurzelt die bestehenden Machtlogiken sind, und wie komplex die Aufgabe ist, sie aufzubrechen.

23Wer sich in der akademischen Welt bewegt, ist zunächst mit prekären Arbeitsverhältnissen, Kurzzeitverträgen und der oft beschönigten Realität wissenschaftlicher Lohnarbeit konfrontiert. Viele können es sich schlicht nicht leisten, aus den etablierten Reputationsmechanismen auszusteigen, weil ihr beruflicher Fortbestand von Publikationslisten, Drittmittelprojekten oder einem gelungenen „Profil“ abhängt. Die Rede von der Wissenschaft als „Berufung“ verschleiert dabei nur notdürftig ihren Charakter als Lohnarbeit – wer die Spielregeln des akademischen Marktes nicht akzeptiert, riskiert die materielle Existenz; und ebendiese Existenzangst, die sich mit jedem perspektivisch auslaufenden Vertrag einstellt, wirkt als effektiver Mechanismus, um die Beteiligten an das System zu binden. Weiter verschärft wird diese Logik durch die Notwendigkeit, sich in einem engen Wettbewerb zu beweisen: Wer nicht mithält, wird häufig marginalisiert oder ganz ausgeschlossen. Denkbare Abhilfen könnten kooperative Finanzierungsfonds sein, die sich nicht an metrischen Kennzahlen orientieren, oder selbstverwaltete Peer-Strukturen, in denen Vertrauen und gemeinschaftlich gesetzte Standards zählen statt Impact Factors. Doch solange das Gros der Forschungseinrichtungen in einem marktförmigen Wettbewerb steht, bleibt eine solche Praxis auf wenige Nischen beschränkt.

24Unterhalb dieses formalen Wettbewerbs um Reputation und Exzellenz reproduzieren sich zudem schleichend alte Strukturen, etwa wenn nur große, förderstarke Institute in wichtigen Gremien Gehör finden, während finanziell schwächere Einrichtungen kaum Einfluss nehmen können. Reformansätze, die auf die Dekonzentration institutioneller Macht zielen – zum Beispiel die Bildung regionaler oder thematischer Föderationen anstelle der Fokussierung auf einige wenige „Leuchtturmuniversitäten“ –, stoßen darum häufig auf Widerstand. Gerade in dem Moment, wo sich institutionelle Netzwerke unabhängig von zentralen Vergabestellen, Evaluationsagenturen und hochschulpolitischen Leitungen koordinieren könnten, wird die vermeintliche Offenheit in Korsette neuer Regularien gezwängt. Ursprünglich lockere Kooperationen werden plötzlich zu streng reglementierten Exzellenz-Konsortien mit klaren Selektionskriterien; flexible Kooperationsvereinbarungen wandeln sich in starre Rahmenverträge. So können selbst vermeintlich progressive Konzepte wie partizipative Hochschulräte, alternative Akkreditierungssysteme oder Open-Science-Initiativen in ihrer praktischen Umsetzung dazu beitragen, den Statuswettstreit und die institutionelle Dominanz eher zu festigen. Indem neue Rituale, Berichts- oder Kennzahlensysteme etabliert werden, bleibt die Kernlogik – Publikationsdruck, Selektionsprozesse und hierarchische Machtverhältnisse – unangetastet.

25Einen besonders zähen Widerstand gegen syndikalistische Ideen bildet der akademische Habitus selbst: Wer jahrelang in einem System sozialisiert wird, das Status und individuelle Profilierung belohnt, entwickelt eine Haltung, in der Konkurrenzdenken, Rangordnungen und der Zwang, sich „durchzusetzen“ internalisiert werden. Diese verinnerlichten Strukturen sind hochwirksam, weil sie oft unsichtbar bleiben. Kaum jemand verkündet offiziell, dass Hierarchien toll sind, doch die meisten verhalten sich so, als seien sie selbstverständlich und natürlich. So zeigt sich zum Beispiel in vermeintlich „flachen“ Teams oder Gremien und Entscheidungsprozessen „unter Beteiligung aller Statusgruppen“ schnell, dass Professor:innenauftritte höheres Gewicht haben als die Argumente oder Erfahrungswerte anderer. Selbst Personen, die das alles kritisch reflektieren, geraten leicht in den Sog desselben Systems, weil der Reflex, sich mit Publikationen, Konferenzbeiträgen oder Projektleitungsrollen zu profilieren, zu tief sitzt. Eine geistreiche Polemik gegen Prekarisierung oder Exzellenz-Hypes wird dann ebenso zum Element der eigenen Karriereperformance, anstatt ganz konkret Solidaritätspraxen einzuleiten.

26Besonders perfide an diesem Mechanismus ist, dass er in einem ständigen Kreislauf aus Belohnung und Angst vor Statusverlust verankert ist. Wer sich mit Konformität arrangiert, wird mit Fördermitteln, Zitierhäufigkeit und Aussicht auf stabile Stellen belohnt; wer hingegen auf offene Konfrontation setzt, muss um Reputation und berufliches Fortkommen bangen – und sei die Kritik noch so berechtigt. Diese subtile Gewalt greift auch auf ebene der konkreten Wissensproduktion: Der akademische Habitus bevorzugt die singuläre Autor:innenschaft, huldigt der methodischer Strenge und disziplinärer Angrenzbarkeit und produziert eine unreflektierte Affinität zu metrischen „Beweisen“ von Qualität und Objektivität. Resultat ist eine bemerkenswerte Dissonanz: Man redet von Teamwork, von Transparenz und Verantwortung, klammert sich aber an ein Leistungsverständnis, das letztlich Einzelerfolge und individuelle Geltung maximiert. Eigentlich würde Enthierarchisierung bedeuten, nicht nur Rollen und Funktionen in Frage zu stellen, sondern auch das eigene Selbstbild als „herausragende“ Wissenschaftler:in auseinanderzunehmen. Solange das Bewusstsein dafür fehlt, dass Habitus und Wissensproduktion untrennbar zusammenhängen, kann kein Kollektivvertrag oder alternativer Peer-Review-Prozess die Logik akademischer Konkurrenz nachhaltig erschüttern.

27Zunächst scheint die digitale Transformation wissenschaftlicher Kommunikation einen Ausweg aus diesen eingefahrenen Strukturen zu eröffnen. Open-Access-Repositorien, E-Journals und Online-Konferenzen könnten theoretisch Transparenz und Teilhabe erhöhen, indem sie Wissenschaft vom kosten- und prestigeintensiven Publikations- und Konferenzbetrieb emanzipieren. Gleichzeitig ermöglicht die Vernetzung eine kollaborative Form von Forschung, in der Ideen frei zirkulieren und neue Kooperationsmodelle entstehen, ohne dass man physisch am selben Ort sein muss. Insofern steckt in digitalen Plattformen enormes Potenzial, wissenschaftliche Arbeit neu zu organisieren. Doch während manche Projekte tatsächlich radikale Alternativen entwickeln, nutzen viele Institutionen dieselben Werkzeuge, um die alten Hierarchien zu stabilisieren oder sogar zu verschärfen. Gerade in den vermeintlich „befreiten“ digitalen Räumen entstehen unverzüglich neue Statuslogiken. Universitäre Repositorien heben sich durch Design, Branding und institutionelle Zugehörigkeit ab, „golden“ Open-Access-Journale erfinden ihre eigenen Impact-Faktoren, und Publikationen auf vermeintlich unabhängigen Plattformen werden dennoch von den Blicken der „etablierten“ Community gesteuert. So bleibt selbst der Eintrag in ein kostenfreies Archiv oft an eine institutionelle Affiliation geknüpft, die mehr zählt als die eigentliche Forschungsqualität. Dank automatisierter Metriken und Sichtbarkeitsalgorithmen kann sich Kontrollmacht sogar noch unterschwelliger entfalten: Nicht nur, ob man publiziert, sondern wo, auf welcher Plattform und in welchem Format, wird zum Kriterium der Anerkennung. Selbst institutionelle Versuche wie Berlin University Publishing gliedern sich hier ein: Ihr Versprechen einer „nichtkommerziellen, wissenschaftseigenen“ Publikationsinfrastruktur reproduziert zentrale Mechanismen des akademischen Reputationssystems: Die Vorauswahl wird von einem wissenschaftlichen Beirat mit professoraler Mehrheit betroffen, die Qualitätskontrolle erfolgt durch klassische Peer-Review-Verfahren, die Publikationsformate orientieren sich an etablierten Prestigehierarchien von Monografien bis Sammelbänden, und die institutionelle Anbindung an den Exzellenzverbund der Berlin University Alliance (BUA) selbst wird zum Distinktionsmerkmal. Eine syndikalistische Gegenstrategie müsste hier die digitalen Infrastrukturen selbst gemeinschaftlich aushandeln und gestalten, statt nur noch mehr Technologie und Openness zu etablieren. Dabei könnten etwa föderierte Plattformen nach dem Vorbild des Fediverse oder neue Feedback-Systeme entstehen, in denen kollaboratives und gesellschafts- und wissenschaftsgemeinschaftsfähiges Potenzial im Vordergrund stehen.

28Die hier skizzierten Widerstände fördern nicht einfach „Fehlentwicklungen“ zu Tage, die es durch noch klügere Managementkonzepte oder zusätzliche Reformschübe zu beheben gälte. Sie führen vielmehr zu einer Grundsatzfrage: Inwiefern kann sich Wissenschaft als kollektives Projekt begreifen, wenn ihre Organisation von Konkurrenz, Statuslogik und institutionellem Machterhalt strukturiert ist? So lang dieser Widerspruch fortbesteht, geraten selbst gut gemeinte Ansätze – von der Open-Access-Bewegung bis zu partizipativen Hochschulräten – in den Sog etablierter Hierarchien und Reputationsmechanismen. Gerade an diesem Punkt aber eröffnet syndikalistisches Denken einen radikalen Gegenentwurf. Statt das System punktuell zu „reparieren“ und damit seine Logik lediglich zu perfektionieren, ließe sich Wissenschaft als dezentrale, selbstorganisierte und solidarisch vernetzte Praxis denken. Was das konkret heißen könnte, bleibt allerdings unbestimmt.

29Die folgenden Überlegungen werden sich deshalb nicht damit begnügen, die „Lücken“ in der bestehenden Ordnung zu füllen. Vielmehr gilt es zu fragen, wie grundlegend Veränderung sein muss, damit syndikalistische Prinzipien überhaupt zum Tragen kommen können,und folglich, welche neuen Wege der Organisation, Finanzierung und Anerkennung sich dann auftun. Dass hierbei keineswegs alles glattgehen wird ist absehbar: Eine konsequente Umwälzung des Wissenschaftsbetriebs wird auf institutionellen Widerstand stoßen und eingespielte akademische Habitusmuster herausfordern. Doch gerade in dieser Reibung liegt auch das Potenzial, Wissenschaft jenseits ihrer gegenwärtigen Grenzen neu zu erfinden.

Die Praxis der Transformation

30Nachdem wir die Anatomie des akademischen Celebrity-Phantoms seziert, die Ökonomie der Aufmerksamkeit analysiert und syndikalistische Alternativen skizziert haben, stellt sich die Frage nach den konkreten Handlungsmöglichkeiten. Dabei gilt es, die Spannung zwischen der Radikalität der Analyse und den Bedingungen alltäglicher wissenschaftlicher Praxis produktiv zu machen.

31Eine syndikalistisch inspirierte Umgestaltung der sozialen Organisation etwa kann schon im Kleinen ansetzen: So könnten Forschungsteams wöchentliche Plenen einführen, in denen alle – auch technische Mitarbeiter:innen und Verwaltungskräfte – Fragen und Anregungen einbringen und konkrete Aufgaben gemeinsam verteilen. Wer einmal eine Sitzung moderiert hat, übernimmt beim nächsten Mal das Protokoll, oder kümmert sich um die Infrastruktur, so dass keine Dauerrollen entsteht. Recherchetätigkeiten, Korrekturen oder die Betreuung gemeinsamer Tools werden explizit gewürdigt, zum Beispiel durch ein Dokument, in dem jede geleistete Arbeit festgehalten wird.8 Ein Mikro-Syndikalismus kann sich auch in kollegialen Supervisionsrunden zeigen, in denen Routinen der Zusammenarbeit reflektiert und gegebenenfalls umverteilt werden: Kommt es zu Ungleichgewichten oder Konflikten, kann das Kollektiv Beschlüsse fassen, etwa die Arbeitslast einzelner Personen zu reduzieren. Wer externe Drittmittelakquise betreibt, bringt die Mittel ins Team statt ins eigene Budget, um finanzielle Abhängigkeiten zu verringern. Auf diese Weise etabliert sich ein Kreis wechselseitiger Verantwortung, in dem nicht mehr die Position, sondern der geteilte Prozess im Vordergrund steht – und in dem alle Beteiligten langfristig lernen, kollektive Wissensarbeit als gemeinschaftliche Praxis umzusetzen.

32Wenn wir über Reputation sprechen, ist die Publikationstätigkeit sicherlich eines der aktivsten Handlungsfelder und auch das, welches den größten individuellen Impact mit sich bringt. Dessen sind wir uns bewusst, wenn wir in unseren Anregungen Vorschläge unterbreiten, die die absichtsvolle Exklusion bestimmter Publikationsmärkte und -formen beinhaltet. Um die herrschende Logik individueller Autorenschaft zu durchbrechen und kollektive Arbeit sichtbar zu machen, lassen sich auf Ebene der Publikationspraxis konkrete Veränderungen implementieren. Beispielsweise könnten Teams ihre Beiträge unter einem Kollektivnamen veröffentlichen und die jeweiligen Rollen sowie Arbeitsprozesse transparent dokumentieren. Frühe Entwürfe könnten bewusst als „lebendige Drafts“ in nicht-kommerziellen Repositorien wie Zenodo bereitgestellt werden, um den Forschungsfortschritt offenzulegen und kontinuierliche Diskussionen zu fördern. Ergänzend ermöglichen Open-Peer-Review-Verfahren einen gleichberechtigten Austausch, der unabhängig von traditionellen Metriken und Impact Factors funktioniert. Die konsequente Orientierung an Diamond Open Access, bei dem weder Autor:innen noch Leser:innen Kosten entstehen, bildet dabei die Grundlage für diese Transformation. Projekte wie die Public Library of Science (PLOS) oder Science Commons zeigen bereits, wie traditionelle Gatekeeping-Mechanismen überwunden werden können.

33Die Transformation der Zitationspraxis bildet hier einen neuralgischer Punkt: Statt der fortgesetzten Reproduktion personalisierter Wissensökonomien durch „Name Dropping“ und Zitierkartelle gilt es, eine radikal andere Form der Referenzialität zu etablieren, die Ideen statt Namen zitiert, und die konzeptuelle Genealogien statt individueller Autor:innenschaft nachzeichnet. Dies bedeutet konkret, Zitationen nicht mehr als Währung im akademischen Reputationsmarkt zu begreifen, sondern als Praxis der Wissensvernetzung. Anstelle der narzisstischen Besetzung des akademischen Autoritätsdispositivs durch Formulierungen à la „wie Weber schreibt“ oder „nach Bourdieu“ würden Formulierungen wie „gemäß der Feldtheorie“ oder „aus governmentalitätstheoretischer Perspektive“ mit Referenz auf konkrete Texte treten. Eine solche Praxis müsste natürlich auch in Bibliotheks- und Archivpraktiken wirken.

34Mit Blick auf die Personalstrukturen, die oft ausschließlich auf eine Professur als Zieloption ausgerichtet sind, wäre es fortschrittlich, mehr Dauerstellen jenseits professoraler Laufbahnen zu schaffen, oder professorale Positionen zu differenzieren – etwa in Forschungs- und Lehrprofessuren sowie in koordinierende Rolleninterdisziplinärer Projekte und im Wissenschaftsmanagement. Dies entkoppelt Karrierewege von der Jagd nach wenigen Professuren und mindert den Konkurrenzdruck. Eine syndikalistische Perspektive fordert zudem, dass die Vergabe solcher Positionen in offenen Versammlungen der Fachbereiche statt in intransparenten Berufungskreisen erfolgt. Solange prekäre Drittmittelverträge das Gros der Beschäftigten bestimmen, bleibt die Beteiligung an kollektiven Veränderungsprozessen für viele riskant. Ein Wandel in der Personalentwicklung erfordert gesicherte Arbeitsbedingungen, die nicht länger mit individueller Profilierung verknüpft sind. Bis dahin würde die Entwicklung von horizontalen Solidaritätsnetzwerke prekärer Wissenschaftsarbeiter:innen Raum für Wissensaustausch, gegenseitige Beratung und kollektive Interessenvertretung bieten. Solche Netzwerke fungieren als präfigurative Infrastrukturen solidarischer Kooperation, zum Beispiel für die Entwicklung gemeinsamer Strategien gegen Prekarisierung bis hin zur systematischen Vernetzung über institutionelle Grenzen hinweg. Bis solche Unterstützungsstrukturen etabliert sind, bleibt der gewerkschaftliche Zusammenschluss eine strategisch bedeutsame Handlungsoption. Der Beitritt zu Gewerkschaften aus dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) oder basisdemokratischen Zusammenschlüssen wie der Freien Arbeiter:innen-Union (FAU) stellt eine grundlegende Form kollektiver Selbstermächtigung dar. Eine stärkere organisatorische Vernetzung der Wissenschaftsarbeiter:innen erhöht die Wirksamkeit bei der Herausforderung etablierter Machtstrukturen, während die schwache Stellung der Gewerkschaften die durch das neoliberale Wissenschaftssystem geförderte Vereinzelung reproduziert.

35Gerade in Studium und Lehre – wo sich die nächste Generation wissenschaftlich denkender Menschen formt – lassen sich syndikalistische Prinzipien direkt erproben. Ein Mikro-Syndikalismus in der Lehre könnte etwa damit beginnen, dass Studierende und Lehrende gemeinsam entscheiden, welche Inhalte behandelt werden und in welchen Formaten man sich darüber austauscht. Anstelle fix vorgegebener Referatlisten und Klausuren könnte man etwa rotierende Lesegruppen bilden, in denen alle Teilnehmenden abwechselnd Moderations- und Protokollaufgaben übernehmen. Daraus könnten wiederum kollaborativ entwickelte Wikis die kanonisierten Leselisten ersetzem. Die Bewertung (sofern sie unbedingt nötig ist) erfolgt über kollektive Reflexionen über Fragen wie: Welche Kompetenzen sollen erworben werden? Welche Kriterien legen wir gemeinsam fest? Sogar das Curriculum könnte auf ähnliche Weise angegangen werden, indem Fachbereiche regelmäßige Vollversammlungen abhalten, um Lernziele und Pflichtveranstaltungen demokratisch auszuhandeln und sich nicht von Studien- und Prüfungsordnungen limitieren zu lassen. Solche Kleinstinterventionen machen sichtbar, wie eng Wissensvermittlung und Machtverhältnisse verknüpft sind. Zugleich zeigen sie, dass es Spielräume für solidarische Praxis jenseits von Frontallehre und Notendruck gibt. Wird Lehre als öffentlicher und gemeinschaftlicher Prozess statt als hierarchische Wissensabgabe gedacht, prägt dies langfristig auch die Habitusbildung künftiger Akteur:innen im wissenschaftlichen Feld. Zentral ist auch hier die Entwicklung einer Kultur des produktiven Scheiterns. Wenn Fehler nicht mehr als individuelles Versagen, sondern als kollektive Lernchance begriffen werden, wenn methodische Irrwege nicht verschwiegen, sondern als Teil des Erkenntnisprozesses reflektiert werden, wenn die Angst vor „falschen“ oder „dummen“ Fragen einer neugierigen Experimentierfreude weicht, entstehen Räume für eine andere Form wissenschaftlicher Sozialisation.

36Auch die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an eine breitere Öffentlichkeit eröffnet Chancen für syndikalistische Mikro-Ansätze: Statt etwa einem „Star“ das Rampenlicht zu überlassen und alle anderen hinter den Kulissen verschwinden zu lassen, könnten Forschungsteams in lokalen oder digitalen Kollektiven auftreten und gemeinsam entscheiden, wer wann und wie kommuniziert. Ein Praxisbeispiel wäre, öffentliche Veranstaltungen nicht als Ein-Person-Vortrag zu gestalten, sondern bewusst mehrere Teammitglieder, Studierende und manchmal sogar externe Interessierte einzubeziehen – etwa bei einer offenen „Lange Nacht des Wissens“, wo jede:r an verschiedenen Stationen Fragen beantwortet oder Experimente erklärt. Kommen Presseanfragen, teilen sich mehrere Kolleg:innen die Rolle der „Sprecher:in“, sodass nicht immer dieselbe Person medienwirksam auftritt. Durch solche Mikro-Interventionen entstehen Formate, in denen sich Autorität und Anerkennung auf mehrere Köpfe verteilen. So könnte man etwa an einem gemeinsamen Blog oder einer Instagram-Reihe arbeiten, in der jedes Mitglied abwechselnd Postings vorbereitet und so die Kommunikation diversifiziert. Entscheidend sind dabei: Transparenz über Rollen und Beiträge, eine faire Aufteilung von Rede- und Vorbereitungszeit und die Einbindung unterschiedlicher Kompetenzen (technische, organisatorische und inhaltliche). So kann Wissenschaftskommunikation selbst zu einem Ort werden, an dem die kollektivistischen Ansätze der Forschungspraxis sichtbar und erfahrbar werden. Gleichzeitig erfordert dieser Ansatz eine nüchterne Demystifizierung. Wissenschaftskommunikation darf nicht in eine Spektakel-Ökonomie verfallen, die Forschung als permanente Sensation inszeniert. Stattdessen gilt es, die profanen, oft trägen Momente wissenschaftlicher Arbeit – die Meetings, Konzeptentwicklungen, multimodalen Publikationsprozesse – zu kommunizieren und sich damit vom Wissenschaftsheroismus abzukehren sowie wissenschaftliche Praxis von ihrer Burnout-Logik zu befreien. Wissenschaft kann spannend sein, ohne zu einer existenziellen Selbstaufopferung zu werden. Entscheidend ist die Vermittlung einer Perspektive, in der Erkenntnis wichtiger ist als die Namen, die sie produzieren.

37Die Frage danach, wie grundlegend Veränderung im Sinne eines Syndikalismus sein muss – und welche neuen Wege der Organisation sich dabei auftun, führt unweigerlich von alternativen Finanzierungsmodellen zur Problematik institutioneller Anerkennung zurück: Statt neue, wie auch immer alternative oder „faire“ Metriken der Wertschätzung zu etablieren, muss die materielle Basis wissenschaftlicher Arbeit von individualisierter Exzellenz entkoppel werden. Konkret hieße das etwa: solidarische Umlagefinanzierung durch Wissenschaftskollektive, die Drittmittel gemeinsam akquirieren und verteilen; Etablierung von Community-Trusts, die Forschungsinfrastrukturen als Commons verwalten; oder auch die systematische Vernetzung mit außerakademischen Akteur:innen, die nicht nach Impact-Faktoren, sondern nach gemeinschaftlicher Relevanz, Nachhaltigkeit oder auch Nachnutzung fragen. Die Herausforderung liegt dabei weniger in der technischen Implementierung solcher Modelle als in der damit verbundenen epistemologischen Verschiebung: Wenn wissenschaftliche Erkenntnis als kollektive Praxis begriffen wird, verliert die Frage nach individueller Anerkennung ihre legitimatorische Funktion für die Verteilung materieller Ressourcen.

38Eine abschließende Reflexion erfordert die Anerkennung unserer analytischen Grenzen; Unsere Interventionen, so ambitioniert sie erscheinen mögen, erfassen nur Fragmente des komplexen Wissenschaftssystems – eine Kartographie, die notwendigerweise unvollständig bleibt. Die unsichtbaren Akteur:innen, deren Arbeit wir kaum thematisiert haben, bilden das strukturelle Fundament akademischer Produktion: technische Mitarbeiter:innen in Laboren und Werkstätten, administrative Kräfte, Serviceeinheiten, Bibliothekar:innen, Infrastrukturarbeiter:innen, deren Unsichtbarkeit gerade ihre systemische Unverzichtbarkeit markiert. Darüberhinaus konstituieren externe Forschungsinstitutionen, Wissenschaftsgesellschaften, Akademien und Forschungsnetzwerke, die wir nur am Rande gestreift haben, komplexe Macht- und Wissensökonomien jenseits institutioneller Universitätsgrenzen. Die Dynamiken von Drittmittelforschung, internationalen Kooperationen, transdisziplinären Forschungszentren und privatwirtschaftlichen Forschungskooperationen entziehen sich unserer bisherigen Analyse. Zugleich müssen wir die Gefahr einer totalisierenden Kritik reflektieren: Jede Systemkritik läuft Gefahr, die Heterogenität und lokale Singularität wissenschaftlicher Praktiken zu nivellieren. Unsere Intervention versteht sich daher als Einladung zum Dialog, nicht als abschließendes Theorem. Es geht uns darum, den Diskurs und die Selbstreflexion anzuregen und jene Grundsatzkritik zur Debatte zu stellen, die uns bisher im Rahmen von Tagungen und Diskussionen zuverlässig entgegengebracht wurde: dass Syndikalismus in der Wissenschaft nicht praktikabel, sprich dass eine Solidarisierung der Wissenschaft unmöglich sei.

Vom individuellen Prekariat zur kollektiven Transformation

39Die bemerkenswerten Erfolge von Initiativen wie #IchbinHanna oder des Netzwerks für gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) in der Sichtbarmachung prekärer Arbeitsbedingungen und der Mobilisierung wissenschaftspolitischen Widerstands fördern zugleich die Grenzen einer Kritik zu Tage, die primär auf der Ebene individueller Betroffenheit operiert. Die Personalisierung des strukturellen Problems – emblematisch verdichtet im singulären „Ich“ der Hashtag-Kampagne – folgt genau jener Individualisierungslogik, die das akademische Celebrity-System erst hervorbringt. Selbst in der berechtigten Kritik an Befristungspraxis und professoraler Willkür schwingt noch die Sehnsucht nach individueller Karrieresicherheit mit. Die grundsätzlichere Frage nach der Organisation wissenschaftlicher Arbeit bleibt im Dunkeln. Die Kollektivierung eines „Ich bin Hanna“ in ein „Wir sind Hanna“ wäre dabei nur der erste Schritt einer Bewegung, die die Prekarisierung nicht als individuelles Schicksal, sondern als systemischen Effekt einer spezifischen Form wissenschaftlicher Produktionsverhältnisse begreift.

40Unser syndikalistisches „Bildet Banden!“ ist dabei mehr als nur ein wohlfeiler Slogan – es ist die praktische Antwort auf die Vereinzelungslogik des akademischen Betriebs. Während sich Professor:innen hinter verschlossenen Türen über die „Verstopfung“9 des Systems durch zu viele „Einkuschler“10 auf Dauerstellen anstelle „ihrer“ immer wieder austauschbaren wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen echauffieren, während der Prae- und Postdoc-Nachwuchs in einsamen Büros still um die nächste Befristung zittert, während technische und administrative Mitarbeiter:innen sowie Wissenschaftsmanager:innen als bloße Zuarbeiter:innen unsichtbar bleiben, entwickeln sich in den Zwischenräumen der Academia bereits andere Formen wissenschaftlicher Praxis. In Lesekreisen und Schreibwerkstätten, auf alternativen Konferenzen und in digitalen Kollektiven erproben Wissensarbeiter:innen aller Statusgruppen, was die professorale Mehrheit so oft für unmöglich erklärt: eine Wissenschaft ohne Gurus und Gatekeeper, ohne Impact-Faktoren und Exzellenzrhetorik. Statt in endlosen Selbstoptimierungsschleifen individueller Karriereplanung gefangen zu bleiben, statt die eigene Prekarität in der Hoffnung auf eine der raren Professuren zu erdulden, gilt es, die kollektive Gestaltungsmacht wissenschaftlicher Arbeit zu entdecken. Das akademische Celebrity-Phantom verschwindet in dem Moment, wo wir aufhören, an seine Macht zu glauben, und anfangen, Wissenschaft als das zu praktizieren, was sie immer schon war: ein Gemeinschaftsprojekt.

Notes
[1]

1Siehe https://events.gwdg.de/event/761/overview, abgerufen am 15. Januar 2025.

[2]

2Siehe https://lexikon.fu-berlin.de, abgerufen am 15. Januar 2025.

[3]

2Unter den entsprechenden Reitern heißt es Stand April 2025: "An dieser Stelle werden zukünftig Lehrveranstaltungen der Person gelistet. Bis dahin können Sie in den digitalisierten Vorlesungsverzeichnissen (1948-2008) recherchieren." und "Für diese Person wurden noch keine Bestände abgeliefert, oder erschlossen. Bitte wenden Sie sich bei Fragen direkt an das Universitätsarchiv."

[4]

8Nachzulesen zum Beispiel in: Schmidgen, Henning, und Gloria Custance. Bruno Latour in Pieces: An Intellectual Biography. Fordham University Press, 2015. https://doi.org/10.2307/j.ctt13x00jv.

[5]

8Lesenswert hierzu ist etwa:  Huff, Cynthia, und Margaretta Jolly, Hrsg. Engaging Donna Haraway: Lives in the Natureculture Web. London: Routledge, 2022. https://doi.org/10.4324/9781003259824.

[6]

10Natürlich gibt es auch auf Mastodon oder ähnlichen Netzwerken dieses Phänomen. Dadurch, dass Mastodon über keine algorithmische Verstärkung verfügt, ist es aber vergleichsweise schwerer, Öffentlichkeit und „Ruhm“ zu aggregieren.

[7]

20Jenseits der realhistorischen Entwicklung und ideengeschichtlichen Bedeutung lassen sich syndikalistische Ideen auch mit neueren theoretischen Perspektiven verbinden, die auf dezentrale Netzwerke abzielen und Machtverhältnisse durch eine Vielzahl interagierender Akteure zu erklären versuchen. Das Rhizom-Denken (Mille Plateaux, 1980, Gilles Deleuze und Félix Guattari) betont etwa die Notwendigkeit, starre baumartige Strukturen aufzulösen und horizontale, weitverzweigte Verbindungslinien zu stärken. In der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT; z. B. Some Elements of a Sociology of Translation: Domestication of the Scallops and the Fishermen of St Brieuc Bay, 1986, Michel Callon) wiederum treten Menschen, Dinge und Ideen als gleichwertige Knoten in einem Kooperationsgeflecht auf, das klassische Hierarchien in Frage stellt. Und in der „Commons-Based Peer Production“ (Coase’s Penguin, or Linux and the Nature of the Firm, 2001, Yochai Benkler) wird kollektive Arbeit im digitalen Raum so organisiert, dass Teilhabende dezentral und eigenverantwortlich agieren und dabei dennoch hochwertige Ergebnisse produzieren können. All diese Konzepte veranschaulichen, dass nicht-hierarchische Organisation nicht nur eine historische Idee aus der Arbeiter:innenbewegung ist, sondern bis heute innovative Ansätze für eine andere Form des Zusammenarbeitens liefert.

[8]

31Das wird etwa durch die CRediT-Taxonomie auch bereits explizit befördert, siehe https://credit.niso.org, abgerufen am 15. Januar 2025.

[9]

40Siehe Image-Video des BMBF: https://www.youtube.com/watch?v=PIq5GlY4h4E, abgerufen am 15. Januar 2025.

[10]

40Bezugnehmend auf eine Äußerung von Brigitta Wolf, siehe https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/gemutlich-einkuscheln-ein-ichbinhanna, abgerufen am 15. Januar 2025.

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