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Strategien des Reputationsaufbaus bei Berlin Universities Publishing: Strategien des Reputationsaufbaus bei Berlin Universities Publishing

Strategien des Reputationsaufbaus bei Berlin Universities Publishing
Strategien des Reputationsaufbaus bei Berlin Universities Publishing
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Notes

table of contents
  1. Book Cover
  2. Title Page
  3. Editorial
  4. Strategien des Reputationsaufbaus bei Berlin Universities Publishing

Strategien des Reputationsaufbaus bei Berlin Universities Publishing

Michael Kleineberg, Katharina Schulz & Robert Wiese

1. Einleitung

1In der Wissenschaft gelten Publikationen als unverzichtbare Indikatoren bei der Forschungsbewertung, und somit für die Zuschreibung von Reputation. Das gilt sowohl für die Quantität als auch für die Qualität der veröffentlichten Forschungsergebnisse. Letztere lässt sich etwa nach Kriterien wie Originalität, methodische Strenge, kohärente Darstellung, oder Relevanz für die wissenschaftliche Community und Gesellschaft bestimmen. Allerdings kommt es beim wissenschaftlichen Publizieren nicht nur darauf an, wie viel und nach welchen Qualitätskriterien man publiziert, sondern offenbar auch wo und wie frei zugänglich. Die Wahl des Publikationsortes und die Entscheidung für oder gegen ein Open-Access-Modell scheinen einen erheblichen Einfluss zu haben auf die Reputabilität einer Veröffentlichung.

2So gilt das Erscheinen eines Artikels in einer Fachzeitschrift mit hohem Impact Factor oder eines Buches bei einem namhaften Wissenschaftsverlag bereits als prestigeträchtig, ganz unabhängig vom Inhalt der Publikation. Auf der anderen Seite genießen Open-Access-Publikationen zum Teil schon deswegen weniger Ansehen, weil sie oft in neuen und daher weniger etablierten Publikationsorten erscheinen (Henkes, Wrzesinski und Holscher Blackman 2025). Der wahrgenommene gute oder schlechte Ruf von solchen Publikationskontexten spiegelt dabei aber nicht zwangsläufig die tatsächliche Qualität von Forschung und deren kommunizierten Ergebnissen wider (Hopf, Dellmann et al. 2022).

3Tatsächlich bleibt der Aspekt der Reputationszuschreibung beim wissenschaftlichen Publizieren oft vage und verdient mehr Aufmerksamkeit. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen wie der zunehmenden wissenschaftspolitischen Bedeutung von nicht-kommerziellen, wissenschaftsgeleiteten Publikationsmodellen (Ancion, Borrell-Damián et al. 2022) und den Reformbemühungen zur Forschungsbewertung (DORA 2013). Insofern adressiert das Thema der Tagung "Reputation ohne Paywall? Wissenschaftliches Publizieren im digitalen Wandel”1 der AG Digitales Publizieren des Verbandes Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) ein wichtiges Desiderat (AG Digitales Publizieren 2016).

4Dieser Beitrag möchte hierbei am Beispiel von Berlin Universities Publishing (BerlinUP) die Perspektive eines Open-Access-Verlags einbringen, der sich in der hochkompetitiven Publikationslandschaft etablieren will, indem eine Alternative zu kommerziellen Verlagen durch Orientierung am Gemeinwohl und Kostenfreiheit für Lesende und Publizierende angeboten wird. Dabei sollen die Besonderheiten eines solchen Ansatzes im Sinne von Diamond Open Access gegenüber klassischen Open-Access-Modellen mit Publikationsgebühren, auf denen die Geschäftsmodelle vieler kommerzieller Wissenschaftsverlage basieren, hinsichtlich des Reputationsaufbaus herausgestellt werden.

2. Wissenschaftliches Publizieren im Wandel

2.1 Die Open-Access-Transformation

5In der Geschichte textbasierter Medien sind radikale Umbrüche vor allem durch disruptive Technologien wie den Buchdruck mit beweglichen Lettern, den Rotationsdruck oder das Internet eingeleitet worden. Das gilt auch für die in der Wissenschaft nach wie vor dominierenden Textgattungen Monografie, Sammelbandbeitrag und Zeitschriftenartikel. Insbesondere der Übergang von gedruckten Büchern und Zeitschriften zu ihren digitalen Formen seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert wurde und wird von weitreichenden Auswirkungen auf das wissenschaftliche Publikationssystem wie etwa auf Produktions-, Distributions- und Rezeptionsprozesse begleitet.

6So verkürzt sich beispielsweise die Dauer von Publikationsworkflows zum Teil deutlich, während die Anzahl an wissenschaftlichen Publikationen insgesamt massiv steigt. Verlage stellen ihre Geschäftsmodelle um. Die Literaturversorgung durch Bibliotheken befindet sich im Paradigmenwechsel vom Besitz durch Erwerbung zum Zugang durch Lizenzen (Mittler 2018). Es ändern sich Lesegewohnheiten, beispielsweise durch selektives Lesen und computergestütztes Distant Reading großer Korpora. Schließlich wandelt sich auch die Arbeit am Text, etwa durch Werkzeuge für das kollaborative Schreiben, die maschinenlesbare Auszeichnung von Dokumenten oder den Einsatz von künstlicher Intelligenz (AG Digitales Publizieren 2016; Arning 2024).

7Tatsächlich stellt diese technologieinduzierte digitale Transformation des wissenschaftlichen Publizierens für sich allein bereits einen großen Umbruch dar, der sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringt. Der Umgang mit beiden ist in hohem Maße abhängig von der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin und ihrer Publikationskultur. So unterscheiden sich zeitschriftenartikelbasierte Fächer wie im MINT-Bereich von buchaffinen Fächern wie den Geistes- oder qualitativen Sozialwissenschaften hinsichtlich ihrer Adaption digitaler Publikationspraxen. Dies hat auch Einfluss auf die wahrgenommene Reputation von digitalen Publikationsformaten und Publikationsplattformen (Kleineberg und Kaden 2017).

8Hinzu kommt jedoch noch ein weiterer Umbruch, der nicht zwangsläufig auf Technologie zurückzuführen ist, sondern auchauf die Interessen von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft – gemeint ist die Open-Access-Transformation des wissenschaftlichen Publizierens. Damit wird der strukturelle Wandel von einem Gebührenmodell für den Lesezugang zu digital veröffentlichten Forschungsergebnissen und Forschungsdaten hin zu einem Prinzip des offenen Zugangs bezeichnet. Dies beinhaltet das freie, weltweite Zugangs- sowie Nachnutzungsrecht zur Vervielfältigung, Verbreitung, Übertragung, Bearbeitung und Wiederveröffentlichung bei korrekter Angabe der Urheberschaft (Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen 2003).

9Zur Motivation der Open-Access-Bewegung seit etwa der Jahrtausendwende zählen neben den offensichtlichen Vorteilen eines freien Zugangs zu Wissen, und damit einer erhöhten Sichtbarkeit und schnelleren Verbreitung von Forschungsergebnissen, auch die Überwindung struktureller Nachteile des traditionellen Publikationssystems (Hopf, Dellmann et al. 2022). Hierzu gehören insbesondere die Auswirkungen einer Kommodifizierung von Wissen durch kommerzielle Verlage (Mittler 2018). Wissenschaftliche Forschung, einschließlich des Verfassens eines Artikels oder Buches und der inhaltlichen Qualitätssicherung durch Wissenschaftler*innen, ist zu großen Teilen mit öffentlichen Geldern finanziert. Daher die oft erhobene Forderung: Was öffentlich finanziert wird, soll auch öffentlich zugänglich sein (DFG 2022).

10Aus technischer Perspektive ist diese Forderung mit der digitalen Transformation prinzipiell einlösbar geworden. Dies wird allerdings verhindert, wenn das traditionelle Publikationsmodell aus dem Printzeitalter, basierend auf einer Übertragung ausschließlicher Nutzungsrechte an den Werken von Autor*innen zum Verlag, beim Übergang in das Digitalzeitalter beibehalten wird. In der Konsequenz wird die Verfügbarkeit digitaler Publikationen durch kommerzielle Verlage künstlich verknappt und eine Paywall mittels Subskriptions- oder Lizenzgebühren errichtet. Zum einen führt dies zu einer Doppelfinanzierung aus öffentlichen Mitteln, denn zur öffentlichen Finanzierung der Forschung kommt nun noch die öffentliche Finanzierung des Zugangs zu den Forschungsergebnissen. Zum anderen wird dadurch eine ansteigende Preisspirale begünstigt.

11Die Möglichkeit solcher Preissteigerungen ergibt sich bereits aus dem Umstand, dass wissenschaftliche Bibliotheken ihrem Auftrag zur Literatur- und Informationsversorgung nachkommen müssen und dabei übliche Marktmechanismen wie eine Regulation von Angebot und Nachfrage durch Wettbewerb nicht greifen. Dies liegt daran, dass wissenschaftliche Publikationen keine Substitutionsgüter sind, die von alternativen Anbietern bezogen werden könnten. Insofern scheint eine solche Anbieterabhängigkeit auch beim digitalen Publizieren zu dem gleichen Effekt einer Preisspirale zu führen wie er zuvor bei der Zeitschriftenkrise der 1990er Jahre zu beobachten war. Zudem führen Konzentrationsprozesse in der Verlagslandschaft dazu, dass wenige Großverlage den Publikationsmarkt dominieren (Larivière, Haustein und Mongeon 2015).

12Die Strategie der Open-Access-Transformation besteht wissenschaftspolitisch zunächst darin, den Anteil frei zugänglicher Publikationen durch zwei verschiedene Wege zu erhöhen. Zum einen wurde der Aufbau von Repositorien und Publikationsplattformen an Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen gefördert, um die Veröffentlichung und Archivierung von Forschungsergebnissen mit wissenschaftseigenen Infrastrukturen zu gewährleisten. Dies geschieht vor allem im Sinne von Green Open Access, also einer Selbstarchivierung von Zweitpublikationen, die durch eine Reform des deutschen Urheberrechtsgesetzes überhaupt erst unabhängig von den Regelungen im jeweiligen Verlagsvertrag möglich geworden ist.2 Zum anderen wurde die Finanzierung von Publikationskosten im Sinne von gebührenbasiertem Gold Open Access bei Verlagsanbietern gefördert, also von Erstpublikationen, die sofort frei zugänglich und möglichst freizügig nachnutzbar sind, und die idealerweise auf einer einfachen, nicht ausschließlichen Rechteübertragung zugunsten der Autor*innen beruhen.

13Bezogen auf die Reputabilität von Open-Access-Publikationen lassen sich hier bereits signifikante Unterschiede feststellen. So geht mit der Erstpublikation in Repositorien häufig die Sorge vor fehlender Qualitätssicherung und einem damit verbundenen Reputationsverlust einher (Arning et al. 2024). Das lässt sich unter anderem daran ablesen, dass Repositorien für die Veröffentlichung von Dissertationen in einigen Fachbereichen lange Zeit nicht als Publikationsorte anerkannt wurden. Dagegen scheinen sich gebührenbasierte Open-Access-Publikationen bei etablierten Wissenschaftsverlagen in die traditionelle Reputationsökonomie einzufügen. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass namhafte Verlage buchstäblich Profit aus ihrem Renommee schlagen können, indem entsprechende Preise für Publikationsgebühren aufgerufen werden, ohne eine transparente Kostenkalkulation vorweisen zu müssen. Bei der Wahl eines Publikationsortes wird aus Sicht von Autor*innen dessen Prestige offenbar höher gewichtet als dessen Preis (Herb and Schmal 2024). Insofern scheint auch das Gold-Open-Access-Modell der Logik einer Kommodifizierung von Wissen zu folgen und unweigerlich zu Preisspiralen zu führen, so dass vielerorts von einer zweiten Zeitschriftenkrise gesprochen wird (Barbers et al. 2020).

14Dem sollte durch die Einführung einer Höchstgrenze für die Förderung von Publikationsgebühren insbesondere für Zeitschriftenartikel entgegengewirkt werden. So wurde beispielsweise bei Publikationsfonds, die mit DFG-Mitteln an vielen Einrichtungen aufgebaut wurden, eine Deckelung bei etwa 2000 Euro pro Artikel festgesetzt. Spätestens nachdem die DFG diese Grenze mit der Überarbeitung ihres Förderprogramms aufhob (DFG 2025), konnte diese Maßnahme aber nur bedingt greifen und vielerorts erfolgten bald auch Heraufsetzungen oder sogar Aufhebungen solcher Höchstgrenzen.

15Zudem wurde mit Transformationsverträgen – also pauschalen Open-Access-Publikationsvereinbarungen mit großen Verlagen, allen voran den sogenannten DEAL-Verträgen (DEAL Konsortium 2025) – eine ganz neue Ausgangslage für das gebührenbasierte Open-Access-Publizieren geschaffen. Hier werden nicht mehr einzelne Publikationen (und damit auch einzelne Publikationsorte) auf ihre Förderfähigkeit geprüft, sondern Pauschalverträge mit den marktdominierenden Großverlagen wie Elsevier, Springer Nature und Wiley abgeschlossen, die zusammen etwa die Hälfte aller deutschen Corresponding-Author-Publikationen in Zeitschriften abdecken. Solche Verträge sollen die Open-Access-Transformation voranbringen, indem die Lesezugriffsgebühren für nicht frei zugängliche Verlagsinhalte und die Publikationsgebühren für Open-Access-Veröffentlichungen in diesen Verlagen in einer „Publish and Read”-Gebühr (PAR-Gebühr) zusammengefasst werden.

16Dadurch mögen zwar kurzfristige Rabatte für die beteiligten Bibliotheken entstehen, ihr Handlungsspielraum für oder gegen eine Förderentscheidung im Einzelfall wird damit jedoch praktisch aufgegeben. Insofern wird erneut der Marktmechanismus einer Preisregulation durch Angebot und Nachfrage ausgesetzt und die Abhängigkeit der Wissenschaft von kommerziellen Konzernen durch die weiterhin bestehende „oligopolistische Struktur des wissenschaftlichen Verlagsmarktes“ (ebd.) zementiert. Schließlich werden solche Transformationsverträge ihrem Namen kaum gerecht, denn sie führen keineswegs zu einem signifikanten Anstieg an vollwertigen Open-Access-Zeitschriften (Neufend, Kindling und Fischer 2024). Vielmehr etabliert sich auf unbestimmte Zeit eine neue Form des hybriden Open Access, bei der weiterhin pauschal Kosten für das Publizieren und den Lesezugriff entstehen.

17Abschließend sei noch auf eine weitere Herausforderung des gebührenbasierten Open-Access-Publizierens hingewiesen, die direkt mit der wahrgenommenen Reputation von Publikationsorten zusammenhängt: das sogenannte „Predatory Publishing“ (Laine et al. 2025). Hiermit werden Geschäftsmodelle von kommerziellen Verlagen bezeichnet, die auf Gewinnmaximierung durch Publikationsgebühren abzielen und dabei Abstriche bei der wissenschaftlichen Qualitätssicherung in Kauf nehmen. Die Bandbreite reicht von illegalen Falschdarstellungen, etwa zum Editorial Board oder Impact Factor einer Zeitschrift, bis hin zu fragwürdigen Begutachtungsprozessen (UNESCO 2022).

18So scheinen sich die Anreize für kommerzielle Verlage mit Einführung des gebührenbasierten Open-Access-Modells deutlich verschoben zu haben. Es wird nun weniger der Aufbau von Reputation durch strenge Selektionsmechanismen und damit die Qualität von Publikationen belohnt als vielmehr die Quantität von Publikationen, was sich beispielsweise durch eine Erhöhung der Publikationsfrequenz oder eines massiven Anstiegs von Sonderausgaben etablierter Zeitschriften auf Kosten der Qualitätssicherung zeigt (Herb 2023).

2.2 Die Rolle von Diamond Open Access

19Die genannten Strategien zur Open-Access-Transformation erscheinen zumindest in Teilen dysfunktional und wenig zielführend. Während einerseits Green Open Access im Sinne von Zweitpublikationen traditionelle Publikationsmodelle bisher nicht grundsätzlich herausfordert und das Erstpublizieren auf wissenschaftseigenen Repositorien häufig über keine systematische Qualitätssicherung verfügt, kann gebührenbasiertes Gold Open Access zu wissenschaftsfeindlichen Praktiken führen, wie beispielsweise zu diktierter Preisgestaltung.Dies ist der Fall, wenn Preisgestaltung diktiert, infrastrukturelle Abhängigkeiten oder fragwürdigen Qualitätssicherungsprozessen.

20Dazu möchte der Ansatz von Diamond Open Access eine Alternative bieten. Der Begriff „Diamond Open Access“ wird allerdings unterschiedlich gebraucht und kann zu Missverständnissen führen (Dellmann, van Edig et al. 2022; Wiese, Schulz, et al. 2025). Grundsätzlich werden damit Publikationsmodelle bezeichnet, bei denen weder Kosten für die Lesenden noch für die Publizierenden erhoben werden. Zum Teil werden aber auch zusätzliche Kriterien zum Bestandteil der Definition wie insbesondere ein nicht-kommerzielles Geschäftsmodell oder eine wissenschaftsgeleitete Infrastruktur. Unterscheidet man strikt zwischen Zugangsregime und Geschäftsmodell, lässt sich Diamond Open Access als eine Form des Gold Open Access auffassen, bei dem keine Publikationsgebühren erhoben werden.

21Damit wäre aber nicht ausgeschlossen, dass selbst Diamond-Open-Access-Modelle kommerziellen Interessen dienen könnten, etwa wenn Kosten nicht für einzelne Publikationen, sondern für die Nutzung ganzer Publikationsinfrastrukturen erhoben würden. Spätestens mit der DFG-Ausschreibung Neue Dynamik bei Diamond Open Access (DFG 2024) scheint sich ein Verständnis durchzusetzen, bei dem Diamond Open Access auf einem nicht-kommerziellen Geschäftsmodell beruht und zumeist in wissenschaftsgeleitete Infrastrukturen eingebettet ist (UNESCO 2021; EU Council 2023; Neufend, Kindling und Fischer 2024; Rooryck und Johan 2024.).

22Seit Beginn der 2020er Jahre gewinnt die Rolle von Diamond Open Access in der Wissenschafts- und Förderpolitik zunehmend an Bedeutung. Durch die Unabhängigkeit von kommerziellen Interessen und die Ausrichtung auf die Belange von Forschung und Wissenschaft gelten diese am Gemeinwohl orientierten Publikationsmodelle als besonders geeignet, den auch auf europäischer und internationaler Ebene ausgesprochenen Empfehlungen für eine offene Wissenschaft und ein Publikationssystem auf Basis von Qualität, gleichberechtigtem und offenem Zugang sowie nachhaltiger Finanzierung gerecht zu werden.

23Gleichwohl wird beispielsweise in der erwähnten DFG-Ausschreibung betont, dass Diamond-Open- Access-Angebote sehr heterogen und von unterschiedlichem inhaltlichen, organisatorischen und technischen Niveau geprägt sind, und dass das „bestehende Reputationsregime“ (DFG 2024) eine Herausforderung für die Etablierung, auch von innovativen und attraktiven Publikationsangeboten darstellt. Vor diesem Hintergrund muss die Gründung des Diamond-Open-Access-Verlags Berlin Universities Publishing, dessen Strategien zum Reputationsaufbau im Folgenden vorgestellt werden.

3. Berlin Universities Publishing

3.1 Strategien des Reputationsaufbaus

24Berlin Universities Publishing (BerlinUP) ist der gemeinsame Universitätsverlag der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Technischen Universität Berlin und der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Der Verlag wurde im Herbst 2023 offiziell eröffnet. Die Initiative geht auf den Zusammenschluss der vier genannten Einrichtungen zur Berlin University Alliance (BUA) im Jahr 2018 zurück, der den gemeinsamen Aufbau eines integrierten Forschungsraumes zum Ziel hat, um Berlin zu einem führenden Wissenschaftsstandort in Europa auszugestalten (FU Berlin 2018). Ein wichtiges Teilziel ist dabei die Schaffung eines berlinweiten Netzwerkes für Forschungsdienstleistungen und -infrastrukturen, worunter auch Publikationsangebote gefasst werden.

25Auf diese Weise möchte die BUA ihren Forschenden die Möglichkeit bieten, den gesamten Forschungsprozess im Sinne einer offenen Wissenschaft auszurichten, die auf Prinzipien der Nachnutzbarkeit und Überprüfbarkeit, der Inklusion und Kooperation sowie der Transparenz und Zugänglichkeit (BUA 2023) basiert. Eine zentrale Rolle spielt hierbei die Bereitstellung von Dienstleistungen für das Open-Access-Publizieren von Forschungsergebnissen und Forschungsdaten, weshalb die Etablierung und Weiterentwicklung eines gemeinsamen Netzwerkes von Publikationsangeboten aufbauend auf bereits vorhanden Strukturen und Expertisen der vier Einrichtungen naheliegt.

26So konnte das von der BUA geförderte Projekt „Distributed Network for Publishing Services“ (2021–2023) erfolgreich das Ziel umsetzen, einen gemeinsamen Universitätsverlag nach dem Diamond-Open-Access-Modell aufzubauen: Berlin Universities Publishing. Damit soll insbesondere den Forderungen von Wissenschaftsorganisationen und Fördereinrichtungen entsprochen werden, qualitätsgesicherte und frei zugängliche Erstpublikationen im Rahmen von wissenschaftseigenen Infrastrukturen zu ermöglichen (BerlinUP 2022). Durch die Trägerschaft der vier Bibliotheken der beteiligten Einrichtungen ist es gelungen, die für einen nachhaltigen Langzeitbetrieb notwendigen Personalstellen zu verstetigen.

27Die Schwerpunkte des Verlagsangebotes verteilen sich auf drei Sparten: Die Sparte BerlinUP Books bietet die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Büchern wie Monografien, Sammelbänden und Schriftenreihen an. Sie wird von der TU Berlin verantwortet, an der bereits eine über 50jährige Erfahrung mit einem eigenen Universitätsverlag für Bücher besteht. Die vorher an der TU etablierten Verlagsservices sind vollständig in der Buchsparte von BerlinUP aufgegangen, während der Universitätsverlag seine Publikationstätigkeit im Jahr 2023 eingestellt hat. Die Sparte BerlinUP Journals ermöglicht die Herausgabe einer wissenschaftlichen Zeitschrift sowohl für Neugründungen als auch für Journal Flippings von bereits bestehenden Zeitschriften. Der Bereich wird von der FU Berlin verantwortet, an der seit 2008 Journal Hosting mit der Publikationssoftware Open Journal Systems (OJS) angeboten wird. Seit der Gründung von BerlinUP werden an der FU nur noch BerlinUP-Zeitschriften angenommen und durchlaufen einen dafür neu etablierten Qualitätssicherungsprozess. Für die bereits zuvor an der FU angesiedelten Zeitschriften bleibt der Hosting-Service weiterhin bestehen. Schließlich bietet die Sparte BerlinUP Beratung eine allgemeine und verlagsunabhängige Publikationsberatung an, an der alle vier Einrichtungen beteiligt sind und die von der HU Berlin koordiniert wird.

28Seit Gründung des Verlags wurden bereits zehn Journals in das Verlagsprogramm aufgenommen. Die Buchsparte verzeichnet einen Backkatalog von 20 publizierten Titeln und sieben Schriftenreihen. Neben der Publikation wissenschaftlicher Werke wurde darüber hinaus ein dauerhaft verfügbares, verlagsunabhängiges Beratungsangebot für die Forschenden der BUA etabliert. Das Dienstleistungsspektrum geht dabei weit über die technische Bereitstellung von Publikationsservices hinaus. Es umfasst eine enge Projektbetreuung, intensive Qualitätssicherungsprozesse und individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse der Publizierenden ausgelegte Publikationsworkflows. BerlinUP stellt daher nicht nur eine Publikationsplattform im technischen Sinne dar, sondern beinhaltet umfasst auch ganz wesentlich verlegerische Services.

29Diese für die Reputationsfrage wichtige Unterscheidung spiegelt sich auch in der begrifflichen Differenzierung von „Service Provider“ und „Scholarly Publisher“ in den Empfehlungen DOAS: The Diamond Open Access Standard (DIAMAS 2024) wider, bei der nur letzterer die Verantwortung für wissenschaftliche, rechtliche und ethische Aspekte des wissenschaftlichen Publizierens übernimmt. Insofern verfolgt BerlinUP von Anfang an gezielte Strategien für den Reputationsaufbaus, um dem eigenen Anspruch einer solchen Verantwortung gerecht zu werden und nach außen entsprechend wahrgenommen werden zu können. Werteorientierung, Governance-Struktur, Kooperation, Branding, Öffentlichkeitsarbeit, Nachhaltigkeit und vor allem Qualitätssicherung kommen dabei eine besonderer Bedeutung zu.

Werteorientierung

30Die wissenschaftspolitische Bedeutung von Diamond Open Access beruht vor allem darauf, einen vielversprechenden Gegenentwurf zu kommerziellen Publikationsmodellen anzubieten, der sich nicht an Gewinnmaximierung, sondern an den Belangen von Wissenschaft und Gesellschaft orientiert. Insofern sind die aktuellen Empfehlungen nationaler, europäischer und internationaler Gremien hinsichtlich einer offenen Wissenschaft und dem Ausbau von Diamond-Open-Access-Angeboten maßgebend für BerlinUP. Diese Orientierung an Werten, Werteorientierung wie insbesondere die Abhebung von gewinnorientierten Verlagen durch wissenschaftseigene Publikationsinfrastrukturen und die Unterstützung einer qualitätsfokussierten, kosteneffizienten wie nachhaltigen Open-Access-Transformation sind daher explizit im Mission Statement (BerlinUP 2022) des Verlags festgehalten. Damit sollen nicht nur finanzielle Hürden für Publizierende abgebaut und die Vielfalt der Publikationslandschaft vergrößert werden, sondern auch die Attraktivität des Verlags als Alternativangebot erhöht werden.

Governance-Struktur

31Interne Verlagsstrukturen sind wichtig für verlässliche Entscheidungsprozesse und reibungslose Kommunikationswege. BerlinUP verfügt auf strategischer Ebene über eine Verlagsleitung, die aus den vier Bibliotheksdirektor*innen (Board of Directors) besteht, und einen wissenschaftlichen Beirat, der aus jeweils drei Forschenden der vier Einrichtungen zusammengesetzt ist. Beide Gremien sind verantwortlich für die langfristige Ausrichtung des Verlags und den Aufbau des Verlagsprogramms. Auf operativer Ebene agieren die Teams der einzelnen Verlagssparten, die durch eine administrative Geschäftsführung ergänzt werden. Eine solche Institutionalisierung von Steuerungsstrukturen hilft nicht nur interne Prozesse zu optimieren, sondern auch nach außen hin das Vertrauen in den Verlag für Publizierende, Herausgebende und Kooperationspartner zu stärken.

Kooperation

32Eine besondere Herausforderung für Publikationsmodelle, die bewusst auf Gebühren für Publizierende verzichten, ist der effiziente Einsatz von Ressourcen. BerlinUP setzt daher in hohem Maße auf Zusammenarbeit innerhalb der Diamond-Open-Access-Community und beteiligt sich an nationalen und europäischen Open-Research-Initiativen. Dabei werden der Einsatz von Open-Source-Lösungen, die community-basierte Weiterentwicklung von Infrastrukturen und Services sowie deren Interoperabilität und Nachnutzbarkeit als wichtige Prinzipien angesehen. So beteiligt sich BerlinUP aktiv an Veranstaltungen des Projekts open-access.network 3, ist Mitglied in der AG Universitätsverlage 4, der Association of European University Presses (AEUP)5, der Library Publishing Coalition 6, der Open Access Scholarly Publishing Association (OASPA)7, im DSpace-Konsortium 8 und in den OJS-Communitys OJS-de.net 9 und Public Knowledge Project (PKP)10. Darüber hinaus ist BerlinUP am Aufbau der von der DFG geförderten Servicestelle Diamond Open Access (SeDOA 2025) beteiligt. Eine solche Vernetzung und Zusammenarbeit trägt nicht nur zum Community Building und zur Optimierung des Ressourceneinsatzes bei, sondern zeigt das Engagement von BerlinUP als Kooperationspartner etwa für Fachgesellschaften, Fachinformationsdienste, Verlage oder Anbieter von Publikationsservices.

Branding

33Die Wirkung einer Markenbildung durch ein wiedererkennbares und einheitliches Design sollte im Hinblick auf den Reputationsaufbau gewiss nicht überschätzt, aber eben auch nicht unterschätzt werden. BerlinUP konnte hierbei auf ein hausinternes Team zur Mediengestaltung zurückgreifen, das ein Design-Konzept, einschließlich eines Logos als Wort- und Bildmarke, eines Schrift- und Farbkonzepts für die Erstellung von Webseiten, Social-Media-Auftritten, Präsentationsfolien, Postern und weiteren Materialien für die Öffentlichkeitsarbeit entwickelte. Für die Zukunft sind zumindest in einem überschaubaren Umfang auch Maßnahmen für ein Merchandising geplant. Ein solches Branding ist sowohl für ein einrichtungsübergreifendes Vorhaben identitätsstiftend als auch unerlässlich für die Markenbildung eines noch jungen Verlags auf dem Publikationsmarkt.

Öffentlichkeitsarbeit

34Die Sichtbarkeit von BerlinUP innerhalb und außerhalb der Wissenschaft wird durch verschiedene Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit erhöht. Dazu zählen beispielsweise Präsentationen auf Konferenzen, die Durchführung von Workshops und Schulungen, die Zusammenarbeit mit Open-Access-Beauftragten und anderen Multiplikator*innen sowie die Onlinepräsenz über eine Website und in sozialen Medien. Für die Akquise neuer Publikationsprojekte werden gezielt die Fakultäten, Institute und Fachinformationsdienste der vier beteiligten Einrichtungen angesprochen und auf das Serviceportfolio des Verlags aufmerksam gemacht. Dabei wird besonderer Wert auf Transparenz in Hinblick auf Aufnahmekriterien, den Aufnahmeprozess, die Qualitätssicherung oder den Umfang des Serviceangebotes gelegt. Letzterer erscheint besonders wichtig, da gewisse verlegerische Services nur bedingt inhäusig übernommen werden können. So führt die Buchsparte zwar ein extensives Formallektorat durch, explizit fachwissenschaftlich-inhaltliche Lektoratsdienstleistungen müssen jedoch ggf. durch externe Lektor*innen gewährleistet werden. Ebenso verhält es sich mit Satz- und Layoutdienstleistungen. Insofern übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit auch die Funktion eines Erwartungsmanagements zur Vermeidung mögliche Missverständnisse und daraus entstehender Reputationsverluste.

Nachhaltigkeit

35Eine weitere Herausforderung des Diamond-Open-Access-Modells ist der nachhaltige Betrieb von Publikationsinfrastrukturen sowie die dauerhafte Herausgabe periodisch erscheinender Publikationsformen wie Schriftenreihen oder Zeitschriften. Aufgrund fehlender Einnahmen durch Publikationsgebühren müssen in beiden Fällen Kosten für Personal und Sachmittel entweder über das Haushaltsbudget der jeweiligen Einrichtung, über Drittmittel von Förderinstitutionen oder über alternative Finanzierungsmodelle wie Konsortiallösungen und Mitgliedschaften abgedeckt werden. BerlinUP gewährleistet seinen Dauerbetrieb durch die gemeinsame Trägerschaft der vier beteiligten Bibliotheken und konnte so eine Verstetigung von Personalstellen erwirken. Die gemeinsam genutzten und arbeitsteilig differenzierten Infrastrukturen und Services führen zudem zu einer effizienteren und kostensparenden Vorhaltung und Weiterentwicklung. Des Weiteren wird für die Aufnahme von Zeitschriften und Schriftenreihen ins Verlagsprogramm von den Herausgebenden ein Nachhaltigkeitskonzept gefordert, das über vorhandene Ressourcen und Planungen zum dauerhaften Betrieb Auskunft gibt. Auf diese Weise sollen kurzfristig eingestellte Publikationsvorhaben bzw. inaktive Periodika möglichst vermieden und Vertrauen in das langfristige Bestehen des Verlags aufgebaut werden.

Qualitätssicherung

36Der für den Reputationsaufbau eines neu gegründeten Verlags wichtigste Aspekt ist die Qualitätssicherung. BerlinUP berücksichtigt die technische, formale, inhaltliche und ethische Qualitätssicherung. Auf der technischen Ebene wird sichergestellt, dass jede Publikation als persistenten Identifikator einen Digital Object Identifier (DOI) erhält und standardisierte Metadaten zur Beschreibung genutzt werden. Für den Fall hybrider Buchpublikationen, also der zeitgleichen Veröffentlichung einer Print-Auflage, wird jede Publikation zusätzlich mit einer ISBN ausgestattet. Die Langzeitarchivierung wird durch geeignete Publikationsformate und die Ablage in zertifizierten Repositorien bzw. über die Pflichtablieferung an die Deutsche Nationalbibliothek (DNB 2025) gewährleistet. Bei Zeitschriften werden darüber hinaus für die Publikationssoftware Open Journal Systems regelmäßig Upgrades vorgenommen und ein kontinuierlicher Software-Support angeboten. Eine Verknüpfung mit Datenpublikationen wird ebenfalls unterstützt.

37Die formale Qualitätssicherung bei Buchpublikationen wird vollständig durch die Buchsparte abgedeckt. So durchläuft jedes Manuskript ein extensives Formallektorat, in dem der Text hinsichtlich formaler Kriterien genau geprüft wird. Die Prüfung geht dabei über die Einhaltung des korrekten Satzspiegels, der Einbettung von Schriften und der korrekten Darstellbarkeit von Formeln, Tabellen und anderen Publikationselementen hinaus – so wird in diesem Schritt zum Beispiel auch geprüft, ob die Autor*innen innerhalb ihrer Publikationen einen konsistenten Zitationsstil anwenden oder die Quellen auf die korrekten Texte verweisen. Darüber hinaus wird die Langzeitarchivierbarkeit der abgelieferten Text- und Datenformate geprüft und bei Bedarf angepasst. Bei Zeitschriften werden den Redaktionen Checklisten für die Gestaltung der Journal-Webseite und die Erstellung von PDF-Dateien zur Verfügung gestellt und deren Einhaltung regelmäßig überprüft. Beiden Sparten liegen darüber hinaus jeweils die Qualitätskriterien des Directory of Open Access Books (DOAB)11 bzw. des Directory of Open Access Journals (DOAJ)12 zugrunde.

38Besonderes Augenmerk liegt von Anfang an auf der inhaltlichen und fachwissenschaftlichen Qualitätssicherung aller BerlinUP-Publikationen. Alle Buchpublikationen durchlaufen konsequent ein in der jeweiligen Fachdisziplin etabliertes und akzeptiertes Format der Qualitätssicherung. In der Regel handelt es sich hierbei um eine Form des Peer Reviews. Bei Monografien wird dieser Prozess standardisiert durch den Verlag organisiert. Bei Sammelbänden werden die Gutachten auf Wunsch ebenfalls durch die Buchsparte eingeholt. Andernfalls sind die Herausgeber*innen-Gremien für die Organisation des Peer-Review-Prozesses verantwortlich. Bei Schriftenreihen liegt die Organisation der inhaltlichen Qualitätssicherung in der Regel vollständig in den Händen der Reihenherausgeber*innen. Die Art der Qualitätssicherung (Double Blind, Single Blind, Open, etc.), welche Bestandteile des Manuskripts begutachtet werden (einzelne Kapitel oder das gesamte Manuskript), wer als Gutachter*innen agiert (externe Gutachter*innen, die Herausgeber*innen, Open Peer Review, etc.) und wer für die Organisation der Begutachtung verantwortlich ist (Herausgeber*innen, Projektmitarbeitende, der Verlag, etc.) ist Bestandteil der Publikationsverträge der Buchsparte. Die Form der angewendeten Begutachtung wird darüber hinaus transparent in der Titelei eines jeden Buches dargestellt. Auch bei den BerlinUP-Zeitschriften ist der Begutachtungsmodus Bestandteil der Verlagsverträge. Welche Form der Qualitätssicherung bei den jeweiligen Zeitschriftenprojekten Anwendung findet, wird transparent auf der Webseite des Journals beschrieben. Für die Organisation der Begutachtung sind die Herausgeber*innen der jeweiligen Zeitschriften verantwortlich.

39Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Qualitätssicherung ist die Einhaltung (publikations-)ethischer Standards. Sowohl für Buch- als auch für Zeitschriftenpublikationen gelten hierbei die Leitlinien zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis der DFG (2019). Ebenso beruft sich der Verlag auf die Core Practices des Committee of Publication Ethics (COPE).13 Da seit dem Aufkommen großer Sprachmodelle auch der Umgang mit KI-Tools in der Wissenschaft eine immer größere Rolle spielt, hat BerlinUP als einer der ersten deutschsprachigen Universitätsverlage eine eigene Leitlinie zum Umgang mit künstlicher Intelligenz (BerlinUP 2024) veröffentlicht. Diese soll Autor*innen dabei helfen, generative KI-Tools von anderen Hilfsmitteln zu unterscheiden und diese korrekt zu referenzieren. Weiterhin wird die Nutzung von KI-Tools für bestimmte Prozesse innerhalb der Publikationskette, wie etwa für die Begutachtung von Manuskripten, ausgeschlossen.

40Schließlich werden auch die verlegerischen Maßnahmen zur Qualitätssicherung ihrerseits regelmäßig evaluiert und an aktuelle Anforderungen und Empfehlungen zum Diamond-Open-Access-Publizieren angepasst. Insgesamt gilt für alle Aspekte des Reputationsaufbaus bei BerlinUP ein hohes Maß an Transparenz, da nachvollziehbare Prozesse das Vertrauen in einen Verlag stärken.

3.2 Zur Reform der Forschungsbewertung

41Die skizzierten Strategien zum Reputationsaufbau bei Berlin Universities Publishing müssen auch vor dem Hintergrund aktueller Reformbemühungen zur Forschungsbewertung gesehen werden. Eine Orientierung an den Belangen von Wissenschaft und Gesellschaft schließt eben auch ein, dass die Bewertungskriterien von Forschung nicht von außerwissenschaftlichen Akteuren wie kommerziellen Verlagen bzw. Datenkonzernen vorgegeben werden sollten. So priorisieren letztere oft Kennzahlen zur Bewertung eines Publikationsortes höher als zur Bewertung der eigentlichen Publikation.

42Bereits in der San Francisco Declaration of Research Assessment (DORA 2013), eine Initiative vor allem von Herausgeber*innen von Fachzeitschriften, wird die bestehende Praxis der Reputationszuschreibung im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Publikationen kritisiert. Das zentrale Argument ist, dass die Bewertung von Forschung nicht auf Grundlage des Publikationsortes, also etwa auf Ebene einer Fachzeitschrift erfolgen sollte, sondern auf Grundlage der Forschung selbst, zum Beispiel auf Ebene eines Zeitschriftenartikels. Insofern wird empfohlen, quantitative Indikatoren wie den Journal Impact Factor nicht bei der Qualitätsbewertung und damit bei Entscheidungen über Einstellung, Beförderung oder Finanzierung einzelner Wissenschaftler*innen zu berücksichtigen.

43In die gleiche Stoßrichtung zielt die Coalition of Advancing Research Assessment (CoARA 2022), ein weltweiter Zusammenschluss von Forschungsorganisationen mit dem Ziel, die Methoden und Prozesse der Bewertung von Forschung, Forschenden und Forschungseinrichtungen zu reformieren. Die Kernforderungen zielen dabei auf die Anerkennung der gesamten Bandbreite an Forschungsleistungen, die nicht auf das Publizieren von Fachartikeln reduziert werden sollten, auf die primäre Beachtung qualitativer Bewertungsverfahren wie dem Peer Review, auf die Vermeidung einer unangemessenen Verwendung von publikationsortbasierten Metriken wie dem Journal Impact Factor, sowie auf die Vermeidung von undifferenzierten Rankings ganzer Forschungseinrichtungen.

44In diesem Sinne unterstützt BerlinUP ausdrücklich die Abkehr von ausschließlich quantitativen Indikatoren zur Bewertung wissenschaftlicher Qualität oder zum Ranking von Publikationsorten (BerlinUP 2022). Des Weiteren befürwortet BerlinUP die unter anderem vom Open Research Office Berlin 14 formulierten Empfehlungen für die Berliner Forschungseinrichtungen, die eine Implementierung und praktische Umsetzung dieser Kernforderungen adressieren und dabei die Bedeutung von Praktiken offener Wissenschaft betonen (Kindling, Neufend und Vuorimäki 2024).

45Allerdings ist die Reformierung eines ganzen Bewertungssystems ein langwieriger Prozess, der sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in den einzelnen Fachcommunitys, Publikationskulturen und Entscheidungsgremien ausgestalten wird. Insofern ist zu erwarten, dass traditionelle Praxen der Reputationszuschreibung wie die Orientierung an hochgerankten Fachzeitschriften und renommierten Verlagsnamen in vielen Bereichen ein hohes Beharrungsvermögen aufweisen werden. Das scheint insbesondere bei karrierewirksamen Publikationsentscheidungen der Fall zu sein. So zeigt eine Studie zur wahrgenommenen Qualität bei Zeitschriftenpublikationen, differenziert in die drei Aspekte Journal Impact, Sichtbarkeit und inhaltliche Qualität, dass aus der Perspektive des Karriere-Ichs (career-self) der Journal Impact deutlich höher gewichtet wird als die inhaltliche Qualität, während aus der Perspektive des Arbeits-Ichs (work-self) genau das Gegenteil zutrifft (Moksness und Olson 2020). Interessanterweise steht dabei die Entscheidung für eine Open-Access-Publikation nur mit dem in beiden Fällen am schwächsten gewichteten Aspekt der Sichtbarkeit in einem positiven Zusammenhang. Der Aspekt der inhaltlichen Qualität verhält sich jedoch neutral, der Aspekt des Journal Impacts korreliert sogar negativ .

46Im Zuge der Reformbemühungen zur Forschungsbewertung kommt es darauf an, für die Wahl des Publikationsortes konkrete Alternativen anzubieten, die den aktuellen Anforderungen und Empfehlungen aus der Wissenschaftspolitik entsprechen. Berlin Universities Publishing leistet als nicht-kommerzieller und wissenschaftsgeleiteter Publikationsdienstleister dazu einen wichtigen Beitrag.

4. Fazit

47Die im Titel dieses Tagungsbandes formulierte Frage „Reputation ohne Paywall?“ lässt sich offenbar nur positiv beantworten, wenn man auf eine pauschale Ein-Wort-Antwort verzichtet. Die wahrgenommene Reputation von Publikationen ohne eine Paywall für Lesende ist eine Herausforderung und unterscheidet sich in unterschiedlichen Fachkulturen und für unterschiedliche Wege des Open-Access-Publizierens. Das gilt in besonderem Maße für das Modell von Diamond Open Access, bei dem zusätzlich auf eine Paywall für Publizierende verzichtet wird. Der Aufbau von Vertrauen und Reputation für einen wissenschaftsgeleiteten Publikationsanbieter sollte von Anfang an klaren Strategien verfolgen, um sich sowohl von kommerziellen Verlagen als auch von rein technischen Service Providern zu unterscheiden. Ein Alleinstellungsmerkmal kann dabei die gleichzeitige Orientierung an wissenschaftlicher Qualität und am Gemeinwohl darstellen.

48Diesen Ansatz verfolgt der Diamond-Open-Access-Verlag Berlin Universities Publishing. Insofern erachtet BerlinUP den Aufbau von Reputation als wichtige Aufgabe und teilt nicht die in diesem Sammelband vorgeschlagene „post-reputationale Perspektive“ (Müller-Laackman und Mummenthei 2025) auf das Wissenschafts- und Publikationssystem. Während letztere für eine generelle Abschaffung von Reputation als Bewertungs- und Verwertungskonzept zugunsten einer kollektivistisch-anarchistischen Wissen(schaft)spraxis plädiert, zielt das Bestreben von BerlinUP darauf ab, die Prioritäten bei der Reputationszuschreibung zu verschieben.

49Zwar teilt BerlinUP die Kritik an der Kommodifizierung von Wissen durch kommerzielle Akteure, gerade nicht-gewinnorientierte Alternativangebote sind daher aber umso mehr auf vertrauensbildende Maßnahmen und Reputationszuschreibungen angewiesen. Interessanterweise leitet sich der Terminus Reputation vom lateinischen reputātio „Anrechnung, Erwägung, Betrachtung“ bzw. reputāre „an-, zurechnen, erwägen, bedenken“ (DWDS 2025) ab, womit auf die unverzichtbare Entlastungsfunktion durch Zurechenbarkeit verwiesen wird. Insofern haben die hier vorgestellten langfristig angelegten Strategien zum Reputationsaufbau das Ziel, den Verlag Berlin Universities Publishing als eine Marke zu etablieren, der gewisse Attribute zugerechnet werden. Der entscheidende Punkt ist, dass dies nicht unbedingt die gleichen Attribute sind, die in der traditionellen Reputationsökonomie hoch gehandelt werden. Insofern unterstützt BerlinUP mit der Ausrichtung auf die Belange von Wissenschaft und Gesellschaft die aktuellen Bemühungen, einen strukturellen Wandel des Systems der Forschungsbewertung voranzubringen.

Literatur

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  7. Berlin Universities Publishing – BerlinUP. 2024. „Leitlinie zum Umgang mit künstlicher Intelligenz.“ https://www.berlin-universities-publishing.de/ueber-uns/policies/ki-leitlinie/index.html (Letzter Stand: 17.02.2025).
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  9. Berlin University Alliance – BUA. 2023. „The Mission Statement for Open Science at the Berlin University Alliance.“ https://www.berlin-university-alliance.de/commitments/research-quality/open-science/Leitbild-fuer-OS/index.html (Letzter Stand: 17.02.2025).
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  22. Deutsche Nationalbibliothek – DNB. 2025. „Sammlung unkörperlicher Werke.“ https://www.dnb.de/DE/Professionell/Sammeln/Unkoerperliche_Medienwerke/unkoerperliche_medienwerke_node.html (Letzter Stand: 17.02.2025).
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Notes
[1]

3Die Tagung zum 10jährigen Jubiläum der AG Digitales Publizieren fand statt vom 8.-9. Oktober 2024 an der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, https://events.gwdg.de/event/761/contributions/.

[2]

12Zur Ausweitung einer Bildungs- und Wissenschaftsschranke des Urheberrechts, insbesondere durch Inkrafttreten von § 38 Abs. 4 UrhG im Jahr 2014, siehe de la Durantaye 2014.

[3]

32https://open-access.network/startseite.

[4]

32https://ag-univerlage.de/.

[5]

32https://www.aeup.eu/.

[6]

32https://librarypublishing.org/.

[7]

32https://www.oaspa.org/.

[8]

32https://wiki.lyrasis.org/display/DSPACE/DSpace-Konsortium+Deutschland.

[9]

32https://ojs-de.net/start.

[10]

32https://pkp.sfu.ca/.

[11]

37https://www.doabooks.org/.

[12]

37https://doaj.org/.

[13]

39Die COPE Core Practices wurden mittlerweile durch die sogenannte Topics ersetzt: https://publicationethics.org/about/what-we-do/our-story/why-core-practices-were-replaced-topics.

[14]

44https://www.open-access-berlin.de/

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