Open Access und Reputation. Widersprüchliche Befunde in der Berufsbildungsforschung
Einführung
1In welcher Beziehung stehen die Open-Access-Transformation und Fragen der Reputation zueinander? Der Artikel geht diesem Fragenkomplex auf der Grundlage eines Forschungsprojekts, einer Studie und eines Promotionsvorhabens im Gegenstandsbereich der Berufsbildungsforschung nach. Deutlich werden dabei widersprüchliche Befunde, die vermutlich auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen zu beobachten sind.
2Insbesondere lassen sich drei Widerspruchskonstellationen identifizieren: (1) So wird zum einen der offene Zugang zu wissenschaftlichen Fachpublikationen begrüßt, zum anderen wird das Thema Open Access aber mit Skepsis betrachtet, wobei Open-Access-Publikationen von den Forschenden häufig als weniger reputationsstiftend wahrgenommen werden. (2) In peer-reviewten Journals zu veröffentlichen, wird nach wie vor als zentraler reputationsstiftender Weg angesehen – unabhängig davon, ob diese Open Access erscheinen. Dabei ist aber auch evident, dass das Peer-Review-Verfahren unter vielerlei Gesichtspunkten problematisch ist und keinesfalls unwidersprochen als Garant für Qualität fungieren kann. (3) Schließlich wird die Nutzung sozialer Medien von den Forschenden als weiterer Aspekt der „Openness“ im Wissenschaftsbetrieb und als wichtiger Faktor zur Reputationsbildung wahrgenommen. Gleichzeitig werden soziale Medien von den Forschenden aber nur zurückhaltend genutzt und hinsichtlich ihrer reputationsstiftenden Funktion auch mit Skepsis betrachtet.
Was ist Reputation?
3Wissenschaftliche Publikationen zu veröffentlichen, ist für Forschende eine Notwendigkeit, um Reputation aufzubauen: Bei Berufungsverfahren, Stellenbesetzungen und Entfristungen zählt nach wie vor die Anzahl der Publikationen in renommierten Journals mit hohem Impact Factor oder, mit den Worten des Soziologen Niklas Luhmann, die „Anwesenheit an renommierten Plätzen“ (Luhmann 1970, 237). Forschende müssen sich eine Reputation erarbeiten und ihren Ruf stabilisieren. Hierbei bedingen sich das wissenschaftliche Publikations- und Reputationssystem gegenseitig, denn bestimmte Medien verfügen über einen bestimmten Ruf. Dabei unterscheiden sich Wissenschaftsdisziplinen durch die Wahl des bevorzugten Publikationsmediums. Wird im naturwissenschaftlich-technischen Bereich eher in Journals publiziert, wird in den Geistes- und Sozialwissenschaften immer noch das Publikationsmedium Monografie zur Verbreitung von Forschungsergebnissen genutzt. Das Veröffentlichen in renommierten Journals hat eine weitere, die wissenschaftliche Kommunikation und das Publikationssystem betreffende Funktion: Der bereits dargestellten Zunahme an Publikationen steht eine nur begrenzte Wahrnehmung seitens der Forschenden gegenüber. Um die stetig wachsende Komplexität der Wissenschaft zu bewältigen, thematische Relevanzeinschätzungen vornehmen und die Richtigkeit von Forschungsergebnissen beurteilen zu können, „tritt […] die kursorische Orientierung an Symptomen an die Stelle der Sache selbst, die gemeint ist. Reputation wird aus Symptomen gezogen und dient selbst als Symptom für Wahrheit“ (Luhmann 1970, 237). Luhmanns Argumentation folgend, muss die Qualitätssicherung der Publikation wissenschaftlicher Texte vorgeschaltet sein, da eine anschließende Bewertung aufgrund der wirksamen Selektionsmechanismen seitens der Leserinnen und Leser nicht mehr in ausreichendem Maße gewährleistet werden kann. Leserinnen und Leser vertrauen auf die Qualitätssicherungsverfahren des Wissenschaftssystems. Hierzu dienen die weit verbreiteten Peer-Review-Verfahren durch Gutachterinnen und Gutachter. Zusammen mit den „Impact-Factor-Journalen“ werden sie insbesondere von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern als Gate Keeper wahrgenommen. Diskussionswürdig ist, ob diese Qualitätssicherungssysteme auch in der angenommenen Art und Weise tatsächlich funktionieren (vgl. Getz u. a. 2020, 13f.).
1. Open Access und Reputation
4Von 2018 bis 2021 führte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) im Rahmen seines Forschungsprogramms ein Projekt zu Open Access in der Berufsbildungsforschung (OABBF) durch. Zunächst fanden Gruppendiskussionen statt, darauf aufbauend eine Onlinebefragung. Nachfolgender Abschnitt beschreibt die zentralen Ergebnisse des Forschungsprojekts mit Blick auf das Thema Open Access und Reputation (vgl. Getz u. a. 2022).
5Ein wichtiger Themenkomplex in den Gruppendiskussionen war die Reichweite der eigenen Publikationen. Dabei ging es einerseits um eine möglichst große Verbreitung der Publikationen in einer breiten Öffentlichkeit. Andererseits betonten die Teilnehmenden, dass sie spezifische Zielgruppen in der Fachcommunity erreichen wollen, für die die Thematik der Publikation tatsächlich von Interesse ist. Insbesondere bei Publikationen, die sich an die Praxis sowie die breite Öffentlichkeit richteten, wurde Open Access aufgrund der direkten Zugriffsmöglichkeiten sowie der besseren Sichtbarkeit und Reichweite als geeignete Form des Publizierens benannt. Auch in der Onlinebefragung wurde thematisiert, wie wichtig den Befragten bestimmte Aspekte der Reichweite ihrer Publikationen sind.
6Bezogen auf die Reichweite hielten es fast alle befragten Personen für entscheidend, dass ihre Publikation von möglichst vielen Interessierten gelesen wird. Ebenso wichtig war ihnen, dass ihre Publikation einfach und jederzeit online zur Verfügung steht. Schaut man auf die Barrieren bei der Zugänglichkeit, hielten sehr viele für notwendig, dass ihre Publikation als digitale Version erscheint. Für etwas mehr als die Hälfte der Befragten war es wichtig, dass ihre Publikation sowohl digital als auch als Druckwerk (Printpublikation) erhältlich ist. Eine vermutete besondere Wertschätzung gedruckter Bücher wurde ebenfalls thematisiert: Der Aussage „Druckwerke symbolisieren eine höhere Wertigkeit als digitale Publikationen“ stimmten aber nur etwas weniger als die Hälfte der Befragten zu und noch weniger Personen gaben an, dass ihnen ihre digitalen Publikationen in ihrem Umfeld weniger Anerkennung einbrächten als ihre Druckwerke.
7Im Hinblick auf die eigene Publikationstätigkeit nannten die Teilnehmenden in den Gruppendiskussionen unterschiedliche Kriterien bei der strategischen Wahl eines geeigneten Publikationsorgans. Journals und Verlage, die in der Fachcommunity bekannt und anerkannt sind, erhielten den Vorzug. Insgesamt deuteten die Teilnehmenden ganz im Sinne Luhmanns an, dass Reputation für Autorinnen und Autoren durch Veröffentlichungen in entsprechend qualitätsgesicherten und anerkannten Publikationsmedien erreicht werden kann. Mit ausgewählten Variablen aus der Onlinebefragung zu den Aspekten Qualitätssicherung, Renommee und Exklusivität, die sich damit beschäftigten, was den Befragten wichtig ist, wenn sie selbst publizieren, wurde eine explorative Faktorenanalyse gerechnet. Es ließen sich drei Faktoren extrahieren:
- Reputationsgewinn durch Publikationen: Reputation durch wissenschaftliches Publizieren aufzubauen und zu vermehren.
- Publizieren in renommiertem Umfeld: Dies beschreibt eine Methode für die bevorzugte Platzierung eigener wissenschaftlicher Publikationen. Die Autorinnen und Autoren orientieren sich dabei am Renommee Dritter und veröffentlichen in renommierten Publikationsmedien und/oder in Zusammenarbeit mit renommierten Autorinnen und Autoren bzw. Herausgeberinnen und Herausgebern.
- Selektionsprozesse (erfolgreich) durchlaufen: Dies beschreibt die Haltung der Befragten, gängige Selektionsprozesse und Qualitätssicherungsverfahren als Auswahlkriterien und Hürden im wissenschaftlichen Publikationsprozess anzuerkennen.
9Das Thema Reputation spielt in den ersten beiden Faktoren die zentrale Rolle. Qualitätssicherung, als notwendige Bedingung für die reputationsstiftende Wirkung von Publikationen, findet sich im dritten Faktor wieder, beispielsweise in Peer-Review-Verfahren. Exklusivität, die erforderlich ist, damit eine wissenschaftliche Publikation angesichts der Vielzahl an Veröffentlichungen wahrgenommen wird, steckt in den Faktoren zwei und drei: Gemeinsames Publizieren mit anderen renommierten Autorinnen bzw. Autoren oder in einem renommierten Verlag führt beispielsweise zu einer gewissen Exklusivität. Gleiches gilt für das erfolgreiche Durchlaufen von Auswahlprozessen.
10In den Gruppendiskussionen wurde das Thema Open Access mit fehlender Exklusivität und geringem Renommee in Verbindung gebracht. Diesen Ergebnissen der Gruppendiskussionen wurde in der Onlinebefragung genauer nachgegangen. Neben Einstellungen zu Open Access, beispielsweise hinsichtlich Reichweite, Zugänglichkeit und Lizenzierung, wurden auch Vorurteile und unzutreffendes Wissen über Open Access in der Onlinebefragung thematisiert. Mit ausgewählten Variablen konnte eine weitere explorative Faktorenanalyse berechnet werden, die Meinungen und Einstellungen der Befragten zu Open Access beschreiben. Folgende Faktoren ließen sich extrahieren:
- Open Access bietet kein renommiertes Umfeld: Dies bezieht sich auf mangelndes Renommee. Ein renommiertes Umfeld, beispielsweise angesehene Verlage, etablierte digitale Veröffentlichungsplattformen, bekannte Herausgeberinnen und Herausgeber oder Autorinnen bzw. Autoren sowie anerkannte referierte Journals fehlen beim Disseminationsweg Open Access.
- Drohende Urheberrechtsverletzungen und mindere Qualität bei Open-Access-Publikationen: Einerseits werden substanzielle Urheberrechtsverletzungen antizipiert, wenn der Disseminationsweg Open Access gewählt wird. Andererseits werden Open-Access-Publikationen als qualitativ minderwertiger eingestuft, weshalb auch von wenig renommierten Autorinnen bzw. Autoren ausgegangen wird.
- Fehlender Urheberschutz bei Open-Access-Publikationen: Dies beschreibt Open-Access-Publikationen als urheberrechtlich ungeschützt. Texte, Grafiken, Tabellen und Bilder können ohne Quellenangabe entnommen und weiterverwendet werden. Dabei wird der Urheberschutz mit dem Thema Exklusivität verbunden: Die Urheberin bzw. der Urheber kann exklusiv festlegen, wie die eigene Publikation genutzt und verbreitet werden darf. Open Access wird diesbezüglich mit fehlender Exklusivität in Verbindung gebracht.
12Die Faktorenanalyse bestätigte, worauf bereits die Gruppendiskussionen hingedeutet haben: Open Access wird nicht als reputationsstiftend, qualitätsgesichert oder rechtlich geschützt wahrgenommen; es hat ein schlechtes Image unter Autorinnen und Autoren der Berufsbildungsforschung.
13In den Gruppendiskussionen zeigte sich, dass Open Access bei der Recherche und im Beschaffungsprozess wissenschaftlicher Literatur für die Teilnehmenden kein Such- oder Auswahlkriterium ist. Vielmehr sind die Themen bei der Literaturrecherche das dominante Kriterium. Die Teilnehmenden suchen außerdem über unterschiedliche Recherchequellen nach Literatur und profitieren von der relativ einfachen Beschaffung wissenschaftlicher Literatur durch institutionelle Anbindungen. Die Möglichkeit, auf Literatur zugreifen zu können, weil die Institution, für die die Teilnehmenden arbeiten, beispielsweise Literaturdatenbanken lizenziert hat, begünstigt scheinbar, dass nicht explizit nach Open-Access-Publikationen gesucht wird. Ob Literatur Open Access verfügbar ist oder durch die Universität bzw. die Institution lizenziert wurde, ist von Nutzerinnen und Nutzern oftmals nicht auszumachen. Auch in der Onlinebefragung wurden die Teilnehmenden danach gefragt, wie wichtig ihnen bestimmte Aspekte bei der Nutzung von Publikationen im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit sind. Mehr als die Hälfte der Befragten fanden es nicht wichtig, dass Literatur, die sie suchen, als Druckwerk vorliegt. Wichtiger war es ihnen, dass diese Literatur als digitale Version verfügbar ist. Die überwiegende Mehrheit wünscht sich, dass Literatur einfach und jederzeit online zugänglich ist. Die dauerhafte Verfügbarkeit und damit Wiederauffindbarkeit einer Veröffentlichung war ebenfalls für eine deutliche Mehrheit wichtig, insbesondere wenn sie diese nutzen, während sie selbst an einer Publikation schreiben.
14Schließlich wurde mit ausgewählten Variablen zu den Aspekten Qualitätssicherung, Renommee und Exklusivität eine explorative Faktorenanalyse zur Nutzung von Literatur durchgeführt. Drei Faktoren ließen sich extrahieren:
- Renommee als zentrales Auswahlkriterium für Publikationen: Die Befragten orientieren sich an ihnen bereits bekannten namhaften Herausgeberinnen und Herausgebern, Verlagen, Autorinnen und Autoren oder nutzen anerkannte Periodika, die aus ihrer Sicht geschätzt und renommiert sind.
- Wissenschaftlichkeit als zentrales Auswahlkriterium für Publikationen: Hier steht die Wissenschaftlichkeit der ausgewählten Texte im Fokus. Diese kann sich in erfolgreich durchlaufenen Qualitätssicherungsprozessen oder Auswahlverfahren zeigen, aber auch durch kritisches Lesen der Nutzerinnen und Nutzer festgestellt werden.
- Unmittelbare Verfügbarkeit als zentrales Auswahlkriterium für Publikationen: Dies beschreibt unmittelbare und kostenfreie Zugriffsmöglichkeiten sowie digitale Publikationen und Preprints. Es geht vor allem darum, ohne weitere Barrieren wie etwa Bezahlschranken, über die Publikation verfügen zu können: Im Moment der Recherche soll auch der Zugriff erfolgen können.
16Das Renommee, das den ersten Faktor kennzeichnet und mit einzelnen Publikationen und Autorinnen und Autoren in Verbindung gebracht wurde, dient der Selektion und Orientierung, indem es beispielsweise die Chancen für die Wahrnehmung einzelner Publikationen innerhalb der Wissenschaft beeinflusst. Neben dem Renommee und zur Legitimierung der Selektion hat sich auch die sachliche Kritik institutionalisiert, die sich in der Wissenschaftlichkeit und Qualitätssicherung bei Faktor zwei wiederfindet. Jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler ist gehalten, ihre bzw. seine Meinung der Kritik der anderen zu stellen und sich mit Meinungen anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisch auseinanderzusetzen. Exklusivität bei der Nutzung von Literatur spielte jedoch keine besondere Rolle für die Befragten. Hier standen stattdessen Aspekte der unmittelbaren Verfügbarkeit im Vordergrund.
Fazit
17Die empirischen Ergebnisse des Forschungsprojekts zeigen die Bedeutung von Reputation und Renommee, Qualitätssicherung und Exklusivität im Kontext von Publikationen. Gleichzeitig zeigen sie, dass die Befragten Open-Access-Publikationen in ihrem Alltag oft nicht als solche wahrnehmen. Viele verfügen über wenig spezifisches Wissen zu Open Access − bei manchen finden sich stattdessen Vorurteile. Die Daten legen nahe, dass Open Access nicht als reputationsstiftend, qualitätsgesichert oder rechtlich geschützt wahrgenommen wird. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse jedoch, dass die Nutzung digitaler Publikationen bei der eigenen wissenschaftlichen Arbeit gängige Praxis ist und digitalen Veröffentlichungen keine schlechtere Wertigkeit als gedruckten Publikationen zugeschrieben wird.
2. Peer Review und Reputation 1
18Der Begriff Peer Review wird im Allgemeinen definiert als ein Verfahren zur Begutachtung wissenschaftlicher Manuskripte durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Laufe des Veröffentlichungsprozesses. Es gibt kein einheitliches Peer-Review-Verfahren, da sich dieses je nach Journal, Verlag und begutachtenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterscheidet. Das Peer-Review-Verfahren ist ein anerkanntes, wenn auch nicht unumstrittenes Qualitätssicherungsverfahren.
19Es gibt mittlerweile zahlreiche Forschungsarbeiten, die sich kritisch mit dem Peer-Review-Verfahren auseinandergesetzt haben. Exemplarisch seien zwei Arbeiten genannt: 1982 reichten Peters und Ceci im Rahmen einer Untersuchung zwölf bereits publizierte Artikel aus dem Bereich der Psychologie erneut bei den Journals ein, die diese Artikel bereits publiziert hatten. Sie änderten lediglich die Namen der Autorinnen und Autoren sowie den Namen der einreichenden Institution. Das Ergebnis dieser erneuten Einreichung belegte eindrucksvoll die Schwächen des Peer-Review-Verfahrens, denn nur drei der Artikel wurden als bereits veröffentlicht erkannt, acht Artikel wurden, häufig mit der Begründung erheblicher methodischer Mängel, abgelehnt. Nur ein Artikel wurde erneut für eine Veröffentlichung akzeptiert (vgl. Peters & Ceci 1982). Die Untersuchung von Peters und Ceci ist auch deswegen interessant, weil ihre eigene Veröffentlichung zunächst von einem renommierten Journal abgelehnt wurde, bevor ein anderes renommiertes Journal sie veröffentlichte. 2013, also rund 30 Jahre später, veröffentlichte Bohannon seinen Artikel „Who’s afraid of Peer Review?“ im Journal Science. Er hatte für diesen Artikel 304 offensichtlich fehlerhafte Artikel bei Open-Access-Journals eingereicht, die angeblich das Peer-Review-Verfahren als Qualitätssicherungsstandard nutzten. 60 Prozent dieser Journals akzeptierten trotz der offensichtlichen Mängel eine Veröffentlichung der Artikel. Bohannon stieß damit insbesondere eine Debatte um die Qualität von Open-Access-Journals an (vgl. Rödel 2018). Diese beiden sehr bekannten und häufig zitierten Untersuchungen zeigen eindrucksvoll, dass das Peer-Review-Verfahren bzw. das Versprechen, es anzuwenden, kritisch betrachtet werden muss, da es entweder – trotz der Beteuerung von Journals – nicht zum Einsatz kommt oder zu willkürlich erscheinenden Ergebnissen führen kann.
20Viele Forschungen zum Peer-Review-Verfahren haben weitere Probleme offengelegt: So sinkt die Chance, einen Artikel zu veröffentlichen, wenn es sich nur um Replikationsstudien handelt, die empirischen Ergebnisse nicht signifikant sind oder diese dem dominanten Forschungsparadigma widersprechen und eher unkonventionellen Ansätzen folgen. Die Chancen sinken auch, wenn der Artikel von Autorinnen geschrieben wurde oder von unbekannten Autorinnen bzw. Autoren wenig bekannter Institutionen eingereicht wird. Das Peer-Review-Verfahren gilt außerdem als langsam, teuer, subjektiv und anfällig für vorurteilsgeprägte Verzerrungen sowie als nahezu nutzlos, um Betrugsversuche aufzudecken. Gutachtende bewerten außerdem häufig nicht die Qualität eines Artikels, sondern orientieren sich an leicht zu identifizierenden Indikatoren, wie der Größe der Stichprobe, der Komplexität der Berechnungen oder der Klarheit der Ergebnisdarstellung. Die Reliabilität wissenschaftlicher Ergebnisse spielt bei der Begutachtung häufig eine nur untergeordnete Rolle. Bemängelt wird dabei insbesondere das Fehlen eindeutiger Maßstäbe für die Bewertung durch die Gutachtenden und fehlende Standards für das Peer-Review-Verfahren. Die Gutachtenden werden außerdem häufig als zu wenig erfahren wahrgenommen. Grundsätzlich haben Gutachtende die Tendenz, solche Arbeiten positiver zu bewerten, die ihre eigenen Ansichten unterstützen. Publikationen, die ihren eigenen Ansichten weniger entsprachen, wurden negativer bewertet. Außerdem kann bereits die Sprache des eingereichten Artikels einen Einfluss auf das Gutachten haben. So erscheinen viele renommierte Journals in englischer Sprache. Englische Muttersprachlerinnen und Muttersprachler können somit im Einreichungsprozess einen Vorteil haben. Gutachten werden manchmal auch als unprofessionell und unhöflich wahrgenommen, da die Gutachtenden wenig wertschätzend und nicht konstruktiv formulieren. Kritik am Peer-Review-Verfahren wird auch geübt, weil die großen Wissenschaftsverlage Gutachtende nicht bezahlen. Sie arbeiten gratis für diese Verlage, die selbst wiederum ihre Journals teuer an Universitätsbibliotheken verkaufen (zusammenfassend Rödel 2020, 20ff.).
21Die Gruppendiskussionen und die Onlinebefragung von Autorinnen und Autoren aus der Berufsbildungsforschung im Forschungsprojekt OABBF (vgl. Abschnitt 1: Open Access und Reputation sowie Getz u. a. 2020; 2022) machten auch deutlich, dass Peer Review als Qualitätssicherungsverfahren im Hinblick auf die Akzeptanz von Open Access besonders wichtig ist. Es zeigte sich, dass unter Autorinnen und Autoren teilweise die Befürchtung bestand, dass im Open-Access-Publikationsprozess herkömmliche Qualitätssicherungsverfahren nicht angewendet werden.
22Rückmeldungen, die Autorinnen und Autoren durch die Gutachten erhalten, wurden als wertvolles Feedback wahrgenommen und geschätzt, um die eigene wissenschaftliche Arbeit kritisch betrachten und qualitativ einordnen zu können. Schließlich wurde mit Bezug auf den Mehrwert, den das Peer-Review-Verfahren mit sich bringt, erklärt, dass man aus Gutachten etwas für die eigene Arbeit lernen kann. Im Hinblick auf die Bezahlung von Gutachterinnen und Gutachtern wurde in den Diskussionen deutlich, dass das Vorgehen der Verlage, das Peer-Review-Verfahren in der Regel nicht zu bezahlen, von den Teilnehmenden durchaus kritisch reflektiert wird. Inwieweit diskursive Prozesse bei den befragten Autorinnen und Autoren der Berufsbildungsforschung auf besonderes Interesse stoßen, wurde anhand mehrerer Fragen in der Onlinebefragung thematisiert. Dabei wurde zwischen Diskursen unterschiedlicher Intensität und Öffentlichkeit bei eigenen und wissenschaftlichen Publikationen Dritter unterschieden. Ausführliche Gutachten zu eigenen Manuskripten im Kontext von Peer-Review-Verfahren wurden positiv bewertet. Möglichkeiten zum Austausch mit den Gutachterinnen und Gutachtern wurden von den Autorinnen und Autoren begrüßt.
23Die nachfolgend vorgestellten Aussagen und Ergebnisse basieren auf einer weiteren Untersuchung, die 2023 durch das BIBB durchgeführt wurde. Sie adressierte gezielt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Berufsbildungsforschung aus drei Perspektiven: als Lesende wissenschaftlicher Fachpublikationen, als Autorinnen und Autoren von Fachpublikationen sowie als Gutachterinnen und Gutachter im Peer-Review-Verfahren. Ziel war es, eine erste Einschätzung zum Stellenwert des Peer Review von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu erhalten, die in einer Disziplin der Berufsbildungsforschung tätig sind. 128 Personen haben die Onlineumfrage aufgerufen. Davon haben 81 Personen die Eingangsfrage, ob sie sich bzw. ihr Arbeitsfeld dem Gegenstandsbereich der Berufsbildungsforschung zuordnen, mit „ja“ beantwortet und konnten damit an der Umfrage weiter teilnehmen. Im ersten Teil der Umfrage sollten die Teilnehmenden Einschätzungen aus der Perspektive der Lesenden abgeben. Zur Eingangsfrage nach der Bekanntheit der Peer-Review-Verfahren passte, dass nur acht Personen angaben, sich mit den Peer-Review-Verfahren nicht gut auszukennen. Der weit überwiegende Teil schien das Peer-Review-Verfahren auch für sehr sinnvoll zu halten und stimmte der Aussage „[d]as Peer Review ist als Qualitätssicherungsprozess für Fachpublikationen unbedingt notwendig“ voll und ganz oder zumindest eher zu. Allerdings schienen auch nicht peer-reviewte Journals als lesenswert eingeschätzt zu werden. So lehnte mehr als die Hälfte die Aussage „[n]ur peer-reviewte Journals sind in meinem Fachgebiet wirklich lesenswert“ ab und stimmte dieser Aussage nicht bzw. eher nicht zu. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten interessierte sich auch für die Gutachten zu den Artikeln und etwas mehr als die Hälfte würde es begrüßen, wenn mehr peer-reviewte Artikel in der Berufsbildungsforschung veröffentlicht würden.
24Große Einigkeit herrschte bezüglich des Stellenwerts von peer-reviewten Artikeln für die wissenschaftliche Karriere. Der Aussage „[i]n peer-reviewten Journals zu veröffentlichen, ist besonders wichtig für die wissenschaftliche Karriere“ stimmten 75 Personen eher bzw. voll und ganz zu. Dies zeigt die große Bedeutung des Peer-Review-Verfahrens auch in der Berufsbildungsforschung.
25Etwas mehr als die Hälfte der Befragten veröffentlicht gezielt in peer-reviewten Journals und der weit überwiegende Teil der befragten Personen stimmte der Aussage, durch die Gutachten wichtige Anregungen für ihre Veröffentlichung zu erhalten, zu. Der Aussage, dass peer-reviewte Veröffentlichungen reputationssteigernd wirken, stimmte der weit überwiegende Teil voll zu. Dementsprechend ist auch mehr als die Hälfte der Befragten der Meinung, dass peer-reviewte Veröffentlichungen für ihre Laufbahn besonders wichtig seien. Wenn ein peer-reviewtes Journal die eigene Veröffentlichung ablehnt, versucht mehr als die Hälfte der Befragten die Publikation in einem anderen Journal zu platzieren.
26Zum Verfahren selbst wünschte sich nur knapp die Hälfte der Befragten einen direkten Kontakt zu den Gutachtenden. Dementsprechend wurde es auch als wenig hilfreich empfunden, die Gutachtenden namentlich zu kennen. Zur Frage, ob die Gutachten zu einer Publikation veröffentlicht werden sollten, gab es kein eindeutiges Meinungsbild. Auch zu der Frage, ob ein offenes Peer-Review-Verfahren für sinnvoll erachtet wird, äußerten sich nur etwas weniger als die Hälfte der Befragten zustimmend oder eher zustimmend. Mit der Idee einer weiteren Überarbeitung – auch nach der Veröffentlichung eines Artikels – konnten sich knapp mehr als die Hälfte der Befragten anfreunden.
27Wenig überraschend fanden fast alle Befragten, dass eine Tätigkeit als Gutachterin bzw. Gutachter zum Wissenschaftsbetrieb gehöre. Allerdings sanken die Zustimmungswerte, wenn die Personen gefragt wurden, ob sie gerne als Gutachterin bzw. Gutachter tätig seien. Neun Personen sagten, dass diese Aussage eher nicht zutrifft. Interessant war die Zustimmung zur oder Ablehnung der Aussage, dass Gutachterinnen bzw. Gutachter von den Verlagen bezahlt werden sollten: Nur etwas weniger als die Hälfte der Befragten stimmte dieser Aussage zu. Knapp ein Viertel der Befragten gab an, sich als Gutachterin bzw. Gutachter manchmal eigentlich nicht kompetent zu fühlen, aber Gutachten trotzdem zu schreiben. Allen Gutachtenden war dabei wichtig, den Autorinnen und Autoren konkrete Anregungen zu geben. Dabei möchte mehr als die Hälfte keinen direkten Kontakt zu den Autorinnen und Autoren. Eine namentliche Veröffentlichung ihrer Gutachten lehnte mehr als die Hälfte der Befragten ab.
Fazit
28Zu Beginn des Artikels wurde bereits auf wissenschaftssoziologische und medientheoretische Überlegungen hingewiesen (ausführlich dazu vgl. Getz u. a. 2020, 12ff.; Getz u. a. 2022), die auch für die Interpretation der Ergebnisse dieser Untersuchung hilfreich sind. So beschrieb Luhmann schon 1970, dass die Qualitätssicherung von wissenschaftlichen Publikationen ihrer Rezeption vorgeschaltet sein muss, da diese durch die Leserinnen bzw. Leser selbst nicht mehr erfolgen kann. Ursächlich dafür ist, dass der stetigen insgesamten Zunahme an wissenschaftlichen Publikationen eine nur begrenzte Wahrnehmung seitens der Forschenden gegenüberstehe. Zur Bewältigung der Komplexität von wissenschaftlichen Publikationen, für die thematische Relevanzeinschätzung und für die Prüfung der Richtigkeit von Forschungsergebnissen brauche es Mechanismen, um Einzelpersonen zu entlasten (s. o.). Das Peer-Review-Verfahren ist hierbei besonders wichtig. Schließlich ist das Thema Reputation für Forschende entscheidend. Diese wird Forschenden zugeschrieben, dabei spielt das wissenschaftliche Publikationssystem und die „Anwesenheit an renommierten Plätzen“ (s. o.) eine zentrale Rolle.
29Die Umfrage zeigt, dass sich die Teilnehmenden gut mit den in der Berufsbildungsforschung gängigen Peer-Review-Verfahren auskennen und diese als Qualitätssicherungsprozesse für unverzichtbar halten. Dennoch werden auch Publikationen für relevant erachtet, die nicht peer-reviewt sind.
30Insgesamt wünschen sich die Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer mehr peer-reviewte Veröffentlichungen. Große Einigkeit herrscht in der Annahme, dass diese Veröffentlichungsform für die wissenschaftliche Karriere wichtig sei. Es wird angenommen, dass diese Veröffentlichungen reputationssteigernd wirken. Auch für die berufliche Laufbahn werden peer-reviewte Veröffentlichungen als wichtig eingeschätzt. Daher wird versucht, gezielt in peer-reviewten Journals zu veröffentlichen. Die Gutachten selbst werden aber als weniger relevant erachtet.
31Die Tätigkeit als Gutachterin bzw. Gutachter wird als fester Bestandteil des Wissenschaftsbetriebs wahrgenommen. Im Allgemeinen erfüllen die Umfrageteilnehmenden diese Aufgabe gerne. So findet auch weniger als die Hälfte der Befragten, dass sie als Gutachtende bezahlt werden sollten. Die Gutachtenden selbst betrachten sich als bemüht, den Autorinnen und Autoren konkrete Verbesserungsvorschläge zu machen.
32Das Peer-Review-Verfahren hat, wie in anderen Wissenschaftsdisziplinen auch, im Gegenstandsbereich der Berufsbildung einen wichtigen Stellenwert. Es sichert Qualität und – ganz im Sinne Luhmanns – Exklusivität und damit Reputation.
3. Soziale Medien und Reputation
33Im Rahmen eines Promotionsvorhabens wurde ethnografisch untersucht, inwieweit soziale Medien, die auch als Social Media bezeichnet werden (vgl. Schrape & Siri 2019, 1053), Bestandteil des beruflichen Alltags von Berufsbildungsforschenden sind und welche Rolle aus Sicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Präsenz auf den entsprechenden Plattformen in ihrem Arbeitsalltag einnimmt. Über eine Social-Media-Ethnografie (Bareither & Schramm 2023) mit teilnehmender Beobachtung auf den Social-Media-Plattformen Twitter und ResearchGate im Jahr 2022 sowie halbstrukturierten Interviews mit zwölf Berufsbildungsforschenden im Jahr 2023, wurde unter anderem der Frage nachgegangen, inwieweit soziale Medien dem Aufbau wissenschaftlicher Reputation dienen können. Die Auswertung des Interviewmaterials offenbart vier Themencluster rund um das Thema Reputationsaufbau, auf die im Folgenden näher eingegangen wird.
Sichtbarkeit und online „Stattfinden“
34Es zeigt sich, dass die Nutzung sozialer Medien wie Twitter, ResearchGate, aber auch LinkedIn als Möglichkeit der Herstellung einer Sichtbarkeit der eigenen wissenschaftlichen Arbeit und damit als ein Mittel zur Reputationsbildung wahrgenommen wird. Dabei ist es vor allem für die befragten Promovierenden von Bedeutung, auf einschlägigen Social-Media-Plattformen auffindbar zu sein. So möchte B4 soziale Medien nutzen„[…] einfach um präsent zu sein als Wissenschaftlerin. […] also sollte jemand auf das Profil stolpern wäre das schonmal sichtbar“ (B4_Prom_ Pos. 12). Hier zeigt sich, dass eine Präsenz auf Social Media als fester Bestandteil des Tätigkeitsprofils einer Wissenschaftlerin bzw. eines Wissenschaftlers wahrgenommen wird und die Möglichkeit eines ,Gefunden-Werdens‘ auf Social Media als wichtig und zuträglich für das eigene wissenschaftskommunikative Profil betrachtet wird. Gleichzeitig wird in den Interviews angesprochen, dass bei der Nicht-Nutzung der Plattformen, zum Beispiel im Rahmen von Pausenzeiten oder in Urlaubsphasen, der Eindruck entstehen könnte, dass der wissenschaftlichen Tätigkeit nicht mehr nachgegangen wird und dass die eigene Inaktivität auf den Plattformen zu einer Art ,Unsichtbarkeit‘ führt, wie Professorin bzw. Professor B5 erklärt:„Und manchmal hab ich aber dann das Gefühl: ,Oh Gott. Dann denken ja Leute, ich finde da nicht mehr statt‘ oder so“ (B5_Prof_ Pos. 112).
35Schließlich sprechen die Befragten auch das große Potenzial an, das soziale Medien bieten, um als Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftler mit eigenen Publikationen sichtbar zu sein und um die eigene wissenschaftliche Arbeit für Interessierte sichtbar zu machen. Auffällig ist jedoch, dass die Befragten sich zwar in den Interviews vermehrt dazu äußern, sichtbar sein zu wollen, jedoch eine Selbstdarstellung ihrer Person explizit ablehnen. Dies führt beispielsweise B10 folgendermaßen aus:„Da habe ich dann irgendwie nicht so richtig viel Lust, mich selbst in den Vordergrund zu spielen […] da bin ich nicht selbstdarstellerisch genug“ (B10_Prof_w, Pos. 65). Vielmehr sei es aus Sicht der Befragten wichtig, auf sozialen Medien die Inhalte aktiv einzustellen, die etwas substanziell Wichtiges für die Forschungscommunity oder wissenschaftliche fundierte Informationen beinhalten.
Zunehmende Karriererelevanz sozialer Medien
36Während Berufsbildungsforschende unterschiedlicher Karrierestufen in den Interviews angeben, als Wissenschaftlerinnen bzw. Wissenschaftler sichtbar und auffindbar in sozialen Medien sein zu wollen, gibt eine Anzahl der befragten Professorinnen und Professoren in den Interviews an, die Nutzung sozialer Medien für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler als „zunehmend relevant“ (B10_Prof_Pos. 122) zu betrachten. B9 äußert, „[f]ür jemanden, der jetzt im Nachwuchsbereich ist, erwarte ich, dass das karriererelevant ist“ (B9_Prof_Pos. 161) und B13, ebenfalls Professorin bzw. Professor betont zumindest, dass soziale Medien von Nachwuchsforschenden nicht unbeachtet bleiben sollten und es sich dabei um ein Thema handelt, „mit dem man sich als Nachwuchswissenschaftler/-in auseinandersetzen muss und für sich selber eine Position finden muss“ (B13_Prof_Pos. 62).
37Die Äußerungen zeigen, dass soziale Medien für den wissenschaftlichen Karriereaufbau teils auch aus Sicht der Befragten auf höheren Karrierestufen an Relevanz gewinnen.
Die eigenen Publikationen verbreiten
38Diejenigen Befragten, die bereits in ihrer Karriere fortgeschritten sind bzw. Publikationen vorweisen können, nutzen insbesondere ResearchGate, teils jedoch auch andere Plattformen wie Twitter und LinkedIn, um eigene Publikationen einzustellen, zu verbreiten und auf sie aufmerksam zu machen. So erwähnt B11, seine Publikationen bei Anfragen über ResearchGate an Interessierte zu versenden und dort hochzuladen: „[…] wenn ich eine neue Publikation habe, lade ich die hoch“ (B11_PostDoc_ Pos. 16). B8 möchte seine Publikationen ebenfalls „wenn es möglich ist, wenn die Open Access sind [bei ResearchGate] rein[…]stellen“ (B8_Prom_Pos. 8).
39Es wird deutlich, dass die Befragten einerseits den obengenannten Wunsch nach der Sichtbarkeit eigener Publikationen hegen, andererseits ihre Inhalte aber auch der wissenschaftlichen Community zugänglich machen möchten, insbesondere, wenn diese als Open-Access-Publikationen verfügbar sind und als Volltexte eingestellt werden können. Insofern kann das Einstellen und Posten eigener Publikationen sowohl als eine Art „Werbung“ für den eigenen Forschungsoutput und damit als ein Beitrag zum Aufbau wissenschaftlicher Reputation betrachtet werden als auch mit dem Wunsch der Befragten nach Austausch und wissenschaftlichem Diskurs sowie dem offenen Zugriff auf Literatur für andere Forschende in Verbindung gebracht werden.
Auf Publikationen zugreifen
40Literatur, die auf sozialen Medien eingestellt wird, kann dort in der Folge auch von den Befragten selbst abgerufen werden. Dementsprechend geben die Forschenden an, dass sie soziale Medien, allen voran ResearchGate, sowohl für die Literaturrecherche als auch für den Zugriff auf Volltexte nutzen, diese bei Autorinnen und Autoren anfragen und/oder herunterladen. B2 hebt den unkomplizierten Zugriff auf Literatur über ResearchGate dementsprechend hervor: „Dann werden ja auch Paper oft direkt reingepostet, so dass man da auch super schnell Zugang hat“ (B2_Prom_w, Pos. 34).
Fazit
41Grundsätzlich zeigen die Interviews, dass die befragten Berufsbildungsforschenden soziale Medien ergänzend zu weiteren „klassischen“ wissenschaftlichen Tätigkeiten, wie Konferenzvorträgen oder Publikationen wahrnehmen und nutzen. Soziale Medien werden insgesamt hinsichtlich ihrer reputationsstiftenden Funktion zwar teilweise von den Befragten mit Skepsis betrachtet und selbstdarstellerisches Verhalten auf den Plattformen klar von ihnen abgelehnt, jedoch äußern die Forschenden grundsätzlich auch den Wunsch danach, in ihrer Funktion als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem eigenen Publikationsoutput sichtbar zu sein. Etablierte Forschende auf Professorinnen- sowie Professoren-Ebene geben überdies vermehrt an, dass eine Präsenz auf sozialen Medien – insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs – zunehmende Bedeutung erlangt hat und es für die wissenschaftliche Karriere immer wichtiger wird, sich mit sozialen Medien auseinanderzusetzen. Das Einstellen des eigenen wissenschaftlichen Outputs auf Social-Media-Plattformen wird von den Befragten darüber hinaus grundsätzlich praktiziert, einerseits um Zugriff auf die eigenen Publikationen zu gewähren, andererseits um auf die Publikationen anderer zugreifen zu können. Hierbei handelt es sich letztlich auch um das Bekanntmachen und Hervorheben eigener Publikationen und Leistungen. Da Publikationsoutput potenziell reputationsstiftend wirkt (vgl. Luhmann 1970), lässt sich hier zusammenfassen, dass soziale Medien von den Befragten als Signalverstärker für den eigenen wissenschaftlichen Output und zugunsten eines potenziellen Zugewinns an Reputation genutzt werden. Es zeigt sich außerdem, dass soziale Medien inzwischen auch im Rahmen der Wissenschaftskommunikation in dem interdisziplinären Gegenstandsbereich der Berufsbildungsforschung angekommen sind.
Literatur
- Bareither, Christoph und Pia Schramm. „Social-Media-Ethnografie.“ Kulturanthropologie Notizen 85 (2023): 78–95.
- Getz, Laura, Karin Langenkamp, Bodo Rödel, Kerstin Taufenbach, Meike Weiland. Begrenzt offen. Erste Ergebnisse des Forschungsprojekts „Open Access in der Berufsbildungsforschung“. Bonn: Verlag nicht ermittelbar, 2020. https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/16920 (Stand: 27.11.2024).
- Getz, Laura, Karin Langenkamp, Meike Weiland, Bodo Rödel, Kerstin Taufenbach. „Wissenschaftliches Publizieren in der Berufsbildungsforschung.“ In Offene Zusammenhänge. Open Access in der Berufsbildungsforschung. Hrsg. von Hubert Ertl, Bodo Rödel, 49–65. Bonn: Verlag nicht ermittelbar, 2022. https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/18249 (Stand: 27.11.2024).
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- Rödel, Bodo. Peer Review. Entstehung – Verfahren – Kritik. Bonn: Verlag nicht ermittelbar, 2020. https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/10827 (Stand: 27.11.2024).
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