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Einleitung: Einleitung

Einleitung
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Notes

table of contents
  1. Umschlagsbild
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Logos
  5. Einleitung

Einleitung

Die AG Digitales Publizieren wurde 2014 als eine der frühesten Arbeitsgruppen im Verband Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) gegründet. Hauptgründe und Motivation dafür waren die Wandlungsprozesse, die das Publikationswesen im Zuge der Digitalisierung beeinflussten, und die Frage, wie sich die noch junge Disziplin der Digital Humanities hier positionieren wird. Die AG Digitales Publizieren widmete sich daher in ihrer Frühphase dem Fragenkomplex, wie eine Publikation unter den gewandelten Medienbedingungen aussehen sollte und welche Anforderungen an deren Urheber:innen, Intermediäre und Rezipient:innen zu stellen sind. Dabei konnte 2014 noch eine Lücke zwischen den zunehmend digital werdenden Forschungsprozessen, die auf Daten und digitalen Tools basieren, und dem nach wie vor sehr traditionellen und auf Print basierten Publikationswesen ausgemacht werden.

Zehn Jahre nach Gründung der AG lässt sich feststellen, dass das Publikationswesen digitaler geworden ist: neue Geschäftsmodelle (Open Access), technische Verfahren (Persistent Identifier) und Formate (Data Papers) sind Ausdruck dieser Entwicklung. Dieser Transformationsprozess hat jedoch noch nicht zu einem tiefgreifenden Wandel der Zuschreibung wissenschaftlicher Reputation geführt. Gerade jüngere Initiativen wie z. B. Diamond Open Access sehen sich einer Asymmetrie zwischen neuen Ideen, die noch keine Reputation haben können, und der Reputationskonzentration bei traditionellen Publikationsorganen ausgesetzt. Die Verbindung von Reputationsgewinn und -zuschreibung im Kontext digitalen Publizierens, vor allem vor dem Hintergrund von Open Access, war ein der AG schon lange bekanntes Thema, wurde aber von dieser noch nie in der Tiefe bearbeitet. Als „Essenz“ (William D. Garvey) und „harte Währung der Wissenschaft“ (Joost Kirczs) sind digitale Publikationen für eine Untersuchung des wissenschaftlichen Reputationssystems besonders gut geeignet.

Daher nahm sich die AG anlässlich ihres zehnjährigen Jubiläums dieser Frage an und veranstaltete die Tagung „Reputation ohne Paywall? Wissenschaftliches Publizieren im digitalen Wandel“1. Die Tagung fand vom 8. bis 9. Oktober 2024 an der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt (ULB) statt. Bewusst nahm die Tagung keine Eingrenzung des Themas vor: Theoretische Beiträge wie Erfahrungsberichte und Meinungen waren willkommen. Ziel konnte freilich auch nicht die Lösung der Reputationsfragen sein, sondern vielmehr der Austausch und die offene Diskussion zu dem Thema. Zugleich ermöglichte die Tagung den Digital Humanities, die sich technischen, epistemologischen und ethischen Potenzialen solcher Transformationsprozesse verschreiben, Reputation als Gradmesser für die noch zu leistende Arbeit zu verstehen, die notwendig ist, um den Weg vom Potenzial digitalen Publizierens zu einer neuen, relativ stabilen Realität wissenschaftlichen Publizierens zu gehen.

Der vorliegende Band vereint ausgewählte Beiträge der Tagung. Um ihn inhaltlich zu komplettieren, wurden weitere Artikel im Nachhinein eingeworben. Zusammen gliedert er sich in zwei Sektionen: Verschiedene Reputationseinsichten geben Aufschluss über Reputationsdynamiken und -funktionsweisen innerhalb bestimmter Domänen, Projektkontexte und Erhebungen. Die nachfolgende Sektion der Reputationsdraufsichten versucht, die gewonnenen Einsichten in den Kontext makropolitischer und wissenschaftsökonomischer Entwicklungen zu stellen, bzw. Theorieangebote zu machen, mit denen sich das wissenschaftliche Reputationssystem analysieren und beschreiben lässt. Zusammen entsteht ein vielschichtiges Bild von Verflechtungen und Wechselwirkungen, mit dem sich die Open Access Transformation konfrontiert sieht und das Navigieren zu können eine Voraussetzung ihres Erfolgs sein wird.

Die Sektion der Reputationseinsichten wird von dem Beitrag von Isabella Peters und Kristin Biesenbender eröffnet. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse des Projekts „Open Access-Effekte“ – Strukturelle und autorspezifische Einflussfaktoren auf den Impact von OA-Publikationen aus diversen Disziplinen (OASE) thematisieren die Autorinnen in ihrem Beitrag das Spannungsverhältnis zwischen der noch verhältnismäßig jungen Open-Access-Bewegung einerseits und dem traditionellen Erwerb wissenschaftlicher Reputation in etablierten Publikationsorten andererseits. Letztere befinden sich überwiegend im Besitz internationaler Großverlage, die mittlerweile ebenfalls die umsatzstärksten Open-Access-Geschäftsmodelle entwickelt haben. Gleichzeitig hat sich die Bandbreite an Open-Access-Publikationswegen (u. a. Grün, Gold) für Publizierende stark verkompliziert. Der Artikel diskutiert diese und weitere Entwicklungen wie auch den Zitationsvorteil von Open-Access-Publikationen.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf autor:innenspezifischen sowie strukturellen Faktoren, die das Publikations- und Zitationsverhalten beeinflussen. Dabei erweisen sich Policies und Förderkriterien als weitaus weniger zentral als inhärente Bedingungen der jeweiligen Disziplinen und ihrer Traditionen. Der Artikel gibt aber auch Einsicht in externe Einflussfaktoren auf individuelle Publikationsentscheidungen, wie z. B. durch Ereignisse wie die Coronapandemie.

Ein besonders gutes Beispiel für die Verflechtung domänenspezifischer Prinzipien mit ihren zugehörigen Publikationskulturen nimmt Birgid Schlindwein im folgenden Beitrag zum Anlass, die zentrale Bedeutung bibliometrischer Verfahren in den Naturwissenschaften zu untersuchen. Die diesem Forschungszweig naheliegenden Methoden des Messens und Zählens spielen in der Bewertung von Forschungsleistungen trotz bekannter Unzulänglichkeiten von Metriken wie dem Journal Impact Factor oder dem h-Index eine zentrale Rolle.

Schlindwein zeichnet die Entwicklung und Datengrundlage der Berechnung beider Werte in den Naturwissenschaften nach und hebt die starken Qualitätsunterschiede in der Datengrundlage hervor, die einer Vergleichbarkeit entgegenstehen. Unterschiedliche Voraussetzungen von Forschenden (etwa aufgrund unterschiedlicher Fächertraditionen, Karrieredauern etc.) erschweren die Verwendung dieser Metriken als Entscheidungsgrundlage zusätzlich. Schlindwein nimmt daraufhin verschiedene Bestrebungen gegen den starken Einfluss bibliometrischer Indikatoren in den Blick. Sie schließt mit der Diagnose, dass diese Indikatoren nicht Ausdruck von Einfluss oder Reputation sind, sondern lediglich eine eingeschränkte Form von Sichtbarkeit widerspiegeln. Sie können daher allenfalls ein Baustein von Forschungsbewertung sein.

Von den Naturwissenschaften weg richtet der Beitrag von Laura Getz und Bodo Rödel den Blick auf die Beziehung von Open-Access-Transformation und Reputationsfragen in der Berufsbildungsforschung. Anhand dreier Fallstudien – eines Forschungsprojekts, einer Studie und eines Promotionsvorhabens – beleuchten die Autor:innen Widerspruchskonstellationen, die möglicherweise auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen eine Rolle spielen könnten. Ihr Beitrag zeichnet anhand empirischer Ergebnisse die Bedeutung von Reputation, Renommee, Qualitätssicherung und Exklusivität im Bereich wissenschaftlichen Publizierens nach. Um Qualität, Exklusivität und Reputation zu sichern, hat in der Berufsbildungsforschung nach wie vor das Peer-Review-Verfahren einen hohen Stellenwert. Nicht zuletzt sind auch soziale Medien in der Berufsbildungsforschung angekommen. Als „Signalverstärker“ dienen sie dem eigenen wissenschaftlichen Output, erhöhen die Sichtbarkeit und werden für die wissenschaftliche Karriere immer wichtiger.

Mit dem Beitrag von Michael Kleineberg, Katharina Schulz und Robert Wiese verändert die Sektion die Akteursperspektive. Im Zentrum stehen jetzt Open-Access-Publikationsinitiativen, die durch ihren transformativen Charakter und Neuheit besonders mit der Reputationsfrage konfrontiert sind. Die Autor:innen haben in den letzten Jahren am Aufbau des Verlags Berlin Universities Publishing (BerlinUP) mitgewirkt. BerlinUP ist ein Diamond-Open-Access-Verlag, der aus der Kooperation der vier kooperierenden Einrichtungen der Berlin University Alliance (BUA) hervorgegangen ist und von diesen getragen wird. Über das bloße Verständnis der komplexen Reputationsmechanismen hinaus stellt sich für eine solche Initiative die Frage, mit welchen Mitteln sie sich auf dem saturierten und hierarchisch strukturierten Publikationsmarkt wissenschaftlicher Publikationsangebote als vertrauensvoller Publikationsort und attraktive Marke positionieren kann.

Als Diamond-Open-Access-Verlag erscheint die Herausforderung vor dem Hintergrund der in diesem Band beschriebenen Reputationsmechanismen umso größer, sie kann aber auch strukturelle Vorteile bieten, wie die Autor:innen etwa mit Verweis auf eine authentische „Werteorientierung“ und den kooperativen Charakter hinter Diamond Open Access verdeutlichen. Der Beitrag beschreibt daher zunächst die Bedeutung von (Diamond) Open Access im Kontext des akademischen Reputationssystems, bevor er eine Reihe strategischer Felder diskutiert, über die sich neue Verlage mit alternativen Verlagskonstruktionen erfolgreich etablieren können. Gleichzeitig macht er am Ende aber auch deutlich, dass es dabei nicht allein darum gehen darf, sich auf einem vorgefundenen Markt zu etablieren. Vielmehr sollte die Entwicklung alternativer Diamond-Open-Access-Verlage im Kontext der Bestrebung zur Reformierung der Forschungsbewertung überhaupt verstanden werden und diese aktiv vorantreiben.

Anhand der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften (ZfdG) diskutiert die Autorin Caroline Jansky im nächsten Beitrag den Zusammenhang wissenschaftlicher Reviewverfahren und Reputation. Dazu werden im Beitrag Ergebnisse einer Umfrage analysiert, in der neben der Motivation, sich als Gutachter:in zu betätigen, auch nach dem Potenzial offener Begutachtungsverfahren gefragt wird. Offene Begutachtungsverfahren werden dabei in ihren unterschiedlichen Facetten vorgestellt und in Hinblick auf ihre Vor- und Nachteile, gerade auch mit Blick auf die Reputationsfrage, diskutiert. Der Beitrag erarbeitet zentrale Faktoren und Empfehlungen heraus, um die Reputation von gutachterlicher Betätigung in der Wissenschaft zu stärken.

Der Beitrag von Jens Bemme demonstriert am Beispiel der Open Source Software MediaWiki, wie „Linked Open by Default“ als semantisches wie technologisches Prinzip auf offene Publikationsinfrastrukturen mit digitalen Werkzeugen übertragen werden kann. Dabei zeigt er die Vielfalt an Publikationsmöglichkeiten von Wissen im „Wikiversum“, in dem Bearbeitungen von Informationen in offenen Wikis zu unterschiedlichen Formen der Anerkennung führen. Er unterstreicht damit, dass Reputation nicht nur eine Angelegenheit sozialer, kultureller und ökonomischer Prozesse ist, sondern auch durch technische Interventionen transformiert werden könnte. Bemme versteht Linked Open by Default als Leit- und Handlungsprinzip einer offenen Wissenschafts- und Vermittlungspraxis. Integriert in Forschungs- und deren Kommunikationsprozesse entstehen freies Wissen, Bedeutung und Reputation durch Verknüpfungen, die Kennzahl offener Reputation sind. Reputation beschreibt er in seinem Beitrag als „Kehrseite von Selbstachtung“, die als ‚Selbstreputation‘ Bestandteil der intrinsischen Motivation ist, Forschung grundsätzlich offen zu publizieren, zu nutzen und anzureichern.

Schon die Untersuchung von Birgid Schlindwein hatte die Rolle verschiedener Metriken für den Reputationsaufbau diskutiert. Vor diesem Hintergrund bietet der Beitrag von Ulrike Wuttke den geeigneten Übergang in die Sektion der Reputationsdraufsichten. Die Autorin zeichnet die Etablierung dieser Verfahren historisch nach und diskutiert den Zusammenhang von Digitalisierung, Leistungsmessung und Reputation im Kontext einer zunehmenden Ökonomisierung des wissenschaftlichen Publikationswesens. Der Beitrag zeigt auf, wie bibliometrische Verfahren auch die Entwicklung von nicht-kommerziellen Publikationsangeboten hemmen und welche Initiativen bestehen, die sich für eine Loslösung des Publikationssystems von der traditionellen Reputationsgewinnung durch bibliometrische Verfahren einsetzen.

Der Beitrag von Renke Siems weitet die von Wuttke entlang spezifischer Metriken entwickelten Problembeschreibung auf eine gesamtgesellschaftliche Perspektive aus. So analysiert der Autor die Folgen der „Datafizierung der Wissenschaft durch kommerzielle Akteure wie Elsevier oder Clarivate und beschreibt diesen Prozess als Transformation eines Lebensraums in ein kommodifiziertes Gut, das neuen Anwendungsszenarien und Sinnstrukturen produziert. Die genannten Akteure nennen sich nun Datenanalyse- und Medienkonzerne und kombinieren seit Jahren umfassende trackingbasierte Datensammlungen mit einer Plattformisierung wissenschaftlicher Prozesse und Funktionen. Machtbeziehungen der Plattformökonomie haben so Einzug in die Wissenschaft gehalten. Dies zeigt sich besonders in der Wissenschaftsevaluation, die sich an Normen von Quantifizierbarkeit und Maximierbarkeit ausgerichtet hat. Weitere Tätigkeiten von Akteuren wie der RELX Group oder LexisNexis umfassen die Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden oder intransparenten Formen des „Datenbrokering“. Im „Surveillance Publishing“ werden auf prädiktiver Analytik aufbauende Business Modelle entwickelt, die mittels der umfangreich gesammelten Datenbestände aus der Wissenschaft „risk solutions“ selbst für militärische Anwendungen zum Gegenstand haben.

Georg Fischers Beitrag bietet eine soziologische Analyse der Reputation im Kontext ihrer Rolle bei der kompetitiven Ressourcenverteilung im Wissenschaftssystem. Zusammen mit dem ökonomischen Statusmarktkonzept entwickelt Fischer eine Deutung der vielfältigen Handlungen rund um den Erwerb und die Verteilung von Reputation als „akademische Reputationsspiele“. Mit diesem an Wittgensteins Sprachspiele erinnernden Begriff untersucht Fischer dann spezifische Praktiken innerhalb des Wissenschaftssektors, vor allem die Strategien der unterschiedlichen Akteur:innen, um Reputation zu erlangen und zu akkumulieren.

Das wichtigste Reputationsspiel, das akademische Publizieren, betrachtet Fischer hinsichtlich der reputationsrelevanten Interaktionen der Wissenschaftler:innen untereinander sowie mit den reputierten Publikationsorganen. Dabei zeigen sich bekannte Probleme der Publikationspraxis mit etablierten kommerziellen Verlagen, wie das „metrische Publikationsparadigma“ und Anreize zu „illegitimen“ oder sogar illegalen Praktiken: Fälschung, Betrug, Plagiat, überwiegend durch Künstliche Intelligenz angefertigte Texte, „Zitationskartelle“ aus einer neuen Perspektive. Diesen Problemen stellt Fischer zum einen Alternativen der Forschungsbewertung entgegen. Zum anderen macht er methodische wie inhaltliche Untersuchungsvorschläge zur weiteren Erforschung des Reputationsphänomens.

In Anschluss an Georg Fischer führt Yuliya Fadeeva aus, welche akuten Fragen und Probleme hinter der aktuellen Reputationsverwaltung eine „Reputation ohne Paywall“ denn notwendig machen. Sie unterstreicht dabei den elusiven Charakter wissenschaftlicher Reputation, die wie eine Art Zauberstaub auf Personen, Institutionen, Publikationen und Publikationsorgane verteilt wird. Fischers begriffliche und soziologische Analyse des Reputationsbegriffs ergänzt Fadeeva durch einen Systematisierungsvorschlag, der die Einheiten, denen Reputation zugesprochen werden kann, mit Weisen des Erwerbs, der Vergabe, Messung und Kontrolle von Reputation in Beziehung setzt. Mittels dieses Modells lassen sich die in den vorherigen Beiträgen attestierten Tendenzen steigender Abhängigkeit von kommerziellen Akteur:innen sowie einer Kommodifizierung der Reputation in analytischer Hinsicht bestätigen. Des Weiteren stellt Fadeeva den Status quo wissenschaftlichen Publizierens als eine jahrzehntelange „Verstrickung“ mit Konzernen und Großverlagen dar, deren Interessen und Methoden den wissenschaftlichen Zielen und Werten widersprechen.

Für eine Verbindung wissenschaftlicher Reputation mit ihrer gesellschaftlichen Anerkennung votieren Claudia Frick und Regina Harms in ihrem Beitrag. Wissenschaftliche Leistung sollten stets vor dem Hintergrund eines Blickes sowohl nach innen (Wissenschaft) als auch nach außen (Gesellschaft) gemessen werden. Die stärkere Verbindung beider Bereiche kann durch das Konzept der transformativen Wissenschaft hergestellt, und z.B. durch Formate wie Reallabore in der Praxis umgesetzt werden. Auch die zentrale Rolle der Wissenschaftskommunikation und einer veränderten Wahrnehmung der wissenschaftlichen Arbeit werden als Faktoren identifiziert, um für wissenschaftliche Arbeit mehr gesellschaftliche Reputation zu erlangen.

Diskutieren die meisten Beiträge des Bandes die Problematik des wissenschaftlichen Reputationssystems eher vor dem Hintergrund spezifisch unvorteilhafter Reputationsmechanismen oder problematischer Akteurskonstellationen in der Struktur des Reputationssystems, so rückt mit dem Beitrag von c:hum Reputation als (un)geeignetes Orientierungsmittel im Wissenschaftsfeld an sich in den Blick. Reputation stellt sich hier als ein sich selbst reproduzierendes Machtsystem dar, das seine hierarchische Grundstruktur mit Mitteln symbolischer Zuschreibungen absichert, die sich von Faktoren wie Expertise und wissenschaftlicher Leistung entkoppeln. Dabei ist diese Hierarchie immer Teil einer materiellen Machtstruktur, hier konkret der politischen Ökonomie des Kapitals, die sich im gegenwärtigen Reputationssystem in eine „Ökonomie des akademischen Aufmerksamkeitskapitals“ übersetzt.

Reputation als Kapital verstanden, folgt der Logik der Akkumulation und produziert notwendigerweise „Academic Celebrities“ und „Leuchtturm­universitäten“. Diese sind sowohl Ausdruck als auch Ursache eines prekarisierenden Wissenschaftssystems. Die Reputationslogik entkoppelt sich nicht nur vom konkreten (Gebrauchs)wert wissenschaftlicher Arbeit, sie konterkariert genauso den kollektiven Charakter wissenschaftlicher Leistungen. An diesen knüpft der Beitrag direkt an, um alternative Modelle zum Reputationsmodell zu entwerfen. So schlägt er für die Wissenschaft einen Ansatz vor, der sich an der Tradition des anarchistischen Syndikalismus orientiert. An die Stelle einzelner (institutioneller) Akteur:innen treten kollektive Strukturen, in denen Rollen funktional statt reputativ verteilt sind und in denen Akteure über solidarische statt kompetitive Beziehungen miteinander interagieren. Das Autor:innenkollektiv belässt es jedoch nicht allein bei der Skizzierung dieser Alternative. Es entwickelt ebenso konkrete Vorschläge, um einer solchen Alternative unter den gegebenen Bedingungen näher zu kommen. Entwicklungen wie die Open-Access-Transformation und die Digitalisierung können hierbei eine Hilfe sein, sie sind jedoch nicht davor gefeit, auch selbst zur Reproduktion des traditionellen Reputationssystems beizutragen.

Die Herausgeber:innen hoffen, mit dem Band wichtige Impulse und Anregungen für die Entwicklung eines wissenschaftlichen Reputationssystems „ohne Paywall“ – das heißt im Geiste des Open-Access-Gedankens – geben zu können. Den Beitragenden gebührt Dank, dass sie sich diesem komplexen Themenfeld mit ihrer Expertise genähert und sich den kontroversen Diskussionen auf der Tagung gestellt haben. Herzlichen Dank geht auch an das Team der ULB Darmstadt, Thomas Stäcker und Doris Michel, die als Gastgeber die Tagung finanziell und mit viel Engagement unterstützt haben. Ebenfalls danken wir dem Verband Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd), der Reisestipendien für den Besuch der Tagung zur Verfügung gestellt hat. Die Tagung wurde vom Digital Humanities Podcast Radihum202 begleitet. Hieraus sind zwei Folgen entstanden, die auf der Episodenseite des Podcasts abrufbar sind. Der Sammelband wäre ohne die kompetente und großzügige Unterstützung von Melusina Press nicht möglich gewesen.

Januar 2026,

Yuliya Fadeeva
Simone Franz
Dario Kampkaspar
Melanie Seltmann
Timo Steyer
Niels-Oliver Walkowski

Anmerkungen

  1. 1 https://events.gwdg.de/event/761/ [Zugegriffen am 15.01.2026]
  2. 2https://radihum20.de/ [Zugegriffen am 03.12.2025]

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